KINDER DER SONNE INHALTSANGABE

Maxim Gorkis früheste Kindheitserinnerung ist der Tod seines Vaters, der im Jahr 1871 an der Cholera starb. Mit der Szene des Dreijährigen am Totenbett des Vaters beginnt die Autobiografie Gorkis - einer Szene, die noch erschütternder wirkt, wenn man wie der norwegische Gorki-Biograf Geir Kjetsaa davon ausgeht, dass es der Sohn war, bei dem der Vater sich infiziert hatte. Für den in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsenen Schriftsteller war die Cholera also nicht nur eine gefährliche Epidemie, sondern eine sehr persönliche Angelegenheit und eine soziale Realität.

Zwanzig Jahre nach dem Tod des Vaters, im Jahr 1892, erlebt Russland den letzten großen Ausbruch der Epidemie, die sich von Persien über das Kaspische Meer am Lauf der Wolga entlang ausbreitet. Im Zusammenhang mit der Seuche kommt es zu Revolten der ärmeren Bevölkerung, die erneut erleben muss, dass sie von den Folgen der Krankheit am stärksten betroffen ist. In seiner großen Erzählung "Die Eheleute Orlow", die 1897 erscheint, verarbeitet Gorki den Ausbruch der Krankheit erstmals literarisch, und zwar überraschenderweise im Rahmen einer Emanzipationsgeschichte. Der Ehefrau des Schusters und Alkoholikers Grigorij Orlow gelingt es, durch die Arbeit in einer Cholera-Baracke zu Selbstbewusstsein und Würde zu gelangen und sich schließlich von ihrem tyrannischen Mann zu trennen. Zwischenzeitlich scheint sich durch die gemeinsame Arbeit des Ehepaars in der Baracke sogar die Möglichkeit eines neuen Zusammenlebens aufzutun, bevor Grigorij wieder dem Alkoholismus verfällt. Der Ausnahmezustand der Epidemie ermächtigt die Figuren in dieser Erzählung zu Bewegungen, die der elende (Ehe-)Alltag der sozial deklassierten kleinen Handwerker im Zarenreich nicht hatte möglich erscheinen lassen.

Als Gorki sich das nächste Mal schriftstellerisch mit der Cholera befasst, haben sich die Zeichen der Zeit geändert. 1905 ist Russland in ein vorrevolutionäres Stadium eingetreten und Gorki bereits eine prominente und vom Regime gefürchtete Figur. Nach dem sogenannten Petersburger Blutsonntag, als der Zar eine Demonstration, die ihm eine Bittschrift überreichen will, vor dem Winterpalais zusammenschießen lässt, findet sich Gorkis Name unter einem Aufruf zu offener Rebellion: "Wir wenden uns an alle Bürger Russlands, um unverzüglich, brüderlich und unbeirrt den Kampf gegen die zaristische Selbstherrschaft aufzunehmen." Zwei Tage später wird er in den Kerker der Peter-und-Paul-Festung gegenüber dem Winterpalais gesperrt. Er erhält die Genehmigung nachts zu schreiben und verfasst ein Theaterstück mit dem taghellen und zukunftstrunkenen Titel: "Kinder der Sonne".

Allerdings handelt das Stück weniger von Menschen, die sich an einem konkreten gesellschaftlichen Aufbruch beteiligen, als vielmehr von solchen, die die um sie herum stattfindenden Veränderungen nicht recht wahrzunehmen scheinen. Im Mittelpunkt steht wieder ein Ehepaar: Pawel, ein Naturwissenschaftler auf der Suche nach den innersten Geheimnissen des Lebens, die ihn befähigen sollen, selbst eines Tages Leben aus der Retorte zu erschaffen. Die technischen und wissenschaftlichen Neuerungen an der Schwelle zum vorigen Jahrhundert ließen derartige Vorstellungen möglich erscheinen und es gab bedeutende Strömungen in Russland, vor und nach der Revolution, die die Befreiung des Menschen erst als vollendet ansehen wollten, wenn er zuletzt auch vom Tod befreit wäre. Was nur so lange schrullig klingt, bis man sich klar macht, dass heute in Kalifornien und anderswo viel Geld und Wissen in ganz ähnliche Gedanken und Projekte gesteckt werden.

So sehr ist Protassow also in die ganz großen Fragen der Wissenschaft und die kleinsten Fortschritte bzw. Rückschläge seiner Experimente vertieft, dass ihn nicht nur die soziale Realität vor der Tür, sondern auch die Vorgänge in seinem privaten Leben nicht in ihrer ganzen Tragweite zu erreichen scheinen. Die Vorstellungen jedenfalls, die seine Frau Jelena sich von einem freien, gelungenen Leben macht, lassen sich in dieser Ehe immer schwerer verwirklichen. Sie sucht Ausgleich bei dem Maler Wagin, den ebenfalls Großes bewegt und ebenfalls vornehmlich in Gedanken: "Der Sonne entgegen" wird sein Opus magnum einmal heißen, das die Aufbruchsstimmung und Mission einer ganzen Generation zum Ausdruck bringen soll. Wenn es denn je begonnen wird. Einstweilen versucht er, Jelena von seiner Liebe zu überzeugen, die seine Gefühle aber nicht in gleichem Maße erwidert. Derweil wird Protassow von der reichen Witwe Melanija umschwärmt, die ihr Geld mit dem Verkauf ihres Körpers an einen alten ungeliebten Ehemann erworben hat, und nach dessen Tod auf der Suche nach der Verwirklichung ihrer Träume von Bedeutung und Größe ist. So hellsichtig und dumm, bei vollem Bewusstsein in die Vergeblichkeit vernarrt wie Protassow und Wagin ist auch der Tierarzt Tschepurnoj, der Protassows Schwester Lisa in selbstzerstörerischer Regelmäßigkeit Heiratsanträge macht.

Die Angst, die allen Figuren in den Knochen sitzt und nach Protassows Worten das einzige ist, was einem Leben in Freiheit und Schönheit entgegensteht, diese Angst vor der Wirklichkeit, der Veränderung, dem Tod, findet ihren deutlichsten Ausdruck in Lisas Verstörungen, die aus einer einmaligen traumatischen Begegnung mit der Wirklichkeit stammen: "Ich habe den blanken Hass auf der Straße gesehen, Massen von rasenden Bestien, die sich gegenseitig voll Lust abgeschlachtet haben. Sie hassen euch, weil ihr euch entfremdet habt und ihr hartes unmenschliches Dasein ignoriert. Ihr Hass ist blind, aber ihr provoziert ihn und er wird euch vernichten!" Und tatsächlich werden die um sich selbst kreiselnden Figuren dieser kleinen Welt im Konjunktiv am Ende den Einbruch der Realität nicht verhindern können. Und vielleicht gerade weil sie so lange nicht gesehen wurde, kommt die Wirklichkeit in schrecklichen Gestalten: als Epidemie, Aufstand, Selbstmord, Wahnsinn.

 

Ihr seid doch alle blind!

"Ihr seid doch alle blind! Macht endlich die Augen auf: Das, was euer Leben ausmacht eure schönen Gedanken und Gefühle, eure Kultur - das sind Blumen in einem finsteren Wald voll Verwesung und Grauen ... Ihr seid so wenige, man bemerkt euch gar nicht auf der Welt.

Ihr seid doch alle blind!

Ihr bester Witz mit Todesfolge

Für die nächsten Vorstellung von "Kinder der Sonne"

Resi-Ensemblemitglied Till Firit erzählt in "Kinder der Sonne" als Boris Nikolajewitsch Tschepurnoj in jeder Vorstellung einen neuen Witz mit Todesfolge und bittet um die Hilfe des Resi-Publikums. Schicken Sie uns Ihren Witz zum Thema Tod, die besten werden bei den nächsten Vorstellungen erzählt. Kein Scherz!

Ihr bester Witz mit Todesfolge

Kinder der Sonne Programmheft Auszug (PDF)

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Die Wissenschaft ist der Verstand und die Kunst das Herz der Welt

Kostümbildnerin Meentje Nielsen hat die Kostüme zu David Böschs Inszenierung "Kinder der Sonne" entworfen und den Figurinen Zitate von Maxim Gorki beiseite gestellt. Im Blog geben wir euch bereits vor der Premiere Einblick in Kostüme und Inszenierung. MEHR ...
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KINDER DER SONNE (FOTOGALERIE)

Großes Schauspielertheater zum Start in die Münchner Theatersaison

Neben den Eröffnungspremieren "Kinder der Sonne" von Maxim Gorki am 23. September 2017 und "Das Schlangenei" von Ingmar Bergman am 30. September 2017 im Cuvilliéstheater, beginnt die neue Theatersaison im Resi mit großem Schauspielertheater: "Macbeth", "Jagdszenen aus Niederbayern", "Phädras Nacht" und "Die Troerinnen".

Großes Schauspielertheater zum Start in die Münchner Theatersaison

Spielzeiteröffnung 2017/18

Politisches Schauspielertheater mit "Kinder der Sonne" + "Das Schlangenei"

Mit der Premiere von Maxim Gorkis "Kinder der Sonne" eröffnet das Residenztheater am 23. September die Spielzeit 2017/18. Es ist die siebte Spielzeit unter Intendant Martin Kušej, in der mit der Frage "Wer ist wir?" eine neue Perspektive auf das eigene Schaffen und das Publikum eingenommen wird. David Bösch inszeniert das vom russischen Dramatiker Gorki am Choleraaufstand 1892 angelehnte Drama "Kinder der Sonne" über den eitlen Chemiker Protassow. Am 30. September zeigen wir die zweite Premiere der neuen Spielzeit: "Das Schlangenei" von Ingmar Bergman im Cuvilliéstheater inszeniert von Anne Lenk.

Spielzeiteröffnung 2017/18
Kinder der Sonne

Kinder der Sonne

von Maxim Gorki

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