DIE SCHMUTZIGEN HÄNDE INHALTSANGABE

Jean-Paul Sartre, der vorläufig letzte „totale Intellektuelle“ (Bourdieu), hat wie kaum ein Zweiter die gedankliche Welt des Nachkriegseuropas aufgemischt. Er schreibt während der Gefangenschaft im 2. Weltkrieg sein philosophisches Hauptwerk, „Das Sein und das Nichts“, hat im besetzten Paris mit ersten Theaterstücken Erfolg und katapultiert sich, pünktlich zum Kriegsende, mit unruhestiftenden Veröffentlichungen an die Spitze einer intellektuellen Revolte, die Jugend atmet. Die existentialistische Weltsicht, mit der sich Sartre quer durch alle Genres schreibt, wird zur moralischen Revolution.

Gedanklich unersättlich, will der Schriftsteller Sartre die ganze Welt besitzen, versöhnt den Amateur mit dem Gelehrten, das Kaffeehaus mit der Existenz, die Literatur mit dem Leben, er ist ein Regisseur, der alle Bühnen bespielt, schreibt philosophische Prosa, Philosophie als konkrete Handlungspraxis, Reportagen und Propaganda, er ist der Anarchist im Establishment, populäre Marke und Souverän, schafft es auf den Index des Vatikans und schlägt die Preise der Welt allesamt triumphierend aus. In seinen Schriften vollbringt er den Spagat, sich dem tödlichen Humanismus der großen Ideologien des 20. Jahrhunderts entgegenzustellen und gleichzeitig Stalin, Mao und Pol Pot zu huldigen. Sartre, die „Bürgerkriegsmaschine“, wie die Paris Match einmal titelt, wird von Zeitgenossen unerbittlich gehasst, und doch begleiten seinen Sarg 50 000 Menschen: „Niemals, selbst nicht im Zeitalter Voltaires oder Hugos, hat ein Schriftsteller im Imaginären einer Epoche einen solchen Platz eingenommen“ (Lévy).

Sartres Theaterstück „Die schmutzigen Hände“, 1948 uraufgeführt, ist der Eindruck des 2. Weltkrieges, die Besatzungszeit und die politischen Kämpfe des Frankreichs der Nachkriegszeit deutlich abzulesen. Die Besatzung des fiktiven Illyriens, in dem die Handlung spielt, die zersplitterten Untergrundfraktionen einschließlich der zerstrittenen Linken, die Terrorakte im Zeichen des Widerstandes und die soldatisch-disziplinierte Denkweise einiger Figuren zeugen davon. Die zentrale Frage des Stückes, um welchen Preis man eine politische Theorie in die Praxis umsetzen soll, wie „schmutzig“ die Realpolitik werden darf, ohne die zugrunde liegende „reine“ Idee zu pervertieren, hat angesichts der stalinistischen Realpolitik des Hoffnungsträgers Sowjetunion nicht nur Sartres Freundeskreis stark gespalten, eine berühmte Folge ist der Bruch zwischen Sartre und Camus. Als nach der Uraufführung die linke Presse tobt und die bürgerliche triumphiert, fühlt der Autor sich missverstanden und versucht über Jahre, das Stück von derBühne fernzuhalten.

Doch lässt sich „Die schmutzigen Hände“ nicht auf ein politisches Tendenzstück festlegen. Sartre stellt mit dem Protagonisten Hugo eine Figur auf die Bühne, die der eigenen bürgerlichen Herkunft zu entfliehen und in der proletarischen Masse, der Partei des Volkes aufzugehen sucht. Ihm gegenüber postiert der Autor mit Hoederer eine schillernde väterliche Instanz, die Hugos Dogmatismus ins Wanken bringt. Zwischen beiden Männern steht Jessica, Hugos Frau, Zeichen der Kontingenz, die zum unkontrollierbaren dritten Spieler auf dem Schlachtfeld der Existenz wird, die den heimlichen Zweifeln Hugos am Mordauftrag eine katalysierende Stimme gibt und doch den Mord schließlich auslöst. In dessen Folge wird Hugo auf ganz ungeplante Weise zum Herrn seiner Geschichte.

Mit den dramaturgischen Kniffen des Boulevardtheaters spielt Sartre sein philosophisches Konzept der Freiheit, der Wahl und der Verantwortung durch. Illyrien gerinnt hier zu einem Gefängnis, bewacht von Leibwächtern, hin und wieder von einer Bombe oder politschen Feinden aufgesucht. In den Mauern Gefangene, Spieler, geworfen in Situationen, die ihnen existentielle Entscheidungen abverlangen. Indem sie ihre Rollen spielen, werden sie zu dem, was sie vorgeben zu sein. Mit Dialogen, die Duellen gleichen – jedes Wort ein Stich, der sitzt –, balancieren sie an einem Abgrund, hinter dem sich kein Jenseits auftut, kein Morgenrot, sondern nur ein weiterer Abgrund. So wird Sartres Text zum Unendlichkeitsspiel, in dem wie seit Anbeginn der Welt das Private politisch und das Politische privat und Erlösung nicht in Sicht ist.

Die schmutzigen Hände

Die schmutzigen Hände

von Jean-Paul Sartre

Die schmutzigen Hände