Gespräch mit Alain Badiou über fehlende Verbindungen, Narzissmen und Wiederholungszwänge in der Sexualität

NICOLAS TRUONG: Der Psychoanalytiker Jacques Lacan, der Ihrer Ansicht nach einer der größten Theoretiker der Liebe ist, hatte im Dialog mit Platon behauptet, dass es „keine sexuelle Beziehung” gibt. Was wollte er damit sagen?

ALAIN BADIOU: Jacques Lacan erinnert uns daran, dass in der Sexualität in Wirklichkeit jeder großteils mit sich selbst zu tun hat, wenn ich so sagen darf. Es gibt natürlich die Vermittlung des Körpers des anderen, aber letztlich wird das sexuelle Genießen immer das eigene sein. Das Sexuelle verbindet nicht, es trennt.
Dass Sie nackt und an den anderen geschmiegt sind, das ist ein Bild, eine bildliche Vorstellung. Das Reale ist das Genießen, das Sie weit, sehr weit vom anderen wegführt. Das Reale ist narzisstisch, die Verbindung ist imaginär. Also folgert Lacan, dass es keine sexuelle Beziehung gibt.
Die Formulierung hat einen Skandal hervorgerufen, da damals eben jeder von ,,sexuellen Beziehungen” sprach.

Wenn es keine sexuelle Beziehung in der Sexualität gibt, dann ersetzt die Liebe die fehlende sexuelle Beziehung. Lacan sagt eben nicht, dass die sexuelle Beziehung sich als Liebe verkleidet, sondern er sagt, dass es keine sexuelle Beziehung gibt, dass die Liebe das ist, was an die Stelle dieser Nicht-Beziehung tritt. Das ist viel interessanter. Diese Vorstellung führt ihn zur Behauptung, dass das Subjekt in der Liebe versucht, das „Sein des anderen” zu erreichen. In der Liebe geht das Subjekt über sich, über seinen Narzissmus hinaus.
Im Geschlechtlichen treten Sie letztlich in Beziehung zu sich selbst, vermittelt durch den anderen. Der andere dient Ihnen dazu, das Reale des Genießens zu entdecken. In der Liebe hingegen ist die Vermittlung durch den anderen an sich wertvoll. Darin besteht die Liebesbegegnung: Sie bestürmen den anderen, um ihn, so wie er ist, mit Ihnen existieren zu lassen. Es handelt sich dabei um eine viel tiefere Auffassung als die völlig banale Vorstellung, dass die Liebe nur ein imaginärer Anstrich über das Reale des Geschlechtlichen sei.

Tatsächlich ist auch Lacan in den philosophischen Zwiespältigkeiten über die Liebe gefangen. Man kann die Aussage, dass die Liebe „die fehlende sexuelle Beziehung ersetzt”, auf zwei unterschiedliche Arten verstehen. Die erste, die banalere Interpretation ist, dass die Liebe die Leere der Sexualität imaginär ausfüllt. Denn es stimmt letztlich, dass die Sexualität, so wunderbar sie auch sein mag, in einer Art Leere enden kann. Deswegen unterliegt sie dem Gesetz der Wiederholung: Man muss immer wieder neu beginnen. Jeden Tag, wenn man jung ist! Die Liebe wäre dann die Vorstellung, dass etwas in dieser Leere bleibt, dass die Liebenden durch etwas anderes als durch diese Beziehung, die es nicht gibt, verbunden sind.

In sehr jungen Jahren hat mich eine Stelle in Simone de Beauvoirs Das zweite Geschlecht verblüfft, fast angewidert. Sie beschreibt dort das Gefühl, das den Mann nach dem Sexualakt beschleicht, dass der Körper der Frau schal und weich ist, und das symmetrische Gefühl der Frau, dass der Körper des Mannes abgesehen vom aufgerichteten Geschlecht im Allgemeinen unschön und sogar ein wenig lächerlich ist. Im Theater bringen uns der Schwank oder die Posse durch die Verwendung dieser traurigen Gedanken zum Lachen. Das Begehren des Mannes ist das des komischen Phallus, mit großem Bauch und Impotenz, und die alte zahnlose Frau mit hängenden Brüsten ist die tatsächliche Zukunft jeder Schönheit. Die Liebeszärtlichkeit beim Einschlafen in den Armen des/der Geliebten wirft einen Mantel über diese unangenehmen Gedanken. Doch Lacan denkt auch das genaue Gegenteil davon, nämlich dass die Liebe eine Tragweite hat, die man ontologisch nennen kann. Während sich das Begehren immer ein wenig fetischistisch auf Partialobjekte im Anderen wie die Brüste, den Hintern oder den Penis richtet, ist die Liebe gerade an das Sein des anderen gerichtet, an den anderen, wie er mit seinem Sein bewaffnet in mein Leben getreten ist und es damit zerbrochen und neu zusammengesetzt hat.

In: Alain Badiou, Lob der Liebe, Wien (Passagen Verlag) 2001.
 

"Zurück bleibt ein schwarzes Loch"

Notizen aus einem Gespräch mit Patrick Steinwidder

"'Reigen' ist Schnitzlers radikalstes Stück. Nicht nur formal, sondern auch inhaltlich: weil es um die Leere geht, die zwischen Mann und Frau verbleibt, obwohl oder weil sie Sex miteinander haben. Im sexuellen Akt machen wir eine Grenzerfahrung, wir berühren eine traumatische Sphäre, die dem Tod nahe kommt."

"Zurück bleibt ein schwarzes Loch"

Reigen

Inhaltsangabe

In zehn Szenen treffen jeweils eine Frau und ein Mann aufeinander. Es entspinnt sich jeweils ein Gespräch, in dem einer um den andern wirbt, beide einander schmeicheln, zurückweisen und necken – bis der Dialog schließlich in den Koitus mündet. In Schnitzlers Text wird dieser allerdings nur durch Gedankenstriche angedeutet.

Reigen
Reigen

Reigen

von Arthur Schnitzler

Reigen