GEÄCHTET

INHALTSANGABE

Es ist 8:46 Uhr Ortszeit, als am 11. September 2001 im New Yorker Stadtteil Manhattan eine Passagiermaschine in den Nordturm des World Trade Centers fliegt und explodiert. Kurz darauf wird ein zweites Flugzeug in den Südturm stürzen, eine dritte Maschine in das Pentagon und Amerika endgültig in den Ausnahmezustand. Die U.S.A. erleben an diesem Tag ein bis dato nicht gekanntes Ausmaß an Terror. Als die beiden Türme in sich zusammenfallen, hinterlassen sie nicht nur in der Skyline, sondern auch in der amerikanischen Gesellschaft eine klaffende Wunde. Auf die Schockstarre folgt das dringende Bedürfnis nach unmittelbaren Handlungen. Amerika ruft den Krieg gegen den Terrorismus aus und befindet sich damit auch in einem gegen sich selbst, denn die Gefahr ist kein anderes Land, sondern droht aus Individuen und transnationalen Vereinigungen. Mit dem dünnen Vokabular des kalten Krieges können hier keine Erklärungen und Lösungen mehr formuliert werden. Das diffuse Bild eines Feindes wird von der damaligen Regierung und der Presse in einem medialen Spektakel kreiert und mündet schließlich in den USA PATRIOT ACT, einem Gesetz, das die Bürgerrechte aufweicht, um Ermittlungen zu erleichtern. Eine Gesellschaft richtet sich gegen sich selbst, voller Angst und Argwohn: Viele tausend Menschen entsprechen aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft oder Religion plötzlich einem neuen Täterprofil und werden unter Generalverdacht gestellt. Ayad Akhtars Debütstück „Geächtet“, das mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, ist auf der Folie dieser gesellschaftlichen Entwicklung geschrieben und beginnt zehn Jahre nach den Anschlägen, im Spätsommer 2011. Es ist wichtig, sich diese ins Gedächtnis zu rufen, um zu verstehen, welch ein Druck auf einem Menschen lasten muss, der versucht, in einer ihn vorverurteilenden Gesellschaft zu bestehen. Amir Kapoor, der Protagonist, ist so jemand. Seine Eltern sind Immigranten aus Pakistan und er ist die Verkörperung des amerikanischen Traums: Er hat es geschafft und lebt heute als erfolgreicher Anwalt in einem Loft in der Upper East Side von Manhattan, genießt gutes Essen und trägt teure Hemden von Charvet. Er arbeitet in einer renommierten jüdischen Kanzlei und ist mit Emily verheiratet, einer weißen protestantischen Amerikanerin, die als Künstlerin kurz vor dem Durchbruch steht. Ihre von der islamischen Tradition beeinflusste Malerei gilt als Geheimtipp und wird als Innovation in der Kunstszene gefeiert. Das Leben ist gut und es könnte noch besser werden, denn Emily hat Aussicht auf eine große Ausstellung. Erfolg und sozialer Status schützen Amir jedoch nicht vor alltäglichem Rassismus: Ob er sich an Flughäfen, im Klaren darüber, dass ethnisches Profiling die Währung ist, mit der er zahlt, bei Sicherheitskontrollen freiwillig zur Untersuchung anbietet, oder ob er in einem Restaurant einen Kellner in die Schranken weisen muss, als dieser ihn rassistisch beleidigt – Amir hat gelernt, mit dem Blick, den man auf ihn hat, und den damit verbundenen Zuschreibungen umzugehen. Es scheint, als habe er Andy Warhols Credo „it’s not what you are that counts, it’s what they think you are”, verinnerlicht. Die mühsam errichtete Persona beginnt zu bröckeln, als Amirs Neffe Abe ihn bittet, einen Imam vor Gericht zu vertreten, den man der Finanzierung terroristischer Vereinigungen beschuldigt. Denn Amir, der sich von den eigenen islamischen Wurzeln abgekehrt hat und als Apostat lebt, nimmt sich widerwillig des Falls an und bringt damit den Stein für eine Reihe von Ereignissen ins Rollen, die seinen Status Quo erschüttern werden. Die New York Times berichtet über das Verfahren, und Amir und die Kanzlei werden als juristischer Beistand, gar Unterstützer des Imams erwähnt. Was lediglich ein Freundschaftsdienst war, macht Amir im Post-9/11- Amerika verdächtig. Im Büro ist man misstrauisch und prüft seinen Hintergrund. Die Ereignisse kulminieren bei einem Abendessen mit dem jüdisch-amerikanischen Kurator Isaac und dessen afroamerikanischer Frau – Amirs Arbeitskollegin Jory –, bei dem Emily die Zusage für die Ausstellung erfahren soll. Was als Smalltalk über Sport und die Arbeit beginnt, mündet in eine Diskussion über religiöse Traditionen und vermischt sich zu einem Gewirr aus Positionen und Gefühlen, in dem sich vor allem Amir verheddert und strauchelt. Privates wird politisch, Politisches privat. Als dann noch Jorys Aufstieg in der Kanzlei und Emilys Affäre mit Isaac entschleiert werden, verliert Amir endgültig die Kontrolle. Am Ende bleibt ein Scherbenhaufen zurück: sein Versuch, in der Gesellschaft zu funktionieren, scheint misslungen. Die Hoffnung könnte in der nächsten Generation, seinem Neffen, liegen. Doch Amirs Scheitern kommt für Abe dem Fall eines Helden gleich und die Folgen dieser Enttäuschung werfen bereits ihre Schatten voraus. Die Fragmente eines Lebens liegen wie ein Mosaik islamischer Fliesen vor Amir. Aus etwas Distanz betrachtet, sähe man die Schönheit der Muster und den Reichtum, doch ihm, in die Knie gezwungen, fehlt die Perspektive und so erkennt er nur grobe Fugen, die jeden Stein unvereinbar mit dem nächsten und wie Splitter wirken lassen.

LMU im Resi

Studentenvorstellung von "Geächtet" am 12. Dezember

Im Rahmen einer Kooperation mit der LMU lädt das Residenztheater alle Studierenden ein, die gefeierte Inszenierung von Ayad Akhtars' "Geächtet" am Dienstag, den 12. Dezember 2017 um 19:30 Uhr in einer exklusiven Studentenvorstellung zum Sonderpreis von 6,- Euro zu sehen.


LMU im Resi
Geächtet

Geächtet

von Ayad Akhtar

Geächtet