KÖPFE IN STÜCKEN 13: EIGENZEITVERKNAPPUNG

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Die beiden Menschen, die Svenja wieder auf die Beine halfen, sahen ihr nicht nur ähnlich, sondern dabei auch noch verblüffend gut aus. Die Frau stellte sich als "Hallo, ich bin die Svenjana" vor und gab der Benommenen ein Papiertaschentuch, mit dem sie sich den Dreck von der Hand wischen konnte. Svenja dachte: Svenjana, das klingt einerseits wie ein Hörfehler für Swetlana, andererseits aber so, als wäre es eine Frage, wie eine leicht anzügliche Herausforderung: "Svenja, na?" Bevor Svenja dazu kam, das anzusprechen, sagte der Mann: "Ja, und ich bin Svenjanathan.", wobei er das erste "a" affektiert in die Länge zog, "Svenjaaaanathan" – vielleicht dachte er, dass sie sonst glaubte, er habe eine gereizte Aufforderung zum Sprechen an den berühmten Toleranzhelden aus Lessings schrägem Stück gerichtet: "Sven, Ja, Nathan?" Nicht zum ersten mal war Svenja froh, dass sie bei der Einweisung in die ROLLENORDER den Lehrgang zur periodischen Selbstverwerfung absolviert hatte. Andernfalls wäre sie von der Konfrontation mit diesen beiden Leuten, die einerseits sie selbst ergänzen sollten und andererseits zwei Tote ersetzen, die nur in Svenjas Erinnerung gestorben waren, für den Rest der Welt aber nie existiert hatten, hoffnungslos überfordert gewesen. Noch Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts hatte es ja nur zwei törichte Näherungen gegeben, mit denen sich die Menschen so etwas erklärt hätten: Verrückte naturwissenschaftliche Theorien darüber, dass es keine Zeit gab, und verrückte geisteswissenschaftliche Theorien darüber, dass es keine Subjekte gab – beides war, wie Svenja aus dem Lehrgang wusste, völliger Unsinn, es gab sowohl Zeit wie Subjektivität, nur das Verhältnis zwischen beiden war ganz anders, als die menschliche Intuition glaubte. Svenja holte tief Luft und sah sich um, während die beiden anfingen, ihr irgendetwas zu erklären, von wegen „gegen diese Moral, der niemand gerecht werden kann…“ "Seit dem Christentum, was ja riskanterweise Menschen gegeneinander…", "Rad zurückdrehen…", "Kaiser Julian und Donald Trump…". Der Bahnhof, aus dessen Hauptgebäude Svenja gekommen war, sah schmutzig und schäbig aus, aber die anderen Bahnhöfe rund um den Platz waren kaum hübscher – sieben Stück, und in den Lücken dazwischen, den Straßen und Gassen, erkannte sie deutlich weitere Bahnhöfe, so dass kein Zweifel möglich war: Die Ansammlung von Bahnhöfen, die sie umstand, war größer als jede Stadt, die Svenja je gesehen hatte. Wohin sollte sie sich wenden, wo ging’s zurück in eine Chance? 

NUR HIER: DIES IST FOLGE 13 VON "KÖPFE IN STÜCKEN". DIETMAR DATH SCHREIBT FÜR UNS EINEN FORTSETZUNGSROMAN. ER SPIELT IN NAHER ZUKUNFT, IN DER AUCH DIE NÄCHSTE FOLGE ERSCHEINT: "UNERLAUBTE UMTRIEBE" IM PROGRAMMHEFT ZUR INSZENIERUNG VON BERNARD-MARIE KOLTÈS' "RÜCKKEHR IN DIE WÜSTE"

KÖPFE IN STÜCKEN 16: COUP DE THÉÂTRE

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Svenja staunte. Von innen war das, was von außen steinern gewirkt hatte, durchweg aus Glas. Man hatte nicht hineinschauen können, man konnte jetzt aber hinausschauen. Selbst die Doppeltür, einmal zugefallen, war ein großes Stück Fenster. Zu sehen gab es draußen allerdings nur Wolken im Blau, oben wie seitwärts. Verfolgerin und Verfolger hatte Svenja wohl abgehängt, in der Wattewelt dort gab’s die beiden nicht. Ein paar Grasflecken zierten die Wolken. Svenja schüttelte den Kopf: unrealistisch.

KÖPFE IN STÜCKEN 16: COUP DE THÉÂTRE

KÖPFE IN STÜCKEN 15: VON BAHNHÖFEN UMSTELLT

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Kopflosigkeit brach auf dem Platz aus, der von einem guten Dutzend Bahnhöfen umstellt war, zwischen deren Mauerwerk, Beton- und Glasfronten in mittlerer bis großer Entfernung nichts als eine unüberschaubare Menge weitere Bahnhöfe auszumachen war. Ein Bettler schubste einen andern Bettler beiseite, um Svenja aus dem Weg zu springen, ein dicker Katholik bekreuzigte sich, eine Mutter stieß ihren Kinderwagen von sich, als wollte sie den Säugling als Brandopfer in Molochs Ofen schubsen.

KÖPFE IN STÜCKEN 15: VON BAHNHÖFEN UMSTELLT

KÖPFE IN STÜCKEN 14: UNERLAUBTE UMTRIEBE

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Svenja drückte die Augen fest zu, um den Stresskopfschmerz einzuschüchtern, der aufkommen wollte. Dann senkte sie den Kopf und riss die Augen weit auf, um den Boden der Tatsachen direkt vor ihren Füßen deutlich genug zu erkennen. Was sich ihr als Erstes zeigte, war eine hundsrotzgewöhnliche Bahnhofsvorplatztaube mit skarabäusgrünem Hals.

KÖPFE IN STÜCKEN 14: UNERLAUBTE UMTRIEBE

KÖPFE IN STÜCKEN 12: WEITERDREHEN WELTABWÄRTS

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Die Schreie des jungen Mannes, den sie gezwungen hatte, sein Leben in ihres rutschen zu lassen, ignorierte Svenja, so gut sie konnte, da sie sich konzentrieren musste, weil sie wusste, dass sie nicht einfach geradeaus laufen durfte, sonst würde sie, so nah an der überschriebenen Szene, ins schlechte Sterben zurückfallen. Ihr kraftvolles, wütend verzweifeltes Rennen war eine Art verkehrter Anlauf zu einem Sprung, der schon hinter ihr lag.

KÖPFE IN STÜCKEN 12: WEITERDREHEN WELTABWÄRTS

Phädras Nacht Programmheft Auszug (PDF)

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Köpfe in Stücken

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

In der Spielzeit 2016/17 bitten wir Dietmar Dath, für uns einen Fortsetzungsroman zu schreiben. Unter dem Strich, mit kurzen Spannungsbögen und steilen Erzählklippen. Zu jeder Premiere erscheint eine Folge, die zwar einzeln lesbar ist, aber ebenso in einem Gesamtzusammenhang steht, der sich Folge für Folge erschließt. Es spiegeln sich darin die Stoffe und Autoren der Spielzeit, die Gegenwart wirkt auf die einzelnen Folgen ein und das Vorhaben entspringt dem Wunsch, dass die Gedanken, Widersprüche und Hoffnungen, die hinter der Entstehung eine Spielplans stehen, in eine weitere Form gegossen werden.

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Phädras Nacht

Phädras Nacht

Ein Projekt von Albert Ostermaier + Martin Kušej

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