DER SANDMANN INHALTSANGABE

Eine Reise ins Herz der deutschen Finsternis

Napoleon, den Befreiungskriegen und der preußischen Restauration ist es zu verdanken, dass E.T.A. Hoffmann zum wirkmächtigen Schriftsteller wird. Eine historische Zäsur am Ende des 18. Jahrhunderts, die eine "Explosion des Politischen" (Safranski) aus dem staatlichen Monopol heraus in die Gesellschaft mit sich bringt, hat, in Verbindung mit dem Kriegsgeschehen genau vor Hoffmanns Nase, seine Politisierung zur Folge. Diese wird sich in seinen literarischen Werken, die ab 1814/15 in ungeheurer Produktivität aus ihm herausbrechen und endlich den ersehnten künstlerischen Erfolg bringen, ins Phantastische, Unheimliche, Groteske wenden. Eines der gespenstischen Narrative, die Hoffmanns Werk eingeschrieben sind, ist das des politischen Dämons, des apokalyptischen Demagogen, des "kalten Zauberers" (Rohrwasser). Auch in der Erzählung "Der Sandmann",die am 16.11.1815 nachts ein Uhr fertig zu Papier gebracht ist und Hoffmanns zweiteiligen Zyklus "Nachstücke" einleitet, zieht sie ihre verschlungene Spur.

"Der Sandmann" ist ein Paradies für Deutungsjäger und weist nicht nur auf den ersten Blick einige Schwierigkeiten für eine Bühnenumsetzung auf: Der Plot ist kaum zu packen, und der erzähltechnische Zugriff beginnt als sukzessive ad absurdum geführte Briefroman, alsdann abgelöst von einem vermeintlich allwissenden Erzähler, der sich bald jedoch als nur begrenzt vertrauenswürdig erweist. Die systematische Verweigerung jeglicher Festlegung, knallhart kalkulierte Missverständnisse sind ausgebuffte Erzählstrategien des Autors und führen zur stetigen Verunsicherung des Lesers. Im Zentrum des unheimlichen Geschehens steht Nathanael, der als Kind, getriggert von der Legende des bösen, Augen ausreißenden Sandmanns, ein schweres Trauma erleidet: Das "Ammenmärchen" vom Sandmann amalgamiert sich mit der fiesen Erscheinung des Advokaten Coppelius, der mit dem Vater heimlich alchemistische Studien betreibt, bei denen der Vater schließlich ums Leben kommt. Jahre später trifft Nathanael, mittlerweile Physikstudent und begeisterter Dichter, auf den piemontesischen Wetterglashändler Coppola, in dem er den Doppelgänger des "Sandmanns" Coppelius zu erkennen glaubt, erwirbt von ihm ein kleines Fernrohr, das ihn eine Frau sehen und lieben lernt, die sich später als Automat entpuppt, und fällt einem erneuten paranoiden Schub suizidal zum Opfer. Soweit, so kompliziert. 
Die virtuos gebaute Erzählung ist unter anderem als psychopathologische Fallstudie, als Reflexion über den narzisstischen Künstler, der im Spiegel der leeren Augen Olimpias sich in sich selbst verliebt, als Diskurs zum (Alp-)Traum der Mensch-Maschine ausgeleuchtet worden. Ein zentrales Motiv des schwarzromantischen Textes ist das des versehrten, entrissenen, in jedem Fall unzuverlässigen Auges. Subkutan durchwirkt die Angst vor dem Verlust des Sehens, des Auges als Fenster zwischen Außen und Innen, des eigenmächtigen Zugriffs auf die Welt alle Verästelungen des Textes und ergreift schleichend von Figuren und Leser Besitz. Der Sandmann, der hier nicht mehr auf herkömmliche Weise Sand in die Augen streut und den Schlaf bringt, sondern die Augen für immer aus den Köpfen reißt, wird zur dunklen Schicksalsmacht, die aus den Menschen blinde Marionetten formt und ihnen dann künstliche "Augen", Gläser, verkauft, durch die ihr Blick manipuliert wird. 

Hoffmann hat, neben seinen scharfzüngigen Zeichnungen, auch seine Literatur mit Gespenstern aus dem prallen Leben gefüllt: "Mehr noch als er die Geisterwelt, verfolgt die Geisterwelt ihn. Sie vertritt ihm am hellen Mittag den Weg" (Benjamin). So tritt uns in der Spukgestalt des machtvollen Manipulators Coppelius/Coppola das größte (durchaus gespenstische) Phänomen von Hoffmanns Zeit, Napoleon, entgegen. Der politische Massenlenker, dessen Macht überirdisch und dessen Machtwille unendlich scheint, hat sich, aufgeladen mit dem seinerzeit en-vogue-Phänomen des animalischen Magnetismus - eine spiritualistische Heilmethode, die selbst ehrwürdige Ärzte in den Bann schlägt - zu einer mit hypnotischen Kräften ausgestatteten Gestalt verbunden, die auf Seelen- und Weltenfang geht: "Es ist die unbedingte Herrschaft über das geistige Prinzip des Lebens, die wir … erzwingen", raunt der Magnetiseur in Hoffmanns gleichnamiger Erzählung von 1813. Im teuflischen Narrativ des politischen Magnetiseurs verbinden sich mehrere Splitter einer Epoche, die vom politischen Element der Heimlichkeit und Disziplinierung nach der französischen Revolution, der Gigantomanie Napoleons und den nationalen Befreiungskriegen geprägt ist. Hier trifft man auch auf die frühromantische Suche nach einer anti-aufklärerischen Wiederverzauberung der Welt, die bei Hoffmann in ihrer Abgründigkeit sichtbar wird. In der Krisenfigur des zerstörungsfreudigen Magiers zeigen sich Denkmuster der romantischen Bewegung, die, politisch mutiert, einen chauvinistischen, blutlüsternen Mythos einer Nation entwarf, der von den Nationalsozialisten später begeistert eingemeindet wurde. Heutzutage wird er von den Neuen Rechten als Bezugspunkt einer virtuellen guten alten Zeit benutzt, denn dem "Abendland" soll der Weg aus der komplizierten, auf jeden Fall dekadenten Gegenwart in eine restaurative Zukunft gewiesen werden. Lustvoll ausgemalte Krisenszenarien mit mythischem Vokabular, autoritärer Gestus, gezielte rhetorische Eskalation und inhaltliche Faktenverzerrung sind dabei die erprobten politischen Instrumente der neu-alten Magnetiseure des rechten Backlashs. Sie haben, so lässt sich feststellen, einigen Erfolg und den Sand ihrer Vorgänger wieder dabei.

DER SANDMANN (FOTOGALERIE)

WAS HEIßT SPIELEN? – No. 16

Die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann 2018 in einem Gespräch über die neue rechte Rhetorik. Assmann nimmt auch auf Orwells „1984“ und die darin verhandelte Manipulation von Sprache im totalitären Staat bezug.

"Dass Worte ihre Grundbedeutung plötzlich ändern, indem wir da sind und zuschauen und merken, dass sich Bedeutungen entziehen und andere da-runtergelegt werden, das ist eine sehr beunruhigende Erfahrung, die ich im Moment mache."

WAS HEIßT SPIELEN? – No. 16

"Aber dann

und wann

ist es, als

greife eine schwar-

ze Faust

in unser Leben

und reiße

irgend-

eine

Freude heraus,

die uns

auf-

ge-

gangen."

E.T.A. Hoff-

mann

"Der

Sand-

mann"

 

Der Sandmann

Der Sandmann

nach E.T.A. Hoffmann

Der Sandmann