DIE MÖWE INHALTSANGABE

In Russland am Ende des 19. Jahrhunderts: Konstantin schreibt ein Stück für seine Geliebte Nina. Er fühlt sich zurückgesetzt von seiner berühmten Mutter, der Schauspielerin Arkadina, und ihrem Freund, dem Schriftsteller Trigorin. Die Aufführung misslingt. Nina fühlt sich zu Trigorin hingezogen, folgt ihm nach Moskau, bekommt ein Kind, will Schauspielerin werden. Trigorin verlässt sie, das Kind stirbt, die Karriere scheitert. Sie sucht Konstantin einige Jahre später wieder auf. 

Die Umstände und Entstehung seines im besten Sinne des Wortes sentimentalsten Stücks beschreibt einer der größten Dramatiker der Theatergeschichte so: "Eine Komödie, drei Frauenrollen [es wurden vier], sechs Männerrollen, vier Akte, eine Landschaft (Blick auf einen See), viele Gespräche über Literatur, wenig Handlung, ordentlich Liebe." (an Suworin). "Sie sagen, Sie hätten in den Aufführungen meiner Stücke geweint … Sie sind nicht der einzige … aber dafür habe ich sie doch nicht geschrieben. Stanislawski hat sie so rührselig gemacht. Ich wollte etwas ganz anderes. Ich wollte den Menschen nur ehrlich sagen: ‚Schaut euch doch an. Schaut wie schlecht und langweilig ihr lebt! Das wichtigste ist, dass die Menschen dies begreifen und sobald sie es begreifen, werden sie sich ein anderes, besseres Leben schaffen. [...] Was gibt es da zu weinen?‘" (an Serebrow). "Das Leiden muss man so ausdrücken, wie es im Leben ausgedrückt wird, d.h. nicht mit Händen und Füßen, sondern durch den Tonfall, den Blick; nicht durch Gesten, sondern durch Grazie. [...] Sie werden sagen, dass die Bühnengesetze dies nicht erlauben. Aber kein Bühnengesetz kann die Lüge rechtfertigen." (an Knipper). 

Wie so oft bei Tschechow wird quer oder in Reihe geliebt, nur aufgehen tun diePaare leider nie. Trotzdem spürt man ihre Hingabe, auch wenn sie sich hinter einem Wall von Isolierung verschanzen. Alles ist verdeckt, indirekt, in seinen Fassungen eliminierte Tschechow oft genau jene Passagen, die Charaktere auf einen Aspekt reduziert hätten. Gerade in der "Möwe" geht es um Beziehungen, um junge, stürmische Liebe, aber auch über Generationen hinweg. Obwohl diese Leben unvereinbar scheinen, tauchen im Text Spiegelungen auf, sprechen unterschiedliche Figuren sinngemäß dieselben Gedanken über die Altersgrenzen hinweg. Alvis Hermanis inszeniert "Die Möwe" zum zweiten Mal. 1996, kurz bevor er die künstlerische Leitung des "Neuen Theater Riga" übernahm, die er bis heute innehat, las er das Stück aus der Sicht der jungen Menschen, die sich einen Spaß über die Nöte und Sorgen der Alten machten. Dazwischen liegen etwa 23 Jahre, also das Lebensalter Konstantins, und die Re-Lektüre verändert die Perspektiven.

Mit Trigorin und Konstantin treffen ein renommierter und ein noch unbekannter Autor aufeinander, zwischen den Schauspielerinnen Arkadina und Nina liegen Jahre der Berufserfahrung. "Dass die Gesellschaft die Schauspieler mehr liebt als die Kaufleute beispielweise, das liegt in der Natur der Sache", sagt der Arzt im Stück. Heute ist es oft anders herum, aber im späten 19. Jahrhundert bildeten Künstler und Autoren als Intelligenzija eine moralische Instanz. Geschrieben wurde für einen rasch wachsenden Literaturmarkt – auch aufgrund der zunehmenden Alphabetisierung der breiten Bevölkerung. Es ist kaum verwunderlich, dass Arkadina Maupassants "Auf dem Wasser" zu ihrer Privatbibliothek zählt, aber neben der Literatur erlebte kommerzielle Prosa in der Massenpresse durch die Erfindung der Linotype-Setzmaschine einen gewaltigen Boom: Russische Zeitungen brachten es in den späten 1890er Jahren auf eine Auflage zwischen 50.000 und 70.000 Stück und über die Bahnhofskioske erreichten sie die entlegensten Landstriche Russlands. Auf diesem Wege erzielte auch der junge Tschechow seine ersten Erträge seines literarisches Schaffens und im zentristischen Russland in Moskau rezipiert zu werden, bedeutet für den jungen Konstantin großen Erfolg.
Trigorins und Konstantins Gedankenwelten speisen sich aus Tschechows Freundschaft mit dem Maler Isaak Lewitan, dessen Bilder einen unmittelbaren Eindruck des Landlebens in der "Möwe" geben. Noch jung und arm stritten sie über den Zusammenhang von Kunst und Leben, darüber, ob es reiche, nur Landschaften zu malen. Sie verbrachten gemeinsam viele Sommer jagend und angelnd auf Tschechows Landgut oder trieben sich, wenn sie es sich leisten konnten, in den Freudenhäusern Moskaus herum. Sie entzweiten sich immer wieder, etwa über ein Porträt des anderen, nur um sich dann wieder zu vertragen, und hörten damit auch nicht auf, als sie beide satt und berühmt waren. Nur der Ton änderte sich. 
Wie kein anderes seiner Stücken erzählt "Die Möwe" vom Schreiben und vom Theater, also von uns, und oft reden die Figuren davon, als ginge es darum, eine Suppe zu kochen. Doch wenn Tschechow Konstantin um neue Formen ringen lässt, birgt das immer noch ein Geheimnis. Heute, wo sich alles mehrfach ineinander gestülpt und wieder ausdifferenziert hat, sind wir in diesen Auseinandersetzungen keinen Schritt weiter. Jede Generation zu Gott. Tradition kann blind machen, aber stellt auch die Basis. Sie muss ständig gebrochen werden, um Neues zu erreichen, das frei und unvoreingenommen gedacht werden kann, aber ohne Erinnerung bleibt das Neue mager. Und wer, wie Mascha richtig bemerkt, immer nur alles Schlechte auf die Jugend schiebt, der hat bald gar nichts mehr zu sagen. Tschechows Sympathien lagen ganz sicher nicht nur bei einer seiner Figuren.

Die Möwe

Die Möwe

von Anton Tschechow

DIE MÖWE