Früchte tragen. Versuch über das A und O

Zum Stück "Die schönen Tage von Aranjuez"

„Und wieder ein Sommer. Und wieder ein schöner Sommertag. Und wieder eine Frau und ein Mann an einem Tisch im Freien, unter dem Himmel.“ So beginnt Peter Handkes letztes Stück, vorgeblich kein Drama, sondern ein Sommerdialog zwischen Mann und Frau. Sie braucht und fordert seine Fragen, möchte indes nicht bedrängt werden. Erzählen, so frei wie möglich. Dabei gibt es offensichtlich Abmachungen und „Spielregeln“.

Die Frau erzählt, den Fragen des Mannes mal folgend, mal ausweichend, von ihren Beziehungen zum anderen Geschlecht und zum eigenen, vom Frauwerden, Miteinandersein, von Erfahrungen der Sexualität und Rache. Der Mann erzählt von Naturwahrnehmungen, von sandbadenden Spatzen und dem zackigen Schatten des Maulbeerblatts. Beide ringen um ein genaues Erinnern, Beobachten, Beschreiben. Sie scheinen sich ähnlich in ihrer Sprache und ihrem Gefühl vom Mutterseelenalleinsein, von Mangel und Suche. Vielleicht sind sie einander darin verbunden, vielleicht dadurch getrennt. Ist es eine Ergänzung oder ein Aneinandervorbei, wenn er Hunger hat und sie Durst? Er glaubt „O my darling Clementine“ zu hören, sie „Redemption Song“. Sie sondiert die Momente, in denen sie sich als „Königin“ gefühlt hat, er ignoriert das königliche Schloss in Aranjuez und sucht stattdessen das „Haus des Landarbeiters“. Nicht die domestizierten Königsfrüchte interessieren ihn, sondern die Gartenflüchtlinge, ausgewandert in die wilden Wälder.

Beide erinnern sich an einen existentiellen, essentiellen Moment, in dem es sie „von unten“ durchschoss wie ein Blitz: sie als Kind beim Schaukeln im heimatlichen Garten; ihn in der Nähe von Aranjuez beim Kosten einer der Johannisbeeren, verwildert „während der Jahrhunderte ihrer Emigration“ aus den königlichen Küchengärten.

Die schönen Tage von AranjuezDie schönen Tage von Aranjuez

Während die Suchbewegung „retour à la nature“ zu weisen scheint, sind die Sprechenden tief durchdrungen von Hochkultur und bildungsbürgerlicher Belesenheit. Griechische Mythologie klingt in ihrem Reigen der Referenzen und Reverenzen ebenso an wie Charles Baudelaires „Les Fleurs du Mal“ und die „Flores para los Muertos“ aus Tennessee Williams „Endstation Sehnsucht“. Paul Celans „Lichtzwang“ folgend scheitert das „Hinüberdunkeln“ des Paares, und wenn der Mann von den Johannisbeeren und vom Springkraut „Noli me tangere“ spricht, streift er damit das „Berühre mich nicht“ aus dem Johannesevangelium. Frau und Mann scheinen auf je eigene Art Angst vor dem Berührtwerden zu haben – und eine Sehnsucht danach.

„Die schönen Tage in Aranjuez sind nun zu Ende“ ist der Anfang von Friedrich Schillers „Don Carlos“. Was aber ist zu Ende zwischen Mann und Frau, was ist gewesen? Ein Sündenfall – der Apfel spielt in Handkes Stücken häufig mit –, eine Vertreibung aus dem Paradies? Einig sind sich Frau und Mann: „jedes A und O japst nach der Ewigkeit“. Im Angesicht der ewigen Wiederkehr des Ähnlichen und des Kreislaufs der Natur mag auch der Mensch im Kreis laufen, in Hexenkreisen, die keine Teufelskreise sind. Wieder ein Sommer, eine Frau, ein Mann. Wieder ein Anfang, ein Ende? Wird die Reise Früchte tragen, oder ist man vergebens hier gewesen? „Man hat, was man liebt, schon von Anfang an verloren, und für allezeit, auch wenn man es nicht verloren hat.“

DIE SCHÖNEN TAGE VON ARANJUEZ (FOTOGALERIE)

Spiele das Spiel

Dramatisches Gedicht

Spiele das Spiel. Gefährde die Arbeit noch mehr. Sei nicht die Hauptperson. Such die Gegenüberstellung. Aber sei absichtslos. Vermeide die Hintergedanken. Verschweige nichts.

Spiele das Spiel

"Noli me tangere"

Auszüge von Jean-Luc Nancy

„Berühre mich nicht, halte mich nicht fest, versuche weder zu halten noch zurückzuhalten, sage jeder Anhängerschaft ab, denke an keine Vertrautheit, an keine Sicherheit. Glaube nicht, es gäbe eine Versicherung. Glaube nicht, auf keine Weise. Aber bleibe in diesem Nicht- Glauben standhaft. Bleib ihm treu. Bleib meinem Fortgang treu. Bleib dem allein treu, was in meinem Fortgang bleibt.“

"Noli me tangere"

"Das Geheimnis des Schreibens sind für mich die Nebensachen"

Interview

Peter Handke im Gespräch mit Thomas Oberender über "Die schönen Tage von Aranjuez": "Eigentlich ist es kein Drama, sondern ein 'Sommerdialog', wie es da steht. Aber natürlich spielt schon irgendetwas mit. Es geht schon um was. Wenn Sie Drama übersetzen in das Zeitwort: Es geht um was. Es geht schon um was zwischen den beiden. Aber ich könnte es nicht sagen."

"Das Geheimnis des Schreibens sind für mich die Nebensachen"
Die schönen Tage von Aranjuez

Die schönen Tage von Aranjuez

von Peter Handke

Die schönen Tage von Aranjuez

Die schönen Tage von Aranjuez Programmheft PDF

Die schönen Tage von Aranjuez Programmheft PDF
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Die schönen Tage von Aranjuez

von Peter Handke / Regie Daniela Löffner

„Und wieder ein Sommer. Und wieder ein schöner Sommertag. Und wieder eine Frau und ein Mann an einem Tisch im Freien, unter dem Himmel. Ein Garten. Eine Terrasse. Unsichtbare, nur hörbare Bäume, mehr Ahnung als Gegenwart, in einem sachten Sommerwind, welcher, von Zeit zu Zeit, die Szenerie rhythmisiert.

Die schönen Tage von Aranjuez