DER BALKON

Inhaltsangabe

Der Balkon als Bühne für Politiker, die Nähe zueinander signalisieren wollen. Gleichzeitig zeigen solche Bilder die Distanz zum Volk, das nur ahnen kann, was dort gespielt wird. Spiegeln solche Inszenierungen unser Denken? Wird das Reale in Repräsentation und das Begehren in Bilder verwandelt, wie der Philosoph und Psychoanalytiker Jacques Lacan Jean Genets Komödie "Der Balkon" sieht? Tatsächlich stellt Genets Stück die Frage nach der Macht der Bilder in Form einer Verwechslungskomödie.

Madame Irma bietet den Besuchern in ihrem "Haus der Illusionen" nicht nur Sex, sondern auch die Gelegenheit, in neue Identitäten zu schlüpfen. Sie können Rollen spielen, die ihnen das reale Leben vorenthält. Gegen Bezahlung werden in der Nacht Bürger zu Bischof, Richter oder General und das Leben und die Macht als Illusion inszeniert. Gleichzeitig tobt vor den Fenstern des Etablissements und in den Straßen der Stadt ein realer Aufstand um die Macht im Staat. Der Polizeichef flüchtet vor den Kämpfen zu seiner ehemaligen Geliebten Madame Irma. Sie begreift die Rolle des Bordells nüchtern als Institut zur Befriedigung männlicher Allmachtsphantasien – er wiederum hält die Revolution für ein Spiel. Aber niemand will in diesem Spiel in die Verkleidung des Polizeichefs schlüpfen, weil es von dem "Symbol der nackten Macht" kein Bild gibt, außer dem Bild des Phallus. Die Aufständischen stürmen das Schloss, suchen die verschwundene Königin und machen Chantal, eine ehemalige Hure zu ihrer "Jeanne d´Arc". Um die Rebellion niederzuschlagen, bedient sich ein plötzlich aufgetauchter "Gesandter" mithilfe des Polizeichefs eines Tricks. Sie lassen die Freier in ihren Verkleidungen als Bischof, Richter und General sowie Irma als Königin auf den Balkon des Hauses treten. Das Balkonbild mit den Kostümierten vermittelt dem revoltierenden Volk den Eindruck, die Revolution sei gescheitert. Der Coup gelingt, das Volk folgt den Bildern, nicht den Ideen. Der Schein bestimmt das Bewusstsein. "Was sind heute die pompösen Symbole der Macht? Was ist der unantastbare Wert, derjenige, der dazu führt, dass es eine bedauerliche Anwesenheit der Gegenwart gibt? In meinen Augen lautet sein wichtigster Name ‚Demokratie‘", schreibt der in Rabat geborene Philosoph und Romancier Alain Badiou provozierend und verstörend über den "Balkon". Und dass das Bordell der richtige Ort für eine "Komödie der Gegenwart" sei. "Die Kraft der Komödie zielt darauf, unter pompösen Symbolen zu zeigen, dass die nackte Macht nicht ewig ihre Brutalität oder ihre Leere verbergen kann." "Der Balkon" ist eines der meistgespielten Stücke des französischen Autors Jean Genet, der als Sohn einer Prostituierten im Waisenhaus aufwuchs, bei der Fremdenlegion diente, als Dieb zu lebenslanger Haft verurteilt und auf Fürsprache von Jean-Paul Sartre und Jean Cocteau hin begnadigt wurde. Im Gefängnis begann er zu schreiben, über die Außenseiter der Gesellschaft, die sich den Werten einer bürgerlichen Existenz verweigern.

"Der Balkon" wurde kurz nach seinem Erscheinen 1956 in Frankreich verboten und 1957 zuerst in London von Peter Zadek inszeniert. Heute wird es als eines der bedeutendsten Stücke der Moderne gelobt und Genet zum Klassiker wider Willen. Der aus Kroatien stammende und international tätige Regisseur Ivica Buljan hat 2016 am Residenztheater Pier Paolo Pasolinis "Der Schweinestall" herausgebracht. Er inszeniert ein Schauspiel, das, geht es nach der Hauptfigur Irma, wirklich nur Theater ist: "Richter, Generäle, Bischöfe, Kanzler, Aufrührer, die Ihr den Aufstand erstarren lasst, ich werde meine Kostüme und meine Salons für morgen vorbereiten … Sie müssen jetzt nach Hause, wo alles, zweifeln Sie nicht daran, noch falscher sein wird als hier…"