JUNK INHALTSANGABE

Als "eine Geschichte von Königen" wird Ayad Akhtars neues Stück in der ersten Zeile angekündigt, und tatsächlich schildert es Vorgänge an der Wall Street um die Mitte der Achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in den erzählerischen Strukturen eines Historiendramas. Zwei verfeindete Lager stehen einander gegenüber: die "Angreifer" um den Investmentbanker Robert Merkin einerseits, die die feindliche Übernahme eines alteingesessenen Stahlkonzerns mit Hauptsitz in Pennsylvania planen, und auf der anderen Seite Tom Everson und die "Verteidiger" dieses Konzerns, der Arbeitsplätze und ihrer alten Vorrechte. In diesem Kampf geht es nicht nur um die trickreiche Übernahme und Zerschlagung einer alten industriellen Struktur, oder um die Ablösung einer Wirtschaftsform, nennen wir sie "Produktion", durch einen andere, nennen wir sie "Finanzwirtschaft" - dieser Kampf wird zwischen Gesellschaftsbildern ausgefochten.

Tom Eversons Welt ist geprägt von Kontinuitäten. Man muss ein Herkommen aufweisen, um an ihr teilnehmen zu können, so wie Max Cizik zum Beispiel, der schon Toms Vater in Finanzdingen beraten hat. Und wenn es brenzlig wird, ruft man die Kavallerie: in diesem Fall den alten, reichen Finanzmagnaten Leo Tressler, der einen mit seinem vielen Geld aus der Sache herausboxen soll. Der Dünkel, der Chauvinismus dieser Bewahrer des Status quo lässt keine Nostalgie aufkommen. Schon die Vorstellung, dass die Firma, die bereits sein Vater an die Börse brachte, nicht sein Eigentum ist, will Tom Everson nicht in den Kopf.

Robert Merkin hingegen startet mit der Grunderfahrung des Ausgeschlossenen in den Kampf – zu einem gewissen Teil will er die demütigenden Erfahrungen seines jüdischen Vaters, dem der Zugang zu angemessenen Anstellungen und gesellschaftlichem Fortkommen verwehrt geblieben war, mit seinem eigenen Aufstieg rächen. Er ist umgeben von einem ganzen Netzwerk von ehrgeizigen „Nobodies“, die nach Anerkennung gieren und keine Mittel und Wege scheuen, um sie sich zu holen. Es besteht aus anderen Juden, wie Israel Peterman, Kubanern wie Raúl Riviera, jungen Frauen wie Jacqueline Blount, die zwar für Everson arbeitet, aber als "Maulwurf" längst zur anderen Seite gehört, dem irischstämmigen Mark O’Hare und Emporkömmlingen wie Boris Pronsky, Murray Lefkowitz oder dem jungen Devon Atkins. Sie sind alles andere als eine eingeschworene Truppe, die gemeinsam einen Umsturz der Verhältnisse plant, vielmehr sind es lauter Einzelne, die nichts miteinander verbindet als ein kurzfristiges gemeinsames Interesse oder gewisse Abhängigkeiten. Verrat ist für sie nur eine weitere Option. Und einmal zu Einfluss gelangt, werden sie ihrerseits ganz ähnliche Ausschlüsse produzieren - eine Erfahrung, mit der die pakistanischstämmige Hauptfigur Amir in Ayad Akhtars Stück "Geächtet" (das wir ebenfalls im Residenztheater spielen) zu kämpfen haben wird.

Auch die Öffentlichkeit, hier in Person des Staatsanwalts Giuseppe Addesso, ist in "Junk" keine außerhalb dieses Kampfes stehende oder ihn wenigstens regulierende Instanz. Mit dem Prozess gegen Merkin ergreift er nur eine sich bietende Chance, um den eigenen Aufstieg zu befördern.

"Junk" ist die unsentimentale Bestandsaufnahme eines historischen Prozesses, der in den mittleren Achtzigerjahren unter der Präsidentschaft von Ronald Reagan einen vorläufigen Höhepunkt erreichte und bis heute andauert – ein Stück, das "auf der Bühne unseres kollektiven Gedächtnisses" spielt, "die rituelle Darstellung eines Gründungsmythos", wie sein Autor sagt.

Junk Programmheft Auszug (PDF)

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"Geächtet"-Autor Ayad Akhtar zu Besuch am Resi

Tina Lanik bringt den Wirtschaftskrimi "Junk" des Erfolgsautors auf die Bühne am Resi

Im Februar + April war der amerikanische Autor zu Gast am Residenztheater, um mit Regisseurin Tina Lanik über seinen Wirtschaftskrimi "Junk" zu sprechen – ab 22. April im Residenztheater!

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Junk

Junk

von Ayad Akhtar

Junk