DIE BAKCHEN – LASST UNS TANZEN INHALTSANGABE

Die Feste des Frühlings

Sein Name eignet sich für einen Unglücklichen: Pentheus, junger Herrscher Thebens. Ein gekränkter Gott, Dionysos, fordert ihn heraus und sinnt auf Rache am Grab seiner Mutter Semele. Die Bakchen oder Mänaden tanzen bereits ihm zu Ehren in den Bergen und auch den alten Thebanern juckt das Bein: den blinden Seher Teiresias und Pentheus‘ Großvater Kadmos, Gründervater der Stadt. Bitt’re Schmach für Theben, denn nicht zuletzt kämpft Pentheus gegen die Irrationalität des Rausches und für eine neue, bessere Welt. Soweit die Theorie. In der Praxis faszinieren Pentheus die Orgien außerhalb der Stadtmauern. Als dort auch seine Mutter Agaue deliriert, verführt ihn Dionysos, sich zu verkleiden und heimlich begeben sie sich ins Gebirge der Ekstase. Dort findet Pentheus seinen Tod, zerrissen und verspeist von den Bakchen, angeführt von seiner Mutter Agaue. —— So lautet die Fabel des Euripides, an deren Struktur sich der flämische Schriftsteller Peter Verhelst in seiner Version des Mythos‘ hält, wenn auch mit zarten Zusätzen und Verschiebungen. Im Ganzen entreißt er den Stoff den Philologen, zumindest denen, die sich an der kurzen Phase der Blüte Athens im 5. Jahrhundert v. Chr. festkrallen, der so genannten griechischen Klassik, die in Wirklichkeit von Krieg und Gewalt geprägt war. Mit Athens Theaterwettkämpfen nach der Herrschaft der Tyrannen und dem Krieg gegen die Perser, erhob die Aristokratie die im Untergrund schwelende Dionysos-Religion der Niederen zur Staatskunst, um sie so besser beherrschen zu können. Doch die Ursprunge des Kultes sind viele Jahrhunderte älter, er ruft die Fruchtbarkeit an und somit sind „Die Bakchen“ ein ideales Stück für den Frühlingsanfang. Bis heute wirkt dieser alte Dionysos-Kult, trotz seiner Umfunktionierung in der athenischen Polis, denn wir sind nie modern gewesen und haben nur unzureichend aufgeräumt mit unserer Herkunft.

 

Bild links: Der Sparagmos des Pentheus’.

Agaue and Ino, die Schwestern der Semele, zerreißen ihren Neffen. Rotfigurige Vasenmalerei auf einer Kosmetikschale, attisch, ca. 450-425 v. Chr.

 

 

 

„Die Bakchen“ sind nicht zuletzt ein Stück über das Infragestellen von Autoritäten, über unsere Doppelnatur zwischen Autoritätssehnsucht und -abneigung. In der orphischen Variante des Mythos vom neugeborenen Sohn des Zeus, locken die Titanen ihn in die Falle. Um zu entkommen, verwandelt sich der shape-shifter Dionysos in einen Ziegenbock, einen Leoparden, eine Schlange und einen Stier. In dieser letzten Verkörperung zerreißen ihn die Titanen und verschlingen sein rohes Fleisch. Vater Zeus tötet sie dafür mit Blitzen. Aus dieser Asche, diesem Ruß der Titanen, vermischt mit der dionysischen Substanz, sind wir Menschen entstanden. Wir sind alle Dionysos in jeder seiner Spielarten: Blütenbringer, im Überfluss Lebender, Lärmender, über roh Verzehrender bis hin zum Menschenzermalmer. Was hätte aus der Welt werden können, wäre Pentheus uns aufgeschlossener begegnet? —— Seit mehr als dreißig Jahren choreographiert und inszeniert Wim Vandekeybus auf der ganzen Welt Aufführungen, die sich zwischen Schauspiel, Tanz, Konzert und Film bewegen. Für „Die Bakchen“ bündeln seine Kompanie „Ultima Vez“ und das Residenztheater gemeinsam ihre Kräfte. 

WAS HEIßT SPIELEN? – No. 13

Mark Hollis, 1955–2019, britischer Musiker, Komponist, Sänger und Songschreiber

"Funny how I blind myself. I never knew if I was sometimes played upon. Afraid to lose, I'd tell myself what good you do. Convince myself."

WAS HEIßT SPIELEN? – No. 13

Programmheft "Die Bakchen – lasst uns tanzen"

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DIE BAKCHEN – LASST UNS TANZEN (FOTOGALERIE)

"In welcher Welt lebst du?", Verhelst, "Die Bakchen"

Die Bakchen – lasst uns tanzen

Die Bakchen – lasst uns tanzen

von Peter Verhelst nach Euripides

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