Die Hysterie und der Vibrator

von Christina von Braun

Das Abendland kennt drei Mächte, die aus dem Nichts sichtbare Wirklichkeit erschaffen: Das eine ist der liebe Gott, das zweite ist der Kredit, das dritte ist die Hysterie. Ganz aus dem Nichts aber auch wieder nicht. Denn bei allen dreien entsteht Wirklichkeit durch Sprache und Zeichen. Für Gott steht das Wort am Anfang der Schöpfung, beim Kredit gibt es auf dem Papier eine Eins mit vielen Nullen, aus denen sich ‚etwas’ machen lässt. Und bei der Hysterie bringt das Unbewusste körperliche Symptome hervor. Zunächst gab es nur ein Zusammenwirken von zweien dieser Player: dem logos spermaticos, wie das antike Griechenland die schöpferische Macht des Geistes nannte, und der Hysterie, dieser Närrin, die die schöne Ordnung des logos gerne durcheinander brachte. Man nannte sie deshalb die Krankheit des Gegenwillens, der Simulation und der Lüge: „Die Hysterie ist die organische Krisis der organischen Verlogenheit des Weibes“, sagte Otto Weininger.[1] Sie sei eine „lächerliche Mimicry der männlichen Seele, eine Parodie auf die Willensfreiheit“.[2] In der Tat: In der Hysterie spiegelt sich die Ordnung des Meisters wider, aber auf verzerrte Weise. Eben deshalb eröffnen sich durch die Brille hysterischer Zweideutigkeit aber auch ungewöhnliche Perspektiven auf die abendländische Geistesgeschichte.

Die ‚Hysterie’ erhielt ihren heutigen Namen im corpus hippocraticum. Es ist übrigens der älteste Begriff unseres medizinischen Vokabulars. Das Wort ist eine Ableitung vom griechischen Wort für Gebärmutter: hystera. Die Antike hatte die Vorstellung, dass eine Reihe von Symptomen, die damals ausschließlich bei Frauen auftauchten, von der Gebärmutter ausgehen. Zu den typischen hysterischen Symptomen gehören: ekstatische Körperverrenkungen und -krämpfe, Lähmungserscheinungen, die einen Teil oder die Gesamtheit des Körpers befallen, Erstickungsanfälle, der völlige oder partielle Verlust der Sprachfähigkeit. (Die berühmte Anna O. zum Beispiel, deren Behandlung Ende des letzten Jahrhunderts zur Geburt der Psychoanalyse führte, wurde unfähig, ihre Muttersprache zu sprechen, konnte sich aber noch perfekt auf Englisch und Französisch verständigen.[3]) Zu den Erscheinungsformen der Hysterie gehören Unsicherheiten beim Gehen und Stehen, die Empfindungslosigkeit der Haut, der teilweise oder völlige Verlust des Sehvermögens und noch viele andere, sehr unterschiedliche Symptome, denen durchweg zwei Merkmale gemeinsam sind: Erstens lassen sich für diese Symptome keine organischen Ursachen ausmachen, und zweitens können sie ebenso schlagartig wieder verschwinden, wie sie aufgetaucht sind. Es blieb Freud überlassen, nachzuweisen, wie eng diese Symptome mit dem Unbewussten, mit der Sprache und Symbolisierungsfähigkeit zusammenhängen.

Es sind nicht nur die Symptome der Hysterie, sondern auch die Deutungsmuster für dieses Krankheitsbild, die einen engen Zusammenhang zwischen Krankheit und umgebender Kultur nahe legen. Rückblickend lassen sich die unterschiedlichen Deutungsmuster für die Erscheinungen der Hysterie als Projektionen auf Frauenkörper interpretieren, durch die Wissen erzeugt werde sollte. In der Antike erklärte man sich die Symptome der Hysterie mit einer mangelnden Befriedigung des Geschlechts- oder Muttertriebes. Man stellte sich die Gebärmutter als ein von der Anatomie der Frau unabhängiges Organ vor. Manche sprachen sogar von einem Tier im Körper der Frau, das rastlos zu wandern beginnt, dabei Blutbahnen und Atemwege verstopft und so die Lähmungs- und Erstickungsanfälle verursacht. Dementsprechend sah die Therapie aus: Durch üble Gerüche, die der Nase der Patientin zugeführt wurden, versuchte man, das Tier – oder die wandernde Gebärmutter – von oben zu verscheuchen; und durch gute Gerüche, mit denen die Geschlechtsteile eingerieben wurden oder durch die ‚Verschreibung’ von Geschlechtsverkehr das Tier wieder nach unten zu locken. Welches Wunschbild verbarg sich hinter dieser Vorstellung? Dass sich die Gebärmutter (und damit die Macht über die Reproduktion) aus dem Körper der Frau herauslösen lässt. Dass die Gebärmutter also nicht nur wandern, sondern auch auswandern kann.

Das christliche Mittelalter ging direkt zur Sache. Den Geistlichen galten die Erstickungsanfälle, Lähmungserscheinungen und Empfindungslosigkeit des weiblichen Körpers als untrügliche Zeichen der Besessenheit durch den Teufel. Diesen galt es ‚auszutreiben’. Die Renaissance griff wieder auf die Bilder der Antike von der wandernden Gebärmutter zurück, aber Theoretiker wie Paracelsus und Rabelais begannen die Ursache für die psychische Erkrankung schon ‚nach oben’ zu verlagern. In den drei bis vier folgenden Jahrhunderten setzte sich allmählich die Vorstellung durch, dass die hysterische Erkrankung weniger im Unterleib als im Kopf der Frau ihren Ursprung hat. Zunächst sprach man noch vom Nervensystem, aber bald ist von der Psyche die Rede. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kommt die Gebärmutter ganz oben, im Kopf an, wo sie nun – in Worte gekleidet – den Leib der Frau verlassen kann.

Genau das geschieht um 1900 in mehrfacher Hinsicht: Einerseits entsteht die Eugenik, die die Fortpflanzung vom Sex trennt und ins Labor verlagert. Andererseits stellt Freud den Zusammenhang zwischen Symptom und Sprache her. Die Gesichtsneuralgie seiner Patientin Cäcilie M. verschwindet schlagartig, als sie in der Analyse begreift, dass dieses (schmerzhafte) Symptom genau in dem Moment entstand, als sie eine Bemerkung ihres Mannes ‚wie einen Schlag ins Gesicht’ empfand. Die Gebärmutter verlässt also den Körper der Frau in doppelter Gestalt: als Formel im Labor und als eine Sprechblase, die das Symptom verschwinden lässt. Kein Wunder, dass die hysterischen Symptome um 1900 plötzlich aus den Krankenhäusern verschwinden – ohne dass jemand dafür eine plausible Erklärung zu geben vermag.

Oder könnte es sein, dass die Hysterie an die Börse gegangen ist? In dem Maße, in dem die Hysterie als ‚Frauenkrankheit’ aus den Krankenhäusern verschwindet, setzen ihre großen Auftritte auf dem Geldmarkt ein. Es ist der Moment, in dem unser dritter Player die Bühne betritt: Klar gab es auch schon vorher Kredite. Aber das große Zeitalter der Investition aus dem Nichts beginnt mit dem Papiergeld, das um 1900 in den allgemeinen Geldumlauf eintritt. Zwar behauptet der Börsen-Guru André Kostolany, dass „der Teufel die Börse erfand, damit der Mensch glaubt, dass er, wie Gott, aus dem Nichts etwas erschaffen kann.“ Doch in Wirklichkeit bot die Hysterie mit ihren Symptomen ohne organische Ursache die Vorlage. Je abstrakter das Geld wurde, je mehr es sich in ein reines Zeichen verwandelte, desto dramatischer wurden die hysterischen Inszenierungen an der Börse. Mit ihren schlechten Launen und grandiosen Hochstimmungen, mit ihrer Fähigkeit, freudiges Herzklopfen oder Depression zu bereiten, mit ihren zerrütteten Nerven und ihrer febrilen Nervosität, mit ihrer Suggestibilität und ihren synchronen Erregungszuständen verwirklicht die Börse das, wofür die Symptome der Hysterika nur eine Verheißung waren: Endlich ein echter globus hystericus, der seinen Namen verdient! Nur die Hysterika und die Börse bringen es fertig, ‚ein bisschen schwanger‘ zu sein. Mit ihren Scheinschwangerschaften, bei denen sich hohe Werte und ganze Märkte als Spekulationsblasen erweisen, repräsentiert die Börse die perfekte Umsetzung aller Phantasien einer geldwerten Gebärmutter.

Im Industriezeitalter will aber auch der Sex teilhaben an der Schöpfung aus dem Nichts. Daher der Vibrator, und erneut stand die Hysterie Pate. In den mit Freud verfassten Studien zur Hysterie beschreibt Breuer das Krankheitsbild der Hysterischen nach dem Modell einer elektrischen Anlage: Man habe sich das Gehirn der hysterisch Erkrankten als „eine vielverzweigte elektrische Anlage für Beleuchtung und motorische Kraftübertragung“ zu denken.[4] So auch der Vibrator, dessen Geschichte Rachel Maines in ihrem Buch The Technology of Orgasm beschrieben hat. Ursprünglich als ‚therapeutisches Instrument‘ eingeführt, bewies er bald, dass auch die sexuelle Befriedigung als Aufgabe der modernen Technik zu verstehen ist. Ein Lehrbuch über Elektrotherapie von 1894 „plädierte für den Einsatz der Faradisation gegen Amenorrhö und weibliche Unfruchtbarkeit – trotz der technischen Schwierigkeiten, die Batterien gefüllt, geladen und einsatzbereit zu halten.“[5] Durch Strom sollte sexuelle Erregung erzeugt werden – ohne den zeitraubenden und personalintensiven Aufwand einer manuellen Erregung. Die Werbung der American Vibrator Company of St. Louis, Missouri, in der Zeitschrift Woman‘s Home Companion im Jahre 1906 verkündete: „Die Anzahl und die Stärke der Bewegungen, die mit der Hand ausgeführt werden können, sind sehr beschränkt; der perfekt angepasste American Vibrator hingegen läuft unbeschränkt und ist zu einer Geschwindigkeit und Vielfalt der Bewegungen fähig, die ein Mensch nie erzielen könnte.“[6] Als die Elektrifizierung der Haushalte begann, gehörte der Vibrator zu den ersten elektrischen ‚Haushaltsgeräten‘: Nach der Einführung der Nähmaschine im Jahre 1889 hielt er schon im darauf folgenden Jahr, zeitgleich mit Ventilator, Teekocher und Toaster, seinen Einzug. Er „ging dem elektrischen Staubsauger um neun und dem elektrischen Bügeleisen um zehn Jahre voraus; die elektrische Bratpfanne entstand erst mehr als ein Jahrzehnt später, in dieser Reihenfolge womöglich Konsumentenpräferenzen widerspiegelnd“.[7] Angeboten wurde der Vibrator als Heilmittel gegen „Neuralgie, Kopfschmerzen und Falten“.[8]

Könnte es sich vielleicht um die Kopfschmerzen, Falten und Ängste der Börsenspekulanten handeln? Einige hatten ihr ganzes Vermögen auf diesen logos spermaticos gesetzt. Aber wer garantiert, dass es sich nicht wieder um eine dieser hysterischen Spekulationsblasen handelt?

 

Christina von Braun ist Professorin für Kulturtheorie mit dem Schwerpunkt Geschlecht und Geschichte an der Humboldt Universität zu Berlin. Ihr Text ist ein Originalbeitrag für das Programmheft zur Inszenierung.

[1] Otto Weininger, Geschlecht und Charakter, 1903, 16. Aufl. 1915, S. 361.

[2] Weininger, S. 377.

[3] Zur Geschichte v. Anna O. vgl. Ernest Jones, der als Erster ihrenwahren Namen (Bertha Pappenheim) enthüllte: Ernest Jones, Das Leben und Werk von Sigmund Freud, Bern/Stuttgart 1960-1962, Bd. 1, S. 266.

[4] Joseph Breuer, in: ders./S. Freud, Studien zur Hysterie, 1895, S. 156.

[5] Rachel P. Maines, The Technology of Orgasm. ‚Hysteria‘, the Vibrator and Women’s Sexual Satisfaction, Baltimore/London 1999, S. 83.

[6] zit. n. Maines, S. 103. Hervorhebungen im Original.

[7] Maines, S. 100.

[8] Maines, S. 100.

Nebenan - The Vibrator Play

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von Sarah Ruhl

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