Fliegendes Blatt 11/16

von Nora Gomringer

Ich war einmal arm. Es war wie im Traum. Keiner wollte etwas von mir. Ich konnte sein wie der heilige Franz. Die Tiere kamen, weil ich Zeit hatte und im Gras lag. Die Menschen kamen, weil ich lächelte und meine Hände leer waren. Keine Waffen darin. Als sie aber sahen, dass auch keine Versprechen auf meinen Lippen und kein brennendes Feuer in meinen Augen, da kehrten sie sich ab und erfanden Geschichten über mich und von mir. Auf einmal musste ich mich wehren, redete mich um Kopf und Kragen, wenn sie mich bezichtigten. In meiner Armut wurde ich für dumm und faul gehalten und ich wollte die Armen verteidigen und auch das Recht für die Dummen und Faulen hochhalten, denn wer wäre ich, über sie zu urteilen? Die Angriffe der Menschen wurden häufiger und härter, sie erzogen sogar die Hunde, mich zu verbellen. Die Hunde! Treue Tiere meiner frühen Tage. Ich hatte geglaubt, nichts könnte zwischen mich und die Schöpfung rücken, weil ich ein so mittelloses Leben führte. Aber gerade das machte die Reichen so wahnsinnig. Wie kannst du nur vor uns her leben und uns mit deiner ganzen Anspruchslosigkeit den Stolz auf das von uns Erreichte fad machen? Du bist widerlich mit deiner Armut, sagten sie und ließen ihre Hunde auf mich los. Du bist widerlich mit deiner Armut, sagten sie und ließen ihre Hunde auf mich los. Wie kannst du nur vor uns her leben und uns mit deiner ganzen Anspruchslosigkeit den Stolz auf das von uns Erreichte fad machen? Aber gerade das machte die Reichen so wahnsinnig. Ich hatte geglaubt, nichts könnte zwischen mich und die Schöpfung rücken, weil ich ein so mittelloses Leben führte. Die Angriffe der Menschen wurden häufiger und härter, sie erzogen sogar die Hunde, mich zu verbellen. Die Hunde! Treue Tiere meiner frühen Tage. In meiner Armut wurde ich für dumm und faul gehalten und ich wollte die Armen verteidigen und auch das Recht für die Dummen und Faulen hochhalten, denn wer wäre ich, über sie zu urteilen? Auf einmal musste ich mich wehren, redete mich um Kopf und Kragen, wenn sie mich bezichtigten. Als sie aber sahen, dass auch keine Versprechen auf meinen Lippen und kein brennendes Feuer in meinen Augen, da kehrten sie sich ab und erfanden Geschichten über mich und von mir. Die Menschen kamen, weil ich lächelte und meine Hände leer waren. Keine Waffen darin. Die Tiere kamen, weil ich Zeit hatte und im Gras lag. Ich konnte sein wie der heilige Franz. Keiner wollte etwas von mir. Es war wie im Traum. Ich war einmal arm.

DIE TEXTE DER LYRIKERINNEN NORA GOMRINGER UND MONIKA RINCK, DIE SIE IN DER SPIELZEIT 2017/18 IN DEN PROGRAMMHEFTEN DER PREMIEREN SOWIE ONLINE FINDEN, SIND LITERARISCHE REAKTIONEN AUF DIE STÜCKE UND STOFFE DER SAISON. SIE ENTSTEHEN NICHT IM ZUSAMMENHANG DER INSZENIERUNGEN, SONDERN SIND ZUSCHRIFTEN AUS DER FERNE, EIN FLIEGENDES BLATT PRO HEFT.

NORA GOMRINGER LEITET DAS KÜNSTLERHAUS VILLA CONCORDIA IN BAMBERG UND IST INGEBORG-BACHMANN-PREISTRÄGERIN 2015.

 

 

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FLIEGENDES BLATT 12/16
VON MONIKA RINCK

Fliegendes Blatt 12/16

Fliegendes Blatt 10/16

Monika Rinck

DIE HERRSCHENDE MEINUNG

Meiner herrschenden Meinung nach, werden Sie sich

in den Abwassern der Gerber am besten erholen.

Es gibt keine Gefahren, aber es gibt Ihr Erspartes.

Der Erblasste im Bade langt nach dem Frottee,

das wechselt die Farbe, von tiefrot nach hellgelb.

Fliegendes Blatt 10/16

Fliegendes Blatt

Eine Serie von Nora Gomringer und Monika Rinck in den Programmheften der Spielzeit 2017/18

In der Spielzeit 2017/18 bitten wir immer abwechselnd die Lyrikerinnen Nora Gomringer und Monika Rinck um ein "Fliegendes Blatt", die jeweils letzte Seite der Programmhefte. Zu jeder Premiere erscheint eine Folge. Diese kurzen Texte entstehen nicht im Zusammenhang der Inszenierungen, sondern sind Zuschriften aus der Ferne, Gedankengänge, Ideen, kurz: literarische Reaktionen auf die Stücke und Stoffe der Saison.

Fliegendes Blatt
Erschlagt die Armen!

Erschlagt die Armen!

von Shumona Sinha

Erschlagt die Armen!