"Ich stehe morgens auf und war immer achtzehn"

von John Cassavetes

Jetzt bin ich keine achtzehn mehr und neunzig Prozent meines aktiven Lebens sind vorbei. Ich habe immer jung ausgesehen. Und plötzlich werde ich achtundvierzig. Ich schaue mich im Spiegel an und denke: Was ist denn das für eine bescheuerte Fresse?

Opening Night :: Alles über LauraOpening Night :: Alles über Laura
"Opening Night" beschreibt die Reaktionen von Menschen, die allmählich alt werden: Wie setzt man sich durch, wenn man nicht mehr so begehrenswert ist wie früher, nicht mehr so viel Vertrauen in sich und seine Fähigkeiten hat. Wenn die Kraft nachlässt und man sich dessen bewusst ist. Das ist die erste Idee. Alt werden ist ein ernstes Problem. Ein Schreckgespenst. Deshalb glaube ich, dass ich einen Film darüber machen kann, der einem armen Schwein, das vor demselben Problem steht, vielleicht weiterhilft. Meine Frage ist, können wir dieses Problem überwinden? Können wir es unwichtig machen? Können wir es nüchtern und sachlich betrachten? Können wir es uns leisten, offen darüber zu reden, anstatt uns selbst zu verarschen? Ich suche Antworten auf die Frage, ob und inwieweit wir am Leben teilhaben, Antworten auf unsere Einsamkeit, auf die Liebe, das Glück, auf die Freuden des Lebens.

SCHAUSPIELER

Die zweite Idee ist, das Leben eines künstlerischen, eines schöpferischen Menschen zu schildern. Ich selbst bin nicht besonders eitel, deshalb denke ich mir eine Figur aus, die eine Art von Eitelkeit besitzt, die immer zu hören bekommt, sie sei das, was andere in ihr sehen. Das trifft besonders auf Schauspieler zu, bei denen der Schein das Sein überwiegt und niemand sie wirklich kennt oder in sie hineinschauen kann.

Ich glaube, man ist hin- und hergerissen, ob man ein Individuum ist, als das ich mich in diesem Moment empfinde, oder Teil der Gemeinschaft. Man fragt sich permanent: Will ich ich sein? Oder will ich Teil der Gesellschaft sein? Die egoistische Seite – das Wunschbild von sich selbst – ist für mich der Inbegriff eines Schauspielers. Wenn man frei von anderen Pflichten wäre, könnte man so viel ausdrücken.

Jeder, der seinen Job eine Weile macht, wird irgendwann zum Profi. Wissen ist schädlich, denn sobald man etwas weiß, wird es schwierig, offen und kreativ zu bleiben; Professionalität ist eine Form von Passivität – etwas, wovor man sich hüten muss. Habe ich mich als Schauspieler jemals unsicher gefühlt? Und ob! Wer kennt das nicht? Ich glaube, es geht einem selbst nach vielen Jahren nicht anders. Aber Unsicherheit ist nichts Schlechtes. Im Gegenteil.

Fast jeder interessiert sich fürs Theaterspielen – weil fast jeder komisch sein will; fast jeder möchte dramatisch sein, besser als alle anderen sein. Der Mensch hat den Drang zur Selbstdarstellung. „Opening Night“ handelt auch vom Darstellungstrieb in uns allen, und dass er übermächtig werden kann. Davon, dass wir in irgendeiner Kleinigkeit scheinbar völlig falsch liegen und nie wissen, um welche Kleinigkeit wir kämpfen werden. Ehen sind an Kleinigkeiten gescheitert, Freundschaften an Kleinigkeiten zerbrochen, und große Erfolge wurden aufgrund von Kleinigkeiten erzielt, die einem Massenpublikum unwichtig erschienen, aber für uns sind sie wichtig.

MYRTLE GORDON

"Opening Night" verfolgt eine Schauspielerin im Leben und auf der Bühne, bis sie das junge Mädchen in sich tötet. Myrtle hat einen Job, eine Karriere, und das ist ihr das Wichtigste. Ihr ganzes Leben besteht darin, Schauspielerin zu sein und zu spielen. Sie ist allein und hat schreckliche Angst, die Verletzlichkeit zu verlieren, die sie ihrer Meinung nach als Schauspielerin braucht. Myrtle verwechselt zunehmend ihre Träume und Phantasien mit der Realität. Und plötzlich zerstört jemand ihre Phantasiewelt mit dem Satz: "Du magst das Stück nicht, weil du alt wirst." Zuerst will sie es nicht glauben, aber sie kann das Gegenteil nicht beweisen. Dass sie auf der Bühne ohnmächtig wird und schreit, liegt daran, dass man es nicht erträgt, wenn einem gesagt wird, die eigene Figur sei langweilig, man werde alt und so wie sie. Ich könnte mich nicht auf die Bühne stellen mit dem Gefühl, nichts wert zu sein. So geht es, glaube ich, den meisten Schauspielern, und davon handelt der Film. 

Opening Night :: Alles über LauraOpening Night :: Alles über LauraDer einzige Maßstab für den Erfolg eines Schauspielers ist, was er vor der Kamera oder auf der Bühne erschafft. Schauspieler können nur sich selbst verkaufen, und sie kommunizieren auf so spezielle Art und Weise: Wenn ihnen da jemand sagt, sie seien unfähig, eine bestimmte Rolle zu spielen, können sie den mentalen Aufruhr, den emotionalen Schock, die Qual nicht äußern. Sie können sich in sich selbst zurückziehen, aber die Verletzung tut immer noch weh, weil sie die Persönlichkeit angreift, die gesamte Lebensführung, das Selbstverständnis. Wenn man als Schauspieler mit etwas nicht klarkommt, wollen die anderen wissen, warum es einem anders geht als ihnen. Und wenn man es nicht erklären kann, wird man angegriffen. Myrtle hat den Angriffen nichts entgegenzusetzen – Angriffen, die nicht von Widersachern kommen, sondern von Freunden. Sie sind bedrohlicher, weil sie ihr Selbstverständnis oder das, was sie erreichen möchten, viel schneller ruinieren können. Es sagt sich leicht: "Der Idiot weiß nicht, was er sagt." Aber wenn man denjenigen liebt und achtet, tut es weh, gesagt zu bekommen, dass man Unrecht hat. Nach den Vorwürfen läuft es nicht mehr so wie früher, weil Myrtle nicht mehr sicher ist, dass sie Recht hat. Sie ist völlig verunsichert. Das Besondere an ihr ist, dass sie völlig ehrlich mit sich ist, sehr stur und sehr allein.

Die Erscheinung des jungen Mädchens ist ein Produkt von Myrtles Phantasie, keine Wahnvorstellung. Sie geht notwendig aus ihrer Einsamkeit und ihrem Wesen hervor und hat, weil Myrtle Schauspielerin ist, etwas Kindliches. Ein Anderer hätte vielleicht keine derartige Erscheinung, sondern würde von seiner Leiche oder seinem eigenen Tod träumen. In gewisser Hinsicht ist "Opening Night" auch ein Film gegen die Kunst, weil er behauptet, wenn alles nach Wunsch liefe, würde man überhaupt nichts ausdrücken.

- John Cassavetes 

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