Die Marquis Posas müssen gelüftet werden

Lesung + Kommentar zur deutschen Demokratie von 1848 bis 2018

2018 lesen Schauspieler aus dem Ensemble monatlich vor einer Vorstellung in der Schönen Aussicht ausgewählte Texte, die auf 1848, 1918, 1968 und 2018 datieren und an die Courage deutscher demokratischer Schriftsteller erinnern, an ihre Träume, Kämpfe, Enttäuschungen und Hoffnungen. Mitarbeiter und Studierende des Instituts für Deutsche Philologie sprechen über die Autoren und ihre Texte.

In Kooperation mit dem Institut für Deutsche Philologie der LMU München.
Konzept Andrea Koschwitz, Helen Müller und Clemens Pornschlegel

Eintritt frei mit Einlasskarten.

Folge 1:  11 JAN 2018
1848: Wagner, Freiligrath, Meissner, Nestroy, Pfau, Glasbrenner
 mit Christian Erdt, Wolfram Rupperti, Manfred Zapatka, Prof. Clemens Pornschlegel

Folge 2:  1 FEB 2018
1848: Annette von Droste-Hülshoff: "Die Judenbuche" mit Bibiana Beglau und Prof. Christian Begemann

Folge 3: 22 MÄR 2018
1848: Heinrich Heine: "Atta Troll. Ein Sommernachtstraum", "Deutschland. Ein Wintermärchen" mit Anna Drexler, Max Koch und Dr. Helen Müller

Folge 4: 26 APR 2018
1918: Hugo Ball: "Kritik der deutschen Intelligenz" mit Mathilde Bundschuh, Paul Wolff-Plottegg und Prof. Clemens Pornschlegel

Folge 5: 24 MAI 2018
1918: Rosa Luxemburg mit Gunther Eckes, Cynthia Micas, Charlotte Schwab und Georg Huber

Folge 6: 14 JUN 2018
1918: Franz Kafka: "Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse" mit Kaja Bürkle und Simon Schkade

Folge 7: 19 JUL 2018
1968: Paul Celan: "Die Niemandsrose", "Atemwende"

Folge 8: Oktober 2018
1968: Gisela Elsner: "Das Berührungsverbot"

Folge 9: November 2018
1968: Ernst Bloch: "Das Prinzip Hoffnung"

Folge 10: Dezember 2018
2018: Markus Ostermair: "Geschichten von unten"

Die Marquis Posas müssen gelüftet werden

Die Marquis Posas müssen gelüftet werden

Lesung und Kommentar zur deutschen Demokratie – Folge 8: 1968 Gisela Elsner "Berührungsverbot"

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Die Marquis Posas müssen gelüftet werden. Kommentar zur Folge 6

Simon Schkade kommentierte Katja Bürkles Lesung von Kafkas "Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse" mit dem Portrait eines politischen und gesellschaftlich engagierten Kafkas, einem im Sinne der Arbeiterbewegung denkenden wie schreibenden. MEHR ...
Die Marquis Posas müssen gelüftet werden. Kommentar zur Folge 6

Die Marquis Posas müssen gelüftet werden. Kommentar zur Folge 5

Resi-Schauspieler lesen im Jahr 2018 jeden Monat ausgewählte Texte, die von 1848, 1918, 1968 und 2018. Die fünfte Ausgabe der Lesung brachte Texte von Rosa Luxemburg in die Schöne Aussicht. Ihren Ton, die historische Tragweite und die Tragik der Texte Rosa Luxemburgs verarbeitet und beschreibt Georg Huber von der LMU in seinem Begleitkommentar zur Lesung. MEHR ...
Die Marquis Posas müssen gelüftet werden. Kommentar zur Folge 5
Die Marquis Posas müssen gelüftet werden

Die Marquis Posas müssen gelüftet werden

Lesung + Kommentar zur deutschen Demokratie – Folge 7: Paul Celan

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Aufzeichnung aus den Oktavheften

von Franz Kafka

In unserm Haus, diesem ungeheurn Vorstadthaus, einer von unzerstörbaren mittelalterlichen Ruinen durchwachsenen Mietskaserne, wurde heute am nebligen eisigen Wintermorgen folgender Aufruf verbreitet.

An alle meine Hausgenossen.

Aufzeichnung aus den Oktavheften

Tagebucheintrag über "kleine Litteraturen" vom 25./26. Dezember 1911

von Franz Kafka

Das Gedächtnis einer kleinen Nation ist nicht kleiner als das Gedächtnis einer großen, es verarbeitet daher den vorhandenen Stoff gründlicher. Es werden zwar weniger Litteraturgeschichtskundige beschäftigt, aber die Litteratur ist weniger eine Angelegenheit der Literaturgeschichte als Angelegenheit des Volkes und darum ist sie wenn auch nicht rein so doch sicher aufgehoben.

Tagebucheintrag über "kleine Litteraturen" vom 25./26. Dezember 1911

DIE MARQUIS POSAS MÜSSEN GELÜFTET WERDEN. KOMMENTAR ZUR FOLGE 4

Mit dem Lautgedicht "Totenklage" von Hugo Ball (1916) eröffnet Clemens Pornschlegel seinen Kommentar zur vierten Folge und dem Auftakt des zweiten Teils der Lesereihe zur deutschen Demokratie, der den revolutionären Aufbrüchen in Deutschland um 1918 gewidmet ist und mit Hugo Balls bahnbrechender Abhandlung "Zur Kritik der deutschen Intelligenz" MEHR ...
DIE MARQUIS POSAS MÜSSEN GELÜFTET WERDEN. KOMMENTAR ZUR FOLGE 4
Die Marquis Posas müssen gelüftet werden

Die Marquis Posas müssen gelüftet werden

Lesung und Kommentar zur deutschen Demokratie – Folge 6: Franz Kafka

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Die Marquis Posas müssen gelüftet werden. Kommentar zur Folge 3

Resi-Schauspieler lesen im Jahr 2018 jeden Monat ausgewählte Texte, die von 1848, 1918, 1968 und 2018. Die dritte Ausgabe zu Heinrich Heines großen Versepen "Atta Troll. Ein Sommernachtstraum" und "Deutschland. Ein Wintermärchen" kommentiert Helen Müller und lenkt den Blick auf die politischen und historischen Entstehungszusammenhänge. MEHR ...
Die Marquis Posas müssen gelüftet werden. Kommentar zur Folge 3
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Die Marquis Posas müssen gelüftet werden

Lesung und Kommentar zur deutschen Demokratie – Folge 5: Rosa Luxemburg: Texte, Reden, Briefe

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Die Marquis Posas müssen gelüftet werden

Die Marquis Posas müssen gelüftet werden

Lesung und Kommentar zur deutschen Demokratie – Folge 4: Hugo Ball "Kritik der deutschen Intelligenz"

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Clemens Pornschlegel über "Die Marquis Posas müssen gelüftet werden"

Um die Demokratie müsse gekämpft werden, heute wie früher, sagte der Literaturwissenschaftler Clemens Pornschlegel im Gespräch mit dem Deutschlandfunk. Gute Beispiele dafür liefere die Literatur. Es gebe eine deutsche Tradition des revolutionären Aufbruchs, die heute fast vergessen sei. An demokratische und revolutionäre Traditionen will eine Lesereihe mit Texten zur Demokratie erinnern, die das Münchener Residenztheater in Zusammenarbeit mit der Ludwig Maximilian-Universität München das ganze Jahr 2018 über veranstaltet. Clemens Pornschlegel, Literaturwissenschaftler am Institut für Deutsche Philologie in München, forscht seit langem über die politische Funktion der deutschen Dichtung. Über Heinrich Heine, Hugo Ball oder Rolf Dieter Brinkmann sagte er: "Ich lese aus deren Werken eine große Verzweiflung über die deutschen Zustände." Die neuen Verteilungskämpfe der Gegenwart zeigten, dass der Blick in die Vergangenheit notwendig sei.

Clemens Pornschlegel über "Die Marquis Posas müssen gelüftet werden"

Die Marquis Posas müssen gelüftet werden. Kommentar zur Folge 2

2018 lesen Schauspieler aus dem Ensemble monatlich vor einer Vorstellung ausgewählte Texte, die von1848, 1918, 1968 und 2018. Christian Begemann kommentiert die zweite Ausgabe der Lesereihe zu Annette von Droste-Hülshoffs "Die Judenbuche" und geht auf die verborgenen sozialen Aspekte der Erzählung ein. MEHR ...
Die Marquis Posas müssen gelüftet werden. Kommentar zur Folge 2

Enfant perdu

von Heinrich Heine (1851)

Verlorner Posten in dem Freiheitskriege
Hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus.
Ich kämpfte ohne Hoffnung, daß ich siege,
Ich wußte, nie komm ich gesund nach Haus.

Enfant perdu
Die Marquis Posas müssen gelüftet werden

Die Marquis Posas müssen gelüftet werden

Lesung und Kommentar zur deutschen Demokratie – Folge 3: Heinrich Heine

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Die Marquis Posas müssen gelüftet werden. Kommentar zur Folge 1

2018 lesen Schauspieler aus dem Ensemble monatlich vor einer Vorstellung ausgewählte Texte, die auf 1848, 1918, 1968 und 2018 datieren und an die Courage deutscher demokratischer Schriftsteller erinnern, an ihre Träume, Kämpfe, Enttäuschungen und Hoffnungen. Prof. Clemens Pornschlegel kommentierte die erste Lesung mit Texten zur 1848er Revolution. MEHR ...
Die Marquis Posas müssen gelüftet werden. Kommentar zur Folge 1
Die Marquis Posas müssen gelüftet werden

Die Marquis Posas müssen gelüftet werden

Lesung und Kommentar zur deutschen Demokratie - Folge 1: 1848

Residenztheater 2012
Die Marquis Posas müssen gelüftet werden

Die Marquis Posas müssen gelüftet werden

Lesung und Kommentar zur deutschen Demokratie - Folge 2: Die Judenbuche

Residenztheater 2012

Hugo Ball: "Grabbe"

Es ist (heute) nicht wichtig, "Kunstkritik" zu schreiben, kerriologisch, sondern Leute zu suchen. Mit der Laterne. Lacher. Beweger. Aufrufer. Lustigmacher. Je skurriler, desto besser. Für andere Zeiten mag was anderes gelten. Was sollen wir heute mit unserer Tante machen? Wir lassen sie Cancan tanzen. Wir wollen Fahnen, Bünde, Kerle (spitzwinklig), die sich den Kopf einrennen. Lasset uns einen (neuen) Journalismus gründen. Der Tag hat das Recht. Nicht die "Ewigkeit". Die Ewigkeit — was geht sie uns an? Sie geht uns gar nichts an. Journalist ist Grabbe in diesem Scherzspiel. Journalist ist (damals) Heinrich Heine. Man beschäftige sich mit dem, was auf die Nägel brennt. Intensivest. Man mische sich ein.
Und ist zu sagen: Dass er (dieser Grabbe) kein Relativsatz gewesen ist. Noch ein Konditionalsatz. Sondern ein Imperativ. Und ein Superlativ. Sein eigener Herr. Dass er keine Zeit hatte, für die "Ewigkeit" zu schreiben. Sondern in Unterhosen den Segen erteilte. In Glanzpantoffeln den Fahneneid abnahm…
Und die "Kritiker" hasste er. Er scheint noch einiges andere auf dem Herzen gehabt zu haben, was er nicht sagen wollte (oder konnte). Eins ist sicher: Er ahnte voraus: Dreidimensionige Plackaterie. Irrationale Postulatoren. "Ceterum censeo", sagt er, "die Marquis Posas müssen gelüftet werden."

Hugo Ball: "Grabbe"

Hugo Ball: "Grabbe"

Ferdinand Freiligrath: Von unten auf!

Ein Dämpfer kam von Bieberich: – stolz war die Furche, die er zog! / Er qualmt' und räderte zu Tal, daß rechts und links die Brandung flog! / Von Wimpeln und von Flaggen voll, schoß er hinab keck und erfreut: / Den König, der in Preußen herrscht, nach seiner Rheinburg trug er heut! /

Die Sonne schien wie lauter Gold! Auftauchte schimmernd Stadt um Stadt! / Der Rhein war wie ein Spiegel schier, und das Verdeck war blank und glatt! / Die Dielen blitzten frisch gebohnt, und auf den schmalen her und hin, /Vergnügten Auges wandelten der König und die Königin! /

Nach allen Seiten schaut' umher und winkte das erhabne Paar; / Des Rheingaus Reben grüßten sie und auch dein Nußlaub, Sankt Goar! / Sie sahn zu Rhein, sie sahn zu Berg: – wie war das Schifflein doch so nett! / Es ging sich auf den Dielen fast als wie auf Sanssoucis Parkett! /

Doch unter all der Nettigkeit und unter all der schwimmenden Pracht, / Da frißt und flammt das Element, das sie von dannen schießen macht; / Da schafft in Ruß und Feuersglut, der dieses Glanzes Seele ist; / Da steht und schürt und ordnet er – der Proletariermaschinist! /

Da draußen lacht und grünt die Welt, da draußen blitzt und rauscht der Rhein – / Er stiert den lieben langen Tag in seine Flammen nur hinein! / Im wollnen Hemde, halbernackt, vor seiner Esse muß er stehn! / Derweil ein König über ihm einschlürft der Berge freies Wehn! /

Jetzt ist der Ofen zugekeilt, und alles paßt; / So gönnt er auf Minuten denn sich eine kurze Sklavenrast. / Mit halbem Leibe taucht er auf aus seinem lodernden Versteck; / In seiner Falltür steht er da, und überschaut sich das Verdeck. /

Das glühnde Eisen in der Hand, Antlitz und Arme rot erhitzt, / Mit der gewölbten, haar'gen Brust auf das Geländer breitgestützt – / So läßt er schweifen seinen Blick, so murrt er leis dem Fürsten zu: / "Wie mahnt dies Boot mich an den Staat! Licht auf den Höhen wandelst du! /

Tief unten aber, in der Nacht und in der Arbeit dunkelm Schoß, / Tief unten, von der Not gespornt, da schür' und schmied' ich mir mein Los! / Nicht meines nur, auch deines, Herr! Wer hält die Räder dir im Takt, / Wenn nicht mit schwielenharter Faust der Heizer seine Eisen packt? /

Du bist viel weniger ein Zeus, als ich, o König, ein Titan! / Beherrsch' ich nicht, auf dem du gehst, den allzeit kochenden Vulkan? / Es liegt an mir: – ein Ruck von mir, ein Schlag von mir zu dieser Frist, / Und siehe, das Gebäude stürzt, von welchem du die Spitze bist! /

Der Boden birst, aufschlägt die Glut und sprengt dich krachend in die Luft! / Wir aber steigen feuerfest aufwärts ans Licht aus unsrer Gruft! / Wir sind die Kraft! Wir hämmern jung das alte morsche Ding, den Staat, / Die wir von Gottes Zorne sind bis jetzt das Proletariat! /

Dann schreit' ich jauchzend durch die Welt! Auf meinen Schultern, stark und breit, / Ein neuer Sankt Christophorus, trag' ich den Christ der neuen Zeit! / Ich bin der Riese, der nicht wankt! Ich bin's, durch den zum Siegesfest / Über den tosenden Strom der Zeit der Heiland Geist sich tragen läßt!" /

So hat in seinen krausen Bart der grollende Zyklop gemurrt; / Dann geht er wieder an sein Werk, nimmt sein Geschirr und stocht und purrt. / Die Hebel knirschen auf und ab, die Flamme strahlt ihm ins Gesicht, / Der Dampf rumort; – er aber sagt: "Heut, zornig Element, noch nicht!" /

Der bunte Dampfer unterdes legt vor Kapellen zischend an; / Sechsspännig fährt die Majestät den jungen Stolzenfels hinan. / Der Heizer blickt auch auf zur Burg; von seinen Flammen nur behorcht, / Lacht er: "Ei, wie man immer doch für künftige Ruinen sorgt!"

Ferdinand Freiligrath: Von unten auf!