KÖPFE IN STÜCKEN 16: COUP DE THÉÂTRE

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Svenja staunte. Von innen war das, was von außen steinern gewirkt hatte, durchweg aus Glas. Man hatte nicht hineinschauen können, man konnte jetzt aber hinausschauen. Selbst die Doppeltür, einmal zugefallen, war ein großes Stück Fenster. Zu sehen gab es draußen allerdings nur Wolken im Blau, oben wie seitwärts. Verfolgerin und Verfolger hatte Svenja wohl abgehängt, in der Wattewelt dort gab’s die beiden nicht. Ein paar Grasflecken zierten die Wolken. Svenja schüttelte den Kopf: unrealistisch. Sie wandte sich der üppigen Vegetation um sie her zu: unter dichten Tannen strahlten japanische Ziersträucher, nicht blütenrein allerdings, Räuber hatten sich an ihnen die schmutzigen Hände abgewischt. Aber die gelben Königkerzen direkt daneben weckten Glaube, Liebe, Hoffnung und Unternehmungsgeist in Svenja, sie kam sich in dieser Pracht vor wie Robin Hood oder Herakles, im Begriff, einen Schweinestall auszuräuchern, oder Antigone, die einem Gewaltherrscher trotzen wollte, vielleicht einem Macbeth, der sich jeden Moment aus dem Dickicht kämpfen würde, von seinen Untaten und eines langen Tages Reise ermattet, um sich zu den Lilien zu legen, überdrüssig der Jagdszenen und erbeuteten Frauen aus Troja oder sonstwoher. Svenja fühlte sich in Ort und Zeit verworfen, als sähe sie den Wald vor lauter Bäumen nicht, den Kalender kaum vor lauter Monden. Sie ging langsam los, strich an langen Glockenblumen vorbei. Ihr Skalp juckte, als wäre sie ein Pelztier vor der Mauser oder ein Geheimnisträger, unterwegs nachtwärts aus dem Garten in die Wüste, verschwiegene Heuchlerin, eine Art kosmischer Frau Tartuffe. Jemand griff ihr von hinten an die Handschellen. Sie stand stockstill, nicht überrascht. Man löste ihre Fesseln. Sie drehte sich um. Kannte sie diesen Asiaten nicht? Aus dem Fernsehen, dem Netz, der Presse? War das nicht ein Politiker aus Nordkorea? Soweit sie wusste, war das Land in einem Krieg geboren worden oder in einem Krieg untergegangen, vielleicht beides, es fiel ihr schwer, sich an derlei zu erinnern, es gab ja kaum noch Geschichte, nur noch Drama. Er sagte freundlich: "Herzlich willkommen im Umbau. Helfen Sie mir, wir wollen gemeinsam kämpfen gegen das überholte formalistische und naturalistische Darstellungssystem, das Schematisierung, Übertreibung und Missgestaltung fördert. Verleihen wir der ideologischen Auseinandersetzung neue Dynamik!" Sie verstand jedes Wort, er sprach in vorzüglich betontem Deutsch und streckte ihr dann die rechte Hand entgegen. Einen Augenblick zögerte Svenja: Was würde geschehen, wenn sie die Geste annahm? Würde er sie in sein Stück ziehen, was immer das für eins sein mochte, oder konnte es ihr gelingen, ihn in ihres zu holen, oder gab es eine dritte, unabsehbare Möglichkeit? Er lächelte, weil ihm ihre Maske gefiel. Svenja kapitulierte vor der eigenen Vernunft und griff zu.  VORHÄNGCHEN  NUR HIER: DIES IST DIE 16. UND LETZTE FOLGE VON "KÖPFE IN STÜCKEN".WWW.RESIDENZTHEATER.DE/KOEPFE-IN-STUECKEN

 

Hinter den Kulissen von "Tartuffe"

Die Proben für eine Inszenierung bleiben meist verborgen: intensive Arbeitsprozesse in einem großen Team, intime Momente auf, neben und hinter der Bühne hat Matija Ferlin, Choreograph der Produktion, in Fotos festgehalten. MEHR ...
Hinter den Kulissen von "Tartuffe"

KÖPFE IN STÜCKEN 15: VON BAHNHÖFEN UMSTELLT

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Kopflosigkeit brach auf dem Platz aus, der von einem guten Dutzend Bahnhöfen umstellt war, zwischen deren Mauerwerk, Beton- und Glasfronten in mittlerer bis großer Entfernung nichts als eine unüberschaubare Menge weitere Bahnhöfe auszumachen war. Ein Bettler schubste einen andern Bettler beiseite, um Svenja aus dem Weg zu springen, ein dicker Katholik bekreuzigte sich, eine Mutter stieß ihren Kinderwagen von sich, als wollte sie den Säugling als Brandopfer in Molochs Ofen schubsen.

KÖPFE IN STÜCKEN 15: VON BAHNHÖFEN UMSTELLT

KÖPFE IN STÜCKEN 14: UNERLAUBTE UMTRIEBE

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Svenja drückte die Augen fest zu, um den Stresskopfschmerz einzuschüchtern, der aufkommen wollte. Dann senkte sie den Kopf und riss die Augen weit auf, um den Boden der Tatsachen direkt vor ihren Füßen deutlich genug zu erkennen. Was sich ihr als Erstes zeigte, war eine hundsrotzgewöhnliche Bahnhofsvorplatztaube mit skarabäusgrünem Hals.

KÖPFE IN STÜCKEN 14: UNERLAUBTE UMTRIEBE

KÖPFE IN STÜCKEN 13: EIGENZEITVERKNAPPUNG

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Die beiden Menschen, die Svenja wieder auf die Beine halfen, sahen ihr nicht nur ähnlich, sondern dabei auch noch verblüffend gut aus. Die Frau stellte sich als "Hallo, ich bin die Svenjana" vor und gab der Benommenen ein Papiertaschentuch, mit dem sie sich den Dreck von der Hand wischen konnte. Svenja dachte: Svenjana, das klingt einerseits wie ein Hörfehler für Swetlana, andererseits aber so, als wäre es eine Frage, wie eine leicht anzügliche Herausforderung: "Svenja, na?"

KÖPFE IN STÜCKEN 13: EIGENZEITVERKNAPPUNG

Köpfe in Stücken

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

In der Spielzeit 2016/17 bitten wir Dietmar Dath, für uns einen Fortsetzungsroman zu schreiben. Unter dem Strich, mit kurzen Spannungsbögen und steilen Erzählklippen. Zu jeder Premiere erscheint eine Folge, die zwar einzeln lesbar ist, aber ebenso in einem Gesamtzusammenhang steht, der sich Folge für Folge erschließt. Es spiegeln sich darin die Stoffe und Autoren der Spielzeit, die Gegenwart wirkt auf die einzelnen Folgen ein und das Vorhaben entspringt dem Wunsch, dass die Gedanken, Widersprüche und Hoffnungen, die hinter der Entstehung eine Spielplans stehen, in eine weitere Form gegossen werden.

Köpfe in Stücken
Tartuffe

Tartuffe

von Molière

TARTUFFE / Residenztheater