EINE GÖTTLICHE KOMÖDIE. DANTE < > PASOLINI INHALTSANGABE

Es ist gewiss, dass Dante Alighieri – und insbesondere „Die göttliche Komödie“ – für Pier Paolo Pasolini zweifellos der Fixpunkt seines künstlerischen Schaffens war. Der Dichter aus dem Friaul unternahm zwei Versuche, das Werk Dantes umzuschreiben, indem er es unter Zuhilfenahme der Sünden des italienischen Neokapitalismus aktualisierte. Beim ersten Versuch stellte sich Pasolini – der Titel des Stücks lautete „La Mortaccia“ – die danteske Reise einer römischen Prostituierten vor, brachte diese Exposition aber nicht zu Ende. Ebenso unvollständig ist sein zweiter Versuch, die „Göttliche Komödie“ umzuschreiben: Vonder „Divina Mimesis“ überdauerten immerhin zwei Kapitel, die er kurz vor seinem Tod in Druck gab. Darin imaginierte er, Dante und Vergil gleichzeitig zu verkörpern, indem er vorgab, dass alles in gewisser Weise eine Emanation seiner selbst sei – sowohl des Autors als auch der Privatperson Pasolini. Natürlich wissen wir nicht, wie er dieses Werk fortgeführt hätte, aber bereits diese wenigen Elemente können uns eine Vorstellung von seinem Vorhaben und eine Arbeitshypothese anbieten. Wir wissen um die zahllosen Skandale, die das Leben Pasolinis begleiteten, um die Prozesse, in denen er übrigens immer freigesprochen wurde, um die Zensur, die mehrfach seine Werke verbot. Und wir wissen auch um seine nächtlichen Abenteuer mit jungen Strichern, die Pasolini oft in jene Elendsviertel Roms führte, in denen er von den Anwohnern kein moralisches Urteil erwartete. In einer dieser Nächte Anfang November 1975 fand er den Tod, für den jahrelang allein der junge Pino Pelosi als Täter verantwortlich gemacht wurde. Pelosi hatte schnell gestanden, man urteilte, zurückgewiesene sexuelle Avancen gefolgt von einem Streit, seien Auslöser der Tat gewesen. Was lange Zeit als homosexueller Lustmord zu den Akten gelegt wurde, erweist sich heute als ein zweifelhafter Tathergang, der mit den vorgefundenen Realien schwer in Übereinstimmung zu bringen ist: Wir wissen, dass der Körper Pasolinis zum Gegenstand eines Gemetzels, einer Exekution von extremer Gewalt wurde. Es fällt schwer zu glauben, dass dies das Werk eines im Vergleich zum Dichter schmächtigen, ja, zarten Jungen gewesen sein soll. Ohne einen Drahtzieher oder einen Vollstrecker des Mordes an Pasolini präsentieren zu können oder über diesen spekulieren zu wollen, bleibt gewiss, dass Pasolini am Strand von Ostia die Hölle seines Todes fand. 

Die Inszenierung setzt genau hier, nämlich bei einer detaillierten Rekonstruktion einiger jener Versionen des Mordes an. Dabei werden immer wieder neue Fakten und Ereignisse hinzugefügt: die Anwesenheit weiterer Personen außer Pelosi am Tatort, welche vielleicht der Mafia oder dem Neofaschismus verbunden waren; die zu mehr als Zweifeln Anlass gebende Rolle der Polizei. Genau in der Sekunde, als Pasolini zwischen Leben und Tod schwebt, am Übergang vom einem zum anderen Zustand, treten einem Alptraum gleich und begleitet von den Worten eines Raben /Vergil – wir kennen Dantes Begleiter aus Pasolinis Film „Uccellacci e uccellini“– nacheinander einige Personen aus seinem Leben und seiner Kunst auf den Plan. Es sind Projektionen seiner selbst, wie in der „Divina Mimesis“, Schatten, die den Figuren und der Sprache Dantes so nah sind, dass sie ihn mehrfach vom letzten Teil seines literarischen Abenteuers unterrichten. Denn wenn es wahr ist, dass Pasolini mit der „Divina Mimesis“ sich der Idee annahm, die „Göttliche Komödie“ Schritt für Schritt umzuschreiben, ist es vermutlich ebenso wahr, dass er für „Petrolio“ – sein unvollendet gebliebenes literarisches Lebenswerk – Dante als explizite Quelle angesehen hat. Er wollte von einer Reise erzählen, die durch die Höllengräben eines korrupten und hoffnungslosen Roms führt. Pasolini hat mehrmals den Wunsch geäußert, dem Fegefeuer Dantes mit einem Gedicht über das Licht und das Warten gegenüberzutreten. Im Stück tritt an dieser Stelle die Figur, oder besser gesagt die dreifache Projektion seiner geliebten Mutter Susanna Colussi, der einzigen wirklich unersetzlichen Wegbegleiterin, auf: Eine Mutter, die wie eine Seele im Purgatorium Dantes, auf einen sogenannten „Anruf“ zu warten scheint, der sie mit ihrem toten Sohn zusammenführen kann, um mit ihm dann ein ideales Paradies zu teilen. Wie im dantesken Fegefeuer ist auch sie, die Mutter-Frau, aus einem Traum geboren, transformiert auch sie sich in verschiedene Formen, die Pasolini nicht immer wohlgesonnen sind: Die falsche Mutter ist auch Hexe oder betörende Sirene. Ganz so, als sei der Weg zur wahren Mutter verwinkelt, steil wie die Steigung des Läuterungsberges vor der finalen Vergeltung. All das geschieht vor dem Hintergrund der Ruinen, oder – wenn man will – des Verfalls eines Italien, das seinen größten Literaten, Dante, und einen seiner wichtigsten Intellektuellen, Pasolini, verurteilt hat – zur Schmähung, zum Exil, wenn nicht gar zum Tode.

Programmheft "Eine göttliche Komödie. Dante < > Pasolini

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WAS HEIßT SPIELEN? – No. 14

Pier Paolo Pasolini spielte regelmäßig mit den Jungen des römischen Subproletariats Fußball, seine Leiche wurde in der Nähe eines Bolzplatzes gefunden.

“Der Fußball ist die letzte heilige Aufführung unserer Zeit. Er ist ein Ritus auf dem Boden, obgleich er eine Zerstreuung ist. Während andere heilige Aufführungen, sogar die Messe, im Niedergang begriffen sind, ist der Fußball das einzige, was uns bleibt.”

 

 

WAS HEIßT SPIELEN? – No. 14

EINE GÖTTLICHE KOMÖDIE. DANTE < > PASOLINI (FOTOGALERIE)

"Die Wahr-heit ist,

dass wir nicht mehr die Jungs sind, die du

immer geil

ge-funden

hast ...

wir sind nicht mehr die Jungs mit den

Löck-

chen ...

jetzt haben

wir

rasierte

Schädel.

 

Federico Bellini

in

"Eine göt-tliche Komödie. Dante < > Pasolini"

Eine göttliche Komödie. Dante < > Pasolini

Eine göttliche Komödie. Dante < > Pasolini

von Federico Bellini

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