KÖPFE IN STÜCKEN 05: Steht alles schon bei Marx

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Svenja schluckte trocken und sagte dann: "Die Zeit kratzt mit den Füßen am Käfigboden. Wir werden uns durch Ziegenpeter, Bärendreck und Flusen kämpfen müssen." Weil den beiden Jungs nicht gelungen war, sie aus dem aufgegebenen Taxi zu ziehen, waren beide notgedrungen eingestiegen, um nicht von ihr getrennt zu werden. Sven saß am Steuer, Svenjamin improvisierte den nötigen, schmutzig-giftigen Eingriff, das Durchstechen von Svenjas verschlossenen und zurückgebildeten Ohren. Schwärzliches Blut lief aus ihrem Kopf, das Svenjamin notdürftig mit dem Taschentuch wegtupfte und aufsog. Aus ihrem Mund fielen haltlose Worte, Reste von efferenten Folgen der Diskrepanz zwischen Seh- und Hörsinn. Sven zuckte zusammen, als das Radio losquatschte: "... Programm der sozialen Wiedereingliederung deutscher Heeresangehöriger ins bundesdeutsche Leben. Die Einarbeitung durch das BKA erfolgt zwar auf Steuerzahlerkosten, aber wie Erfahrungen mit dem amerikanischen Parallelprogramm 'Injured vets now hunt child predators' gezeigt haben, lohnt sich das. Proteste der DRAMATURGIE werden..." Lebendige Röte schoss Svenja ins Gesicht, als sie laut und deutlich sagte: „Mach das aus! Mach! Das! Sofort! Aus!“ Der Wagen fuhr an, mit nicht allzu heftigem Ruck, als Sven das Tastfeld fand, das die Radiostimme verstummen ließ, während Svenjamin versuchte, Svenja zu beruhigen, die freilich nicht halb so beunruhigt war wie die beiden jungen Männer, deren juristische Identität sie teilte: "Mach‘ dir keine Sorgen, so ein Wagen fährt eigentlich automatisch zurück zum Taxistand. Die Taxileute hier in Mainz sind traditionell hilfreich, ich meine... politisch links." Svenja lachte: "Ha, klar, links... ich kenn‘ mich hier aus, das wisst ihr vielleicht nicht, weil ihr noch nicht so lange ich seid, aber ich war hier früher, als meine eigene Mutter, da hab ich fleißig mitgemacht in diesen Mainzer linken Gruppen... es gab da so einen Oberschwätzer, der kam ursprünglich aus Tuttlingen oder Tübingen, König der Szene, Siegbert Päffke. Allen hat er alles erklärt, der König, vor allem Frauen, als wären wir alle seine Töchter. Das Schlimmste war, wie er immer sagte: Steht ja schon bei Marx, und zwar bei den lächerlichsten Sachen – leih‘ mir mal Zigaretten, steht ja schon bei Marx. Wenn man dagegenhielt: Wo bitte steht denn das bei Marx? Da sagte der: Hab‘ ich doch grad gesagt, bei Marx. Ist doch klar. Das trug der immer mit so einer Arroganz vor, und wenn man sagte: Woher willst Du überhaupt immer alles wissen? Da sagte der: Wenn ich’s nicht wüsste, würd‘ ich’s ja nicht sagen – und das immer mit so einer Handbewegung, ganz eklig..." Hastig wedelte sie mit der Rechten, als die Hoffnung, das Auto werde zum nächsten Taxistand gelenkt, sich zerschlug, weil der Wagen von den Steuerimpulsen der Zentrale durch die Schaufensterscheibe in eine Upscale-Boutique gerissen wurde und dabei unter großem Lärm nach rechts kippte.

NUR HIER: DIES IST FOLGE 05 VON "KÖPFE IN STÜCKEN". DIETMAR DATH SCHREIBT FÜR UNS EINEN FORTSETZUNGSROMAN. ER SPIELT IN NAHER ZUKUNFT, IN DER AUCH DIE NÄCHSTE FOLGE ERSCHEINT: ”DAS UNGLÜCK IST ZU EINEM DRITTEL TÖDLICH“ IM PROGRAMMHEFT ZUR INSZENIERUNG VON SHAKESPEARES ”MACBETH“.

Köpfe in Stücken

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

In der Spielzeit 2016/17 bitten wir Dietmar Dath, für uns einen Fortsetzungsroman zu schreiben. Unter dem Strich, mit kurzen Spannungsbögen und steilen Erzählklippen. Zu jeder Premiere erscheint eine Folge, die zwar einzeln lesbar ist, aber ebenso in einem Gesamtzusammenhang steht, der sich Folge für Folge erschließt. Es spiegeln sich darin die Stoffe und Autoren der Spielzeit, die Gegenwart wirkt auf die einzelnen Folgen ein und das Vorhaben entspringt dem Wunsch, dass die Gedanken, Widersprüche und Hoffnungen, die hinter der Entstehung eine Spielplans stehen, in eine weitere Form gegossen werden.

Köpfe in Stücken
Antigone

Antigone

von Sophokles

Antigone