DIE ABENTEUER DES GUTEN SOLDATEN ŠVEJK IM WELTKRIEG

INHALTSANGABE

DAS ATTENTAT

Am 28. Juni 1914 wurden der Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Sophie in Sarajevo ermordet. Lokale Berater hatten den Thronfolger der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie gebeten, nicht am Sankt-Veits-Tag, dem Gedenktag der für das Vaterland gefallenen Serben, nach Sarajevo zu kommen. Doch der 28. Juni war Sophies und Franz’ Hochzeitstag und Franz Ferdinand wollte der letzten Station seiner Bosnienreise einen besonders lockeren und zivilen Anstrich geben. So hatten die sieben in zwei Zellen organisierten Attentäter der serbischen Anarchistengruppe „Schwarze Hand“ beste Voraussetzungen. Gavrilo Princip schoss zwei Mal aus kurzer Entfernung auf den Thronfolger, der wenige Stunden später seinen Schussverletzungen erlag.

DAS PRINZIP ŠVEJK

Als guter Soldat weiß Švejk, was ein solches Attentat bedeutet, und meldet sich provokant freiwillig zum Dienst. Denn dieser Krieg muss sein: „Das wird ein Gemetzel.“ Dass Švejk daraufhin verhaftet, in die Psychiatrie gesteckt, als Idiot ausgelacht und als Vaterlandsverräter beschimpft wird, fordert den Prager Wirtshausanarchisten nur noch mehr heraus. Als Offiziersdiener an der Front gelingt ihm der große Coup: Autoritäten, Frontlinien und Befehle gelten für ihn nicht. Er lässt Militärchargen und Kriegsbürokraten im Feuerwerk seines Widerspruchsgeistes tanzen und reißt die nationalen Hierarchien der österreichisch- ungarischen Vielvölkerarmee lachend nieder. Švejk treibt sein aufmüpfiges Spiel in einer zwischen Lethargie und Chaos zerrissenen Welt, die den Einzelnen zu einer Nummer und die Menschenseele überflüssig werden lässt. Gewisse Damen und Herren der Doppelmonarchie und ihre deutschen Bündnispartner werden von Švejk in ihrer melancholischen Endzeitstimmung beim Wort genommen und in ihrer Dummheit und Bestialität vorgeführt. Die Paradoxie des Krieges sichtbar machen, Hunde frisieren, Vögel vögeln, weinen, wo andere sich totlachen, Frauen verstehen und im richtigen Moment die Fronten wechseln – das ist das Prinzip Švejk. 1921 als Groschenheft in Prager Kneipen verscherbelt, feiert der passive Widerstandsgeist des fragmentarischen Romans Jaroslav Hašeks (*30. April 1883 in Prag; † 3. Januar 1923 in Lipnice nad Sázavou) in Frank Castorfs Inszenierung seine düstere Wiederauferstehung. Der spanische Kritiker Claudio Guillen hat Hašeks neunhundert Seiten langen, „offenen“ Roman mit einem Güterzug verglichen – „Episode nach Episode, Wagon nach Wagon, und nach einer Station kommt immer wieder noch eine andere...“ Für Bühnenbildner Aleksandar Denić ist der Güterzug mitten in Europa stecken- geblieben. Denić hat die Fassade der am 30. Dezember 1914 eröffneten Berliner Volksbühne nachbauen lassen und sie mit ihrem ursprünglichen Motto versehen: Die Kunst dem Volke.

KRIEGSSPLITTER

In seinem kürzlich erschienenen Buch zur „Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert“ fasst Herfried Münkler aktuelle Forschungen zum Ersten Weltkrieg überzeugend zusammen und verweist auf die Auswirkungen dieser „Urkatastrophe“ auf das neue Jahrtausend. Ordnungs- politische Ideen wie die „Kongruenz von Nationalität und Staatlichkeit“ sowie der Einfluss multinationaler Interessensmächte waren und sind damals wie heute kriegstreibend. Hašeks Roman erzählt von Švejks Odyssee durch die osteuropäischen Gebiete des Ersten Weltkriegs. Im Spiegel aktueller Kriegsszenarien erscheint dieser skurrile Antiheld als ein ersehnter Zeitgenosse, der die Verhältnisse mit geschwätziger Lebensbejahung und provozierendem Schwachsinn in Frage stellt. In Kreisen läuft der gute Soldat Švejk von Prag über Budapest bis in die Ukraine. Eine Kette von beabsichtigten Missverständnissen verfolgt ihn auf seiner ziellosen „Anabasis“, bei der alle Wege in den Krieg oder in das Unterbewusstsein europäischer Männer- und Frauenphantasien führen, die in der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie am Anfang des 20. Jahrhunderts dank Dr. Freud auf dem Wege ihrer psychoanalytischen Behandlung sind.

DIE NEUÜBERSETZUNG

Hašeks Romanfragment wurde 1926 von Grete Reiner erstmals ins Deutsche übersetzt. Reiner, eine deutschsprachige Prager Jüdin, wurde 1892 in Prag geboren und 1944 in Auschwitz ermordet. Ihre Übersetzung war auch die Grundlage für die Inszenierung, die im Januar 1928 unter der Regie von Erwin Piscator am Berliner Theater am Nollendorfplatz in Zusammenarbeit mit Kafkas Freund Max Brod, George Grosz und Bertolt Brecht entstanden ist. Reiners Übersetzung und Piscators Inszenierung haben den „Švejk“ in Deutschland früh populär gemacht. Doch das fehlerhafte Deutsch des Protagonisten in ihrer Übersetzung entfernt sich vom tschechischen Original. „Es verhält sich genau umgekehrt wie bei Grete Reiner: Nicht die Tschechen sprechen ein schlechtes Deutsch, sondern die Deutschen sprechen ein schlechtes Tschechisch mit typisch deutschem Akzent, der in tschechischen Ohren besonders lächerlich klingt.“ (Antonín Brousek) Auch die beiden erfolgreichen deutschen „Švejk“-Verfilmungen mit Heinz Rühmann und Peter Alexander führen dieses Missverständnis fort. Brouseks 2014 erschienene Neuübersetzung folgt Hašeks Humor: „Man lacht nicht, um die Welt zu entlarven, man muss letztlich lachen, um in dieser Welt nicht vor die Hunde zu gehen. Lachen ist also zugleich Heilmittel und Gegengift.“

Alles ist möglich

"Wie eine Explosion: Es ist alles möglich! Rock’n’Roll!" Im Blog spricht Jaromír Zezula über Jaroslav Hašeks "Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg", das gerade im Resi Premiere feierte, und seine Arbeit als Livekameramann, die in den Inszenierungen von Frank Castorf von besonderer Bedeutung ist. MEHR ...
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Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg

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nach Jaroslav Hašek

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