GLORIA INHALTSANGABE

Sie sind jung. Sie sind erfolgreich und sie haben es fast geschafft: Kendra, Dean, Ani und Miles arbeiten im Midtown-Office eines bekannten New Yorker Magazins. Dieser Job könnte ihr Sprungbrett für die große Karriere sein. Auch wenn Miles nur Praktikant, Ani eigentlich Neurowissenschaftlerin und wie die Bloggerin Kendra auf der Suche nach neuen beruflichen Möglichkeiten eher zufällig in der Kulturredaktion des Magazins gelandet ist. Auch Dean, der "dienstälteste" Assistent der Redaktion, fühlt sich eigentlich als Romanautor. Denn in Zeiten des Internets muss man immer auf dem Sprung sein und darf sich nicht zu lange an einer Position festbeißen, sonst bleibt man auf der Strecke. Deshalb beschäftigt sich jeder von ihnen nur mit sich und seinem eigenen Fortkommen. Und so kann es dann auch passieren, dass man die Einladung von Glorias aufwendig geplanter Einweihungsparty zur frisch bezogenen Eigentumswohnung verpasst oder überhaupt nicht ernst genommen hat. Gloria, die seit vielen Jahren in der Schlussredaktion des Magazins steckengeblieben ist, keine Chance auf Veränderung und keine Freunde in und außerhalb des Jobs hat. Keiner von ihnen kann ahnen, dass für Gloria und ihre Kollegen die geplatzte Party zum Horrortrip wird. Denn keiner von ihnen hat sich für Gloria interessiert. Man hat mit der eigenen Karriere zu tun, und außerdem ist man erwachsen "und kann sich seine Freunde selbst aussuchen". Zudem bestimmen News und Fake-News den Alltag und die Aufmerksamkeit der jugendlichen Mitarbeiter, und die Mythen einer fernen Zeit, als das Magazin Kult und das Internet noch kein unendlicher Raum war, schweben noch über allem. So lästert und mobbt man sich durch den Alltag, träumt vom eigenen Erfolg und überbietet sich gegenseitig in Egozentrik und Selbstmitleid. Das alles fühlt sich völlig normal an und ist doch plötzlich ganz anders...

Acht Monate später treffen sich Kendra und Dean im Café. Ebenso wie ihre ehemalige Chefin Nan wissen sie um die Exklusivität ihres persönlichen Schicksals als Überlebende des Amoklaufs in der Redaktion und unternehmen alles, um ihr Überleben spektakulär zu vermarkten.

Branden Jacobs-Jenkins kennt die Figuren und die Welt seines Dramas "Gloria" nur zu gut. Der studierte Anthropologe, der 1984 in Washington DC geboren und mit seinen 33 Jahren einer der auffälligsten jungen amerikanischen Dramatiker ist, hat eine Zeitlang selbst im Magazin The New Yorker gearbeitet. Er beschreibt seine Zeitgenossen mit bitterem Humor und treibt sie im Verlauf seines Dramas immer stärker in eine Tragödie, die niemanden freispricht. Seine böse Farce über die krisengeschüttelte Printwelt, die 2015 in New York uraufgeführten worden ist, zielt ins altersschwache Herz des bürgerlichen Humanismus.

Rousseaus in "Emile oder über die Erziehung" erstmals notierte Aufforderung: "Höre auf dich selbst, folge deinem Herzen, sei dir selbst gegenüber aufrichtig, vertraue dir selbst, tu das, was sich gut anfühlt" ist für die handelnden Personen des Dramas "Gloria" zum Sinn und Zweck ihres Lebens geworden. Doch diese liberalen Ideale haben sich seit langem von einer progressiven in eine reaktive Kraft verwandelt. Persönliche Karriere, ein Buch- oder Fernsehserienhit oder ein verzweifelter Amoklauf führen gleichermaßen zur mehr oder weniger traurigen Berühmtheit, die den Einzelnen für einen Augenblick aus der großen Masse heraushebt. Dabei lässt einen das seit frühester Kindheit gepflegte, einzigartige, authentische Inner-Ich immer öfter an der Vielzahl äußerer Möglichkeiten vor die Hunde gehen. Wenn Jacobs-Jenkins sein Drama in einer New Yorker Redaktion beginnen und Jahre später in einer Film- und Fernsehproduktionsfirma in Los Angeles enden lässt, lernen wir viel über das Scheitern des liberalen Paktes aus Individualismus und freier Marktwirtschaft, der das 21. Jahrhundert fest in seinem Bann hält.

Wie am Schicksal des Enddreißigers Lorin, der als "Faktenchecker" am Stückbeginn der am meisten beschäftigte Mitarbeiter des Magazins zu sein scheint. Er ist total gestresst, "ein passiv-aggressiver Schatten seiner selbst". Lorin wird von den jungen Mitarbeitern des Magazins verhöhnt und bloßgestellt und muss Jahre später in Los Angeles als freier Assistent eines Neunzehnjährigen in einer Film- und Fernsehfirma ganz unten neu beginnen. Sein "sozialer Marktwert" ist weiter gefallen und niemand fragt nach seinen Wünschen und Gefühlen, sein explizit in der Präambel der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung proklamiertes Recht auf das Streben nach Glück. Ist alles nur ein böses Spiel oder unser aller verzweifelter Tagtraum? Lässt Jacobs-Jenkins seine Figuren nicht längst in einer mit Wiedergängern bevölkerten Pseudowelt leben, in der der Einzelne austausch- und wiederverwendbar ist?

Branden Jacobs-Jenkins verlässt im zweiten Teil des Dramas die Einheit von Zeit und Ort seines anfangs mit böser Freude gezeichneten amerikanischen Well-Made-Plays und schafft durch genau strukturierte Doppelt- und Dreifachbesetzungen eine eigene Welt von Wiederholungstätern, die in ihren Storys und ihrem Leben auswechselbar sind. Einzig Lorin gibt er in seinem Scheitern eine Identität und einen zaghaften Versuch der Besinnung und weist mit seinem Drama "Gloria", das 2016 zum Finalist des renommierten Pulitzer Preises gekürt wurde, auf seine folgenden Theaterprojekte. Im Februar 2017 hatte Jacobs-Jenkins’ moderne Bearbeitung des alten englischen Moralstoffes "Jedermann" am Off-Broadway Premiere und für die Saison 2017/18 erarbeitete er die Übersetzung von Thomas Ostermeiers New Yorker "Volksfeind".

Gloria Programmheft Auszug (PDF)

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Hinter den Kulissen einer Magazinredaktion

Branden Jacobs-Jenkins beschreibt in "Gloria" Raubtierkämpfe in einer amerikanischen Kulturredaktion. Das Ensemble von "Gloria" besuchte während des Probenprozesses die Redaktion des SZ-Magazins. MEHR ...
Hinter den Kulissen einer Magazinredaktion

Großes Schauspielertheater zum Start in die Münchner Theatersaison

Neben den Eröffnungspremieren "Kinder der Sonne" von Maxim Gorki am 23. September 2017 und "Das Schlangenei" von Ingmar Bergman am 30. September 2017 im Cuvilliéstheater, beginnt die neue Theatersaison im Resi mit großem Schauspielertheater: "Macbeth", "Jagdszenen aus Niederbayern", "Phädras Nacht" und "Die Troerinnen".

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Spielzeiteröffnung 2017/18

Politisches Schauspielertheater mit "Kinder der Sonne" + "Das Schlangenei"

Mit der Premiere von Maxim Gorkis "Kinder der Sonne" eröffnet das Residenztheater am 23. September die Spielzeit 2017/18. Es ist die siebte Spielzeit unter Intendant Martin Kušej, in der mit der Frage "Wer ist wir?" eine neue Perspektive auf das eigene Schaffen und das Publikum eingenommen wird. David Bösch inszeniert das vom russischen Dramatiker Gorki am Choleraaufstand 1892 angelehnte Drama "Kinder der Sonne" über den eitlen Chemiker Protassow. Am 30. September zeigen wir die zweite Premiere der neuen Spielzeit: "Das Schlangenei" von Ingmar Bergman im Cuvilliéstheater inszeniert von Anne Lenk.

Spielzeiteröffnung 2017/18
Gloria

Gloria

von Branden Jacobs-Jenkins

Gloria