Die neue Frau

Wer ist das, die neue Frau? Existiert sie überhaupt? Schauen Sie um sich, sehen Sie scharf, überlegen Sie, und sie werden sich überzeugen: die neue Frau ist da – sie existiert. Der Urtyp der Frau in der jüngsten Vergangenheit war die ‘Gattin’, die Frau, die der Schatten des Mannes war, eine Beigabe, ein Anhängsel. Die neue Frau, die ‘ledige Frau’ hat aufgehört, diese untergeordnete Rolle zu spielen und nichts weiter als der Reflex des Mannes zu sein. Sie hat eine eigenartige innere Welt, lebt allgemein-menschlichen Interessen, sie ist im Innern unabhängig und im Äußeren selbstständig.

Die ledigen Frauen, das sind Millionen in graue Kleidung gehüllte Figuren, die sich in endlosem Zuge aus den Arbeitervierteln kommend nach den Werkstätten und Fabriken, nach den Stationen der Ringbahnen und Elektrischen hin bewegen in jener Stunde vor Morgenanbruch, in der die Morgenröte noch mit der nächtlichen Finsternis kämpft. Die ledigen Frauen, das sind jene Zehntausende Mädchen, die sich in den großen Städten in einsamen Zimmerkäfigen einnisten und die Statistik der ‚selbständigen Haushalte‘ vermehren. Es sind die Mädchen und Frauen, die ununterbrochen den dumpfen Kampf um das Leben führen, die ihre Tage auf dem Kontorstuhl absitzen, die auf die Telegraphenapparate tippen, die hinter den Ladentischen stehen. Ledige Frauen, das sind die Mädchen mit frischen Seelen und Köpfen voll kühner Phantasien und Pläne, die sich in die Tempel der Wissenschaft und Kunst drängen.

Wie schwer ist es für die heutige Frau, die durch Jahrhunderte, durch Jahrtausende ihr anerzogene Fähigkeit von sich zu werfen, mit der sie sich dem Manne zu assimilieren vermag, den ihr das Schicksal zum Herrscher ausersehen zu haben scheint. Wie schwer wird es ihr, sich zu überzeugen, dass auch die Frau sich den Verzicht auf sich selbst als Sünde anrechnen muss.

Ute ist Schauspielerin; ihr ganzes Leben ist ein fortwährendes Zur-Schau-Stellen und Schmücken ihres eigenen „Ich“, das ihr selbst weit höher steht als irgendetwas auf der Welt. Es zeigt sich darin die natürliche Reaktion gegen die jahrhundertealte Selbsterniedrigung der Frau und ihren ergebenen Verzicht auf das Recht, eine eigenwertige Persönlichkeit zu sein. Starker, leidenschaftliche Ehrgeiz, kalter Verstand, außerordentlicher Egoismus und hervorragendes Bühnentalent überwiegen in ihr. Gleichmütig geht sie an persönlichem Glück vorüber, an der grenzenlosen Anhänglichkeit Claudes. Sie schätzt seine Liebe, weil sie es liebt, ihren Abglanz darin zu erblicken, wie in einem Spiegel. Wie dann der von ihrem Zauber verwirrte, von Utes kalter Gleichgültigkeit zerquälte Claude sie vor ihren Augen verrät, weint sie, aber nicht die Frau in ihr ist beleidigt, sondern die Künstlerin, die allen Blicken ausgesetzt ist. In ihr schluchzt nicht die gekränkte Liebe, sondern die verletzte Eigenliebe. 

Alexandra Kollontai
 
Aus: Alexandra Kollontai: Die neue Moral und die Arbeiterklasse, Münster 1977.

Jagd nach Liebe Programmheft (PDF)

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DIE JAGD NACH LIEBE (FOTOGALERIE)

Die Jagd nach Liebe

Inhaltsangabe

Heinrich Mann schrieb seinen Roman Die Jagd nach Liebe 1903 in Italien – Schauplatz ist aber vor allem München, das zur Jahrhundertwende mit neu gebauten Prachtstraßen, repräsentativen Gebäuden und einem lebendigen Künstlermilieu aufwartete. Claude Marehn ist Exponent des wohlhabenden Münchner Bürgertums wie auch Symptom seines Verfalls. Nach dem Tod seines Vaters steht ihm als Erbe von dessen Millionenvermögen die Welt offen – doch es fehlt ihm am Elan der alten Generation, um tätig in die Welt einzugreifen.

Die Jagd nach Liebe
Die Jagd nach Liebe

Die Jagd nach Liebe

nach Heinrich Mann

Die Jagd nach Liebe