FÜR IMMER SCHÖN INHALTSANGABE

Am Anfang, so erzählte der Autor Noah Haidle, sah er nur ein Bild: das einer Frau, die sich unter Schmerzen einen Schuh auszieht, aus dem ein großer Schwall Blut herausschwappt. In diesem ikonographischen Moment kreuzen sich Märchen und Groteske mit den literarischen Leitmotiven der Wunde und der Reise, die zum dornigen, blutgetränkten Weg verschmelzen. Haidle entwickelt hieraus sein Stück, das fast ironisch den Titel „Everything beautiful“ (in der deutschen Übersetzung: „Für immer schön“) trägt.

Um Schönheit geht es in der Tat, wenn auch nicht allein: Zentrale Figur des Stückes ist die Kosmetikvertreterin Cookie, die das nahezu altmodisch anmutende Haustürgeschäft betreibt und (meistens) den Frauen der amerikanischen Vorstadt Kosmetik – oder in Cookies Worten: Schönheit – zu verkaufen versucht. Die dargebotenen Schminkutensilien dienen, so Cookie, dabei überhaupt erst dazu, Schönheit zum Vorschein zu bringen, erst durch sie werde der Mensch als Gottes Ebenbild sichtbar. Diesem „Naturgesetz“ zufolge ist der Mensch, insbesondere die Frau, von Natur aus unvollständig, unvollkommen, und bedarf der „Instandhaltung“, um als gut geöltes Rädchen im Getriebe einer Welt-Maschine zu bestehen, in der Falten, ja schon ein fehlendes Make-up den Untergang bedeuten.

Es ist kein Zufall, dass Haidle dieses religiös verbrämte Gesetz als ewiges Bindeglied einer weiblichen Genealogie installiert: Cookie hat das Credo weiblicher Zurichtung von ihrer Mutter übernommen und gibt es wiederum an ihre Schülerin Heather und später an ihre Tochter Dawn weiter. Für sie ist Kosmetik eine weibliche Waffe in einem Krieg der Körperbilder, in dem nur die gewinnen kann, deren bearbeiteter Körper als schön wahrgenommen und so überhaupt erst sichtbar wird. Cookies Exegese der göttlich geprägten Weltformel entspricht dabei dem Gesetz ihrer Vertreteraktivität: Nur wer den Lidschlag zwischen geschlossener und geöffneter Haustür zur „Show-Time“ nutzen kann, verkauft, überlebt also.

Cookies Zeitfenster ist stets reine Gegenwart, sie ist allein im Fingerschnippen des Jetzt zuhause. Das macht sie zur paradigmatischen Vertreterin (in) einer kapitalistischen Gesellschaft, die weder Vergangenheit noch Zukunft kennt, sondern allein den immer neuen Kick des Augenblicks. Cookie kämpft nicht nur mit Make-up gegen die Zeit und deren ärgerlichste Eigenschaft, ihr gleichmütiges Vergehen, sie erkennt sie schlichtweg nicht an. Das Stück dauert „einen langen Sommertag und 30 Jahre zugleich“, lautet entsprechend die Angabe des Autors, der geschickt mit Zeitsprüngen, -schleifen und -dehnungen arbeitet. Seine Hauptfigur durchquert die endlose Suburbia-Wüste aus Vorgärten und Reihenhaus- Phalanxen im Gleichschritt des Direktvertriebs aus Kaufen und Verkaufen. Zugleich läuft sie ringförmig Stationen eines Lebens ab, die Haidle oft absurd auflädt, durchmisst Freundschaft und Sex, Liebe und Verrat, Geburt und Tod, altert und bleibt doch unverändert. Noah Haidle hat mit „Everything beautiful“ eine Heiligenlegende über einen weiblichen Hiob geschrieben, der die Stufen des unaufhörlichen Niedergangs als göttliche Prüfungen ansieht, dessen Weg gepflastert ist von den Scherben früherer Bindungen und von geliebten Toten, und der unter einem leeren Himmel alles verliert – nur nicht den im wahrsten Sinne blinden Glauben an die Versprechen des längst beerdigten American Dream.

Für immer schön Programmheft Auszug (PDF)

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FÜR IMMER SCHÖN (FOTOGALERIE)

Großes Schauspielertheater zum Start in die Münchner Theatersaison

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Spielzeiteröffnung 2017/18

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Mit der Premiere von Maxim Gorkis "Kinder der Sonne" eröffnet das Residenztheater am 23. September die Spielzeit 2017/18. Es ist die siebte Spielzeit unter Intendant Martin Kušej, in der mit der Frage "Wer ist wir?" eine neue Perspektive auf das eigene Schaffen und das Publikum eingenommen wird. David Bösch inszeniert das vom russischen Dramatiker Gorki am Choleraaufstand 1892 angelehnte Drama "Kinder der Sonne" über den eitlen Chemiker Protassow. Am 30. September zeigen wir die zweite Premiere der neuen Spielzeit: "Das Schlangenei" von Ingmar Bergman im Cuvilliéstheater inszeniert von Anne Lenk.

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Für immer schön

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von Noah Haidle

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