"Fragmente einer Sprache der Liebe"

Das Theater des Radu Afrim von Georges Banu

von Georges Banu

Als die älteren Kritiker, Kollegen in meinem Alter, aufstanden, um lautstark  "Die drei Schwestern" von Radu Afrim zu verlassen, blieb ich verblüfft in der Loge sitzen, von wo aus ich die Szene beobachten konnte aber vor allem den Zuschauerraum mit seinen Stimmungsschwankungen. Als Lohn dafür bleibt mir das, was uns jede große Aufführung verschafft, sie prägt sich in das Gedächtnis ein, wird zu einer Erinnerung, die mich sowohl in Bezug auf Tschechow begleitet also auch hinsichtlich des Theaters und seiner Kraft, dessen Größe in der Inszenierung Radu Afrims deutlich wurde. Beim berühmten Auftritt Werschinins, den die Schwestern nicht gleich erkennen können, erinnert sie der Kolonel an den "verliebten Lieutenant", der bei den Festivitäten im Haus des verstorbenen Vaters anwesend war. Jahre später treffen sie sich in einer heruntergekommenen Ortschaft in der russischen Provinz wieder. Es ist beeindruckend, wie Afrim diese Erinnerung darstellt: gleich wie Proust mit seiner berühmten Madeleine! Auf der Bühne entwickelt sich eine verrückte Tanzszene – ein Tanz voll magischer Erinnerung – bei welchem junge Offiziere frenetisch Mädchen umfassen, die in eine regelrecht kindliche Euphorie verfallen. Glückliche Zeiten, Zeiten der Kindheit, Zeiten, die vor unseren Augen  auf der Bühne plastisch werden, und sich auf eine subjektive Erfahrung beziehen, welche szenisch wieder lebendig wird. Ein Regisseur wird nach seinen Erfolgen bemessen, die ihn über seine Funktion als klassischer Interpret hinaus zu einem Künstler machen, ungeachtet der Vergänglichkeit seiner Erfolge.

Ein komischer Zufall, aber aus derselben hoch oben gelegenen "Tschechowloge" verfolgte ich später ein anderes Stück von Radu Afrim, "Plastilin" der Brüder Plesniakov… Und obwohl ich seit langem ein sozialistisches Land verlassen hatte, erlebte ich die prosaische Poetik dieses Lebens von damals wieder, eine Poetik, die dem Elend und dem beengten Zusammenleben entspringt, dem Schmutz der Orte und dem heruntergekommenen Zustand eines öffentlichen Raumes. Die Hauptfigur, einen jungen Mann, der in das Milieu dieses erbärmlichen Hinterhofs verschlagen wurde, setzte Afrim mit der Nebenfigur des Engels gleich; der Engel, der sich zwischen Himmel und Erde bewegt, dieser Engel erweckte in mir Déjà-vu-Gefühle, das Déjà-vu einer Welt, die ich aufgegeben hatte und die ich mich freute wieder zu finden, dieses Mal in Form einer Gefühlsprojektion. Wie mutig war das, sich nicht vor dieser Nostalgie zu fürchten! Ich empfand dabei das mnemonische Glück der tschechowschen Schwestern. Das Theater wird nach seinen Interpretationen beurteilt, nach den Stückfragmenten, die schließlich zu Erfahrungen werden. Das sind mehr als Lebenserfahrungen, vielmehr ist es ein konzentriertes Leben, ein unauslöschlicher Gefühlsstempel!

Afrim, der Provokateur, Afrim, der Zerstörer, Afrim der Dekonstrukteur – das ist das - in meinen Augen übertriebene Bild -, welches seine zahlreichen Inszenierungen schließlich hinterlassen haben; dieser Afrim ist mir jedenfalls weniger vertraut als jener, der sensibel und voller Scham der Kraft des Theaters vertraut, und dem es mit seinen beispielhaften Erfolgen gelang, das menschliche Sein darzustellen, eine Art und Weise, auf der Welt zu sein. Wie in "Pays lointain" – dem berühmten Text von Jean Luc Lagarce, der in Frankreich bis zum Umfallen aufgeführt wurde. Hier wird der realistische Rahmen – der an Aids erkrankte Protagonist kehrt ein letztes Mal zu seiner Familie zurück –dekonstruiert und das Stück schwenkt mithilfe des Tanztheaters in Richtung  einer subtil choreographierten Liebeserfahrung.

"Die Liebe führt zum Tanz", sagte Jean Genet gerne. Und wieder Mal ging das Theater Afrims über diese Worte hinaus, indem es sich an ihrer Kraft stärkte und ihnen ein neues Leben einhauchte, ein Leben voll sich bewegender Körper und höchster Emotionen. Afrim bezwingt den Alltag und führt ihn zur Liebe, welche Vorbehalte bezwingt, ohne jedoch an der Schamlosigkeit des vorbehaltlosen Geständnisses zu scheitern.

Zu dieser subjektiven Bestandsaufnahme, welche ein gewöhnliches Künstlerporträt mit Auflistung von Repertoire und Produktionsstätten ersetzen soll, möchte ich gerne eine letzte Sequenz hinzufügen. Sie soll das Spektrum von Afrims Theater erweitern. Dieses zieht zwar die Auseinandersetzung mit der Jugend vor, erscheint aber  auch einem Thema gegenüber sensibel, welchem Afrim auf den ersten Blick gleichgültig gegenübersteht – dem Alter. In "Joi, méga joi" fand ich trotz größtem Realismus die mir kaum eingestandene Freude der Erinnerung an jenen Menschen wieder, welcher mein Leben geprägt hat, meine Großmutter und wiederum, gleich wie Prousts Erzähler, tauchte ich dank der Aufführung in die Vergangenheit, um den schelmischen Charakter dieser alten Frau wiederzufinden, die das Haus mit Meisterhand führte und der es zugleich gelang, von ihrem Mann und ihrem Enkelsohn angebetet zu werden. Mit Empathie verfolgte ich die Szene und ihren Darsteller, den ich schon seit dem Konservatorium kannte, und in meinem Kopf vermengten sich die Vergangenheiten des Kindes und des Jugendlichen, der ich einmal war. Die Szene war eine Aufforderung, sein Leben wieder zu erleben! So hatte ich das damals empfunden. Und wie die weisen Sufis einmal sagten, sah ich meine Großmutter "mit dem Auge des Herzens" wieder.

Afrim liebt es, sein Repertoire auszuweiten, sich von den Bildenden Künsten inspirieren zu lassen, ohne Vorsichtsmaßnahmen von einem Theater zum anderen zu reisen, kurz: herumzuirren… Er entzieht sich einem Zusammenhang und kultiviert die Abwechslung, wechselt seine Arbeitspartner, Bühnenbildner und Schauspieler,  entdeckt Autoren um sie sodann wieder links liegen zu lassen, er behauptet eine noch nicht da gewesene Freiheit, welche ihn auf eine Art Achterbahn schickt, auf welcher er Erfolge und Scheitern aneinanderreiht, Wiederholungen und Entdeckungen. Er erinnert mich an Peter Brook, der als Junger aus einer Leidenschaft für das Theater heraus dieselbe Ungeniertheit vor sich hertrug und dessen Devise damals lautete: "Ich will nicht sagen, dass ich noch nie damit zu tun hatte!" Gerade weil Brook alles ausprobiert hat, hat er sich über die Frustration hinwegsetzen können, die mit der Unnachgiebigkeit verbunden ist, die bei vielen Regisseuren am Anfang der Karriere auftritt. Da er seine  Tätigkeitsfelder nicht einschränkte konnte er  sich dem Verfall des Alterns entziehen. Wird Afrim denselben Weg einschlagen? Alles deutet darauf hin, aber dem Künstler ist es immer eigen sein Umfeld zu überraschen. Während wir auf die Zukunft warten, lasst uns also das betrachten, was er uns schon hinterlassen hat. Das ist der Seinsgrund dieser "Fragmente einer Sprache der Liebe".

 

Georges Banu lehrt Theaterwissenschaften an der Sorbonne Nouvelle in Paris und ist Mitherausgeber der Zeitschrift Alternatives théâtrales (Brüssel). Er ist Autor zahlreicher Publikationen über zeitgenössisches Theater. Mit und über Peter Stein veröffentlichte er auf Französisch Essayer encore, échouer Toujours und Mon Tchekhov. Er ist Autor des Werkes Peter Brook, De Timon d'Athènes à Hamlet und Herausgeber des Bandes XIII von Les Voies de la Création Théâtrale, der Peter Brook gewidmet ist.

DAS ENDE DES REGENS (FOTOGALERIE)

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von Andrew Bovell

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Das Ende des Regens Programmheft (PDF)

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