Faust

Zum Stück

Ein Name wie ein Stein. Ein literarisches Gelände wie ein Steinbruch, in dem Goethe sein ganzes Leben verbrachte und allen folgenden Generationen Raum für unendliche Grabungen, Bergung und geologische Feinarbeit ließ.

Den mittelalterlichen Stoff um Dr. Faustus mit dem säkularen Motiv des Teufelspaktes verfugend, schuf Goethe ein Killerpaar, das als megalomanes Himmelfahrtskommando Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einen Zeitstrudel bannt und nicht weniger als die blutige Vermessung der menschlichen Seele vollzieht, Kollateralschäden inklusive.

Faust, wie alle großen Metaphysiker ein Leidender, und Mephisto, der Realo unter den gefallenen Engeln, verbindet ihr Hang zur (Welt-)Destruktion: Faust, süchtig nach Ich-Entgrenzung, strebend nach dem Unendlichen, verabredet sich mit Mephisto, den der Himmel schickt, zum Sturz „in das Rauschen der Zeit,/ Ins Rollen der Begebenheit“. Fausts Vertragsangebot zielt auf Unsterblichkeit: „Werd’ ich zum Augenblicke sagen:/ Ver- weile doch! du bist so schön!/ Dann magst du mich in Fesseln schlagen,/ Dann will ich gern zu Grunde gehn!“ Der Augenblick, der überwältigend genug ist, um dauern zu dürfen (und zugleich ein Ende markiert) – dieses zum Zerreißen gespannte zeitliche Moment ist der Fixpunkt, um den sich die zweisam einsame Reise der beiden dreht.

Des Deutschen liebste Alter-Ego-Figur (maßlos, rastlos, leidend, Neigung zu großen Gebärden) hat uns bisher in jeder Epoche den Spiegel vorgehalten. So hat Faust als Identifikationsfigur eines fortschrittsgläubigen, über die verschiedenen ideologischen Systeme hinweg durchgängig sendungsbewussten Deutschlands die längste Zeit seiner Existenz für die Beglaubigung einer perfektibilistischen Utopie der Moderne hergehalten, für die geschichtsoptimistische Überzeugung, wir strebten wie Faust tatkräftig hin zu Fort- schritt und Freiheit, in eine Zukunft, die allein uns gehört und eines Gottes entbehren kann. Heute, jenseits überkommener Ideologien, die in ihrer sinnlichen Gestalt entweder längst kollabiert sind bzw. deutlich an Überzeugungskraft verloren haben, zeigt sich „Faust“ als Endspiel, in dem der vermeintliche Held paradigmatisch für die Hybris des Menschen steht, der sich im selbst entfesselten Ereignissturm zu verlieren droht. Nicht mehr Mephisto scheint jetzt der Verderber, der den sich stetig vervollkommnenden Menschen zu zwielichtigen Taten treibt, sondern Faust ist es, der über Leichen geht, das einzige Wesen, das Heilung verspräche, zerstört und am Ende den Mord an Philemon und Baucis verantwortet - eine ikonoklastische Geste, die auf einen Schlag die abendländische Kultur und Tradition auslöscht.

In einer Zeit, in der das Jenseits abgeschafft ist und die endliche Diesseitsspanne maximal ausgeschöpft, aufgeladen und ausgedehnt werden muss, wird Faust zum Sinnbild unserer Angst vor dem Stillstand, der Leere und der Erinnerung an die eigene Nichtigkeit. In einer Zeit, die pathogen den permanenten Kick sucht, die Inflation des Singulären – jeder Lidschlag ein Ereignis –, erinnert uns Fausts fanatische Ich-Show an den Preis, den unsere müde Seele für allen Aktionismus und unsere Welt für alle grenzenlose Gier zahlt.

Faust-Festival München

Mit Martin Kušejs Inszenierung

Das Faust-Festival München 2018 vereinte zahlreiche Veranstaltungen zu Goethes Klassiker – da konnte Martin Kušejs gefeierte Inszenierung mit Werner Wölbern in der Titelrolle und Bibiana Beglau als Mephisto im Resi natürlich nicht fehlen.

Faust-Festival München

Das Spiel des Scheiterns

Bibiana Beglau in einem sehr persönlichen Interview

Bibiana Beglau gab mona lisa ein sehr persönliches Interview. Im Video spricht sie über die Tücken ihres Berufs, schauspielerische Inspirationen, ihre Kindheit und auch heute noch allgegenwärtige Ängste: "Warum gibt es so viele Heldenfiguren? Weil wir sie so gerne stürzen sehen.", so Beglau.

Das Spiel des Scheiterns

"Faust" und "Peer Gynt" unter den "zehn wichtigsten Inszenierungen" bei Nachtkritik-Voting

Bei einer Abstimmung des Theaterportals nachtkritik.de wurden sowohl Martin Kušejs "Faust"-Inszenierung als auch David Böschs Version von "Peer Gynt" unter die "zehn wichtigsten Inszenierungen des vergangenen Jahres" gewählt. Aus 45 Inszenierungen des letzten Jahres, die von der nachtkritik.de-Redaktion nominiert wurden, wählten die Leserinnen und Leser ihre zehn Favoriten für dieses "virtuelle Theatertreffen". Das Residenztheater schaffte es als einziges Haus gleich mit zwei Inszenierungen in die Endauswahl! Hier finden Sie die gesamte Auswahl des virtuellen Nachtkritik-Theatertreffens 2015.

"Faust" und "Peer Gynt" unter den "zehn wichtigsten Inszenierungen" bei Nachtkritik-Voting
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Faust ist einer wie wir

Interview

Im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa spricht Regisseur Martin Kušej vor der Premiere von "Faust" über den Charakter seines Fausts, den Respekt vor dem Stoff und erklärt, warum in seiner Inszenierung Mephisto von einer Frau gespielt wird: "Faust ist einer wie wir. In unserer Textfassung finden sich auch Elemente aus 'Faust II', und schnell ergibt sich das Bild eines Mannes, der alles hat, aber unbefriedigt ist wie am ersten Tag, nicht mehr ganz jung, noch lange nicht alt, mit gelebtem Leben hinter sich und der bangen Frage: Das soll es jetzt also sein? Er kennt Sex, er kennt Drogen, er kennt Bücher, er kennt Menschen – und jagt wie wir alle weiter, auf der Suche nach dem immer neuen, nach dem immer besseren, nach dem ultimativen Kick. Stillstand erträgt er nicht."

Faust ist einer wie wir

Studierende!

Hier trifft Euch nicht nur Goethes Faust

Großes Theater zum kleinen Preis: Für Studierende gibt es am Resi Studentenkarten zum Kinopreis, erhältlich für jede Theatervorstellung des Residenztheaters. Daneben gibt es spezielle Angebote, Sonderaktionen und ein vielseitiges Programm u.a. mit der TheaterBar, Führungen oder Workshops.

Studierende!
Faust

Faust

von Johann Wolfgang Goethe

Faust