DER STREIT

Inhaltsangabe

 

"Durch welche Untersuchungen könnten wir zu der Erkenntnis des natürlichen Menschen gelangen, und welche Mittel hat man, die Untersuchungen inmitten der Gesellschaft anzustellen?"

Rousseau, Abhandlung über die Ungleichheit

Welches Geschlecht war zuerst untreu? Der Mann oder die Frau? Um diese Frage ein für allemal zu beantworten ist ein Prinz mit seiner Geliebten, Hermiane, angetreten, den Sündenfall experimentell nachzuvollziehen. Denkbar simpel ist der Versuchsaufbau, den Pierre Carlet de Marivaux in seinem "Streit" beschreibt. Vier Kinder, zwei männlich und zwei weiblich, wurden getrennt von allen Mitmenschen aufgezogen, der einzige Kontakt zur Außenwelt besteht für sie in ihren Erziehern Carise und Mesrou. Nach "achtzehn oder neunzehn Jahren" nun sollen sich diese inzwischen jungen Erwachsenen zum ersten Mal treffen, anhand ihrer soll die Treue des Menschen getestet werden, streng beobachtet durch den Prinzen und Hermiane. Was auf den ersten Blick wie ein simples Schäferspiel anmutet, ist auf den zweiten eine gendertheoretische Tour de Force durch ein polyamouröses Netzwerk des sexuellen Erwachens, durchwirkt von christlichmoralistischen Ermahnungen und repressivsadistischen Bestrafungen. Die Kinder treffen reihum aufeinander, gehen Allianzen und Liebeleien ein, versuchen das schwierige Gewässer der Beziehungen zu navigieren und spiegeln dabei die Fragestellungen unserer Zeit wieder – Beziehungsmodelle, die Selbstbestimmung der Sexualität und Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern, die Konstitution von Geschlecht als binärer Konstruktion wie auch des Prinzips Liebe durch die Sprache sind Thema. Trotz seines Nachhalls im 21. Jahrhundert ist "Der Streit" auch ein Produkt seiner Zeit. 1744 entstanden und uraufgeführt, bezieht er sich auf diejenigen, die vor ihm waren, und nimmt in seinen Grundannahmen die Arbeiten der Theoretiker wie auch der Künstler der folgenden Epochen vorweg. 1779 ruft Johann Gottlieb Schummel nicht ganz ernst gemeint das "pädagogische Jahrhundert" aus, ein Titel, unter den man Marivaux ebenso wie Rousseau, der 1762 seine pädagogische Abhandlung „Emile oder Über die Erziehung“ veröffentlicht, fassen kann. Und die Frage nach Treue und Untreue wird Ende des 18. Jahrhunderts – wenngleich anders als bei Marivaux ausschließlich auf die Frauen bezogen – durch Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo Da Ponte in ihrer Oper "Così fan tutte" erneut gestellt. Wenige Zeit später entwirft zu Beginn des 19. Jahrhunderts der französische Frühsozialist Charles Fourier seine gesellschaftliche Utopie der „Harmonie“, in der die Liebe einen ganz neuen Stellenwert zugewiesen bekommen soll. Die amerikanische Philosophin Martha C. Nussbaum befragt Ende des 20. Jahrhunderts die Normierung der Sexualität durch einen Blick zurück zu den alten Griechen. Schon dort berichtet Herodot von Menschenversuchen ähnlich denen des Pierre Carlet de Marivaux, während Lucien Malson die Geschichte der "wilden Kinder" nach Herodot nachvollzieht.

In seiner Inszenierung von „Der  Streit“ mischt Nikolaus Habjan die Karten in diesem Versuch neu. Die Macht liegt bei ihm nicht mehr zuerst bei den Adligen, sondern bei Carise und Mesrou, die als Puppenspieler sowohl für die beiden Adeligen als auch die Probanden fungieren. In der Hoffnung, autonomes Subjekt zu sein, kann sich in dieser Anordnung niemand mehr wiegen, durch fremde Hand geführt und damit determiniert und manipuliert verschwindet die letzte Hoffnung auf einen wissenschaftlich tragbaren Versuch. Die ersten Menschen werden inszeniert, der Sündenfall folgt einer klaren Aufführungsordnung und "Der Streit" wird zum "Schauspiel ganz besonderer Art". Vorhang auf im anatomischen Theater des Nikolaus Habjan.

Spiel mit Körpern

Der Regisseur und Puppenspieler Nikolaus Habjan hat Marivaux' Komödie "Der Streit" mit Puppen und Resi-Schauspielern an der Schnittstelle von Körper und Körperdarstellung inszeniert. Ein Spiel mit Körperlichkeiten und eigens dafür von ihm gefertigten Puppen. Für den Resi Blog hat er die Entstehung der Puppen dokumentiert. MEHR ...
Spiel mit Körpern

Das vierzehnte Sonett

von Louise Labé Deutsch von Rainer Maria Rilke

Solange meine Augen Tränen geben,
dem nachzuweinen, was mit dir entschwand;
solang in meiner Stimme Widerstand
gegen mein Stöhnen ist, so daß sie eben

noch hörbar wird; solange meine Hand
die schöne Laute von so lieben Dingen
kann singen machen, und sich unverwandt
mein Geist dir zukehrt, um dich zu durchdringen:

so lang hat Sterben für mich keinen Sinn.
Doch wenn ich trocken in den Augen bin,
die Stimme brüchig wird, die Hand nicht mag,

und wenn mein Geist mir hier die Kraft entzieht,
durch die ich mich als Liebende verriet:
so schwärze mir der Tod den klarsten Tag.

Das vierzehnte Sonett

Der Streit Programmheft Auszug (PDF)

Der Streit Programmheft Auszug (PDF)
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Der Streit

Der Streit

von Pierre Carlet de Marivaux

Der Streit