DAS SPIEL ALS POLITISCHER AKT: Die Spielzeit 2018/19 am Residenztheater

Am 17. Mai stellte Intendant Martin Kušej im Rahmen einer Pressekonferenz sein Programm für die kommende – seine letzte – Spielzeit am Residenztheater vor. Die Spielzeit 2018/19 wird keinesfalls eine Abschiedsspielzeit, sie ist bestimmt von großen anspruchsvollen Produktionen sowie reich an neuen, vielfältigen Spiel- und Erzählformen, mit denen Martin Kušej zusammen mit seinem Ensemble seit 2011 das Residenztheater prägt.

ZENTRALES THEMA: DAS SPIEL

Zentrales Thema im Spielplan 2018/19 ist das Spiel – als emanzipatorischer Vorgang, Möglichkeit des Sich selbst Distanzierens, Sich selbst Fremdwerdens, der Empathie, der Spekulation, des Was wäre wenn. Die Grundlage ist der Irrealis, die Erweiterung, die Feier dessen, was wir tun und können. Frei nach Schiller: "Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt."

"Gefeiert wird diese grundlegende menschliche Eigenschaft und Fähigkeit: Menschen sind Spieler insofern sie Zukunftswesen sind und insofern sie soziale Wesen sind. Wenn wir spielen, am Spieltisch oder etwa an der Börse, spekulieren wir auf künftige Gewinne, auf etwas, das nicht da ist, oder höchstens in unserer Vorstellung. Wer spielt, zum Beispiel auf einer Bühne, verlässt seine angestammte Position, bleibt nicht ausschließlich er oder sie selbst. Wer also spielt, ist immer ein bisschen außer sich. Dieses Außersich-Sein, diese Form der Ex-Istenz, ist die Bedingung menschlicher Freiheit. Spielen ist in diesem Sinne ein eminent politischer Akt.

Wenn wir uns, zum Beispiel im Namen der 'Wahrheit', der ‚Authentizität‘ diese Möglichkeit nehmen, verlieren wir ein entscheidendes Mittel der Verständigung und letztlich der Erkenntnis. Mit Möglichkeiten zu spielen, probehalber für einen oder eine andere zu sprechen und damit Erfahrungen zu machen und zu vermitteln, wird im Theater täglich geübt und erweitert. Es ist die Fähigkeit, spielend einen anderen Standpunkt einzunehmen als den des 'Ich' und 'Wir'. Diese Fähigkeit kann gar nicht gut genug ausgebildet sein – und sie ist es nicht, wie sich täglich beobachten lässt." Martin Kušej

Eröffnet wird die Spielzeit mit zwei bekannten "Spiel im Spiel"-Stücken: Tina Lanik inszeniert "Marat/Sade" von Peter Weiss und Martin Kušej setzt "Der nackte Wahnsinn" von Michael Frayn in Szene. Es folgen "Endspiel" von Samuel Beckett (Regie Anne Lenk), "Der Spieler" von Fjodor Dostojewskij (Regie Andreas Kriegenburg), Tschechows "Die Möwe" (Regie Alvis Hermanis) sowie "Eine göttliche Komödie" in einer Inszenierung von Antonio Latella. In diesem Projekt trifft die Anschauung Dantes, dass wir alle Spieler im Bühnenbild einer göttlichen Ordnung sind, auf die Versuche Pier Paolo Pasolinis, eine Divina Commedia für unsere Tage zu schreiben.

NEUE REGISSEURE AM RESI

Neben Antonio Latella arbeiten weitere Regisseure erstmals am Resi: Robert Borgmann setzt sich anhand Kleists Novelle "Die Verlobung in St. Domingo", die an die Anfänge der bis heute herrschenden Dynamik der Kolonialisierung rührt, mit der Verknüpfung von Rassismus und Kapitalismus auseinander.

Der kuwaitische Autor und Regisseur Sulayman Al Bassam bearbeitet mit "Ur" ein ähnliches Feld: Ausgehend vom Untergang der Stadt Ur 2000 v. Chr. thematisiert er Kolonisierung, Aneignung und Auslöschung von kultureller Erinnerung, beispielsweise für nationalistische Zwecke durch die Deutsche Orient-Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts oder durch den IS im Jahre 2015.

Für ein erneutes genreübergreifendes Projekt hat das Residenztheater Wim Vandekeybus, einen der Mitbegründer der berühmten flämischen Tanztheater-Szene, eingeladen. Er bringt in "Bakchai" die Mitglieder seiner Kompagnie "Ultima Vez" mit Schauspielern des Residenztheaters zusammen.

Einen weiteren antiken Stoff bearbeitet Ulrich Rasche in einem neuen Projekt am Resi: Er kombiniert in "Elektra 4.48 Psychose" Hugo von Hoffmannsthals "Elektra" mit Sarah Kanes "4.48 Psychose" zu einem Abend über weiblichen Widerstand.

MARSTALLPLAN WIRD ZU MARSTALLJAHRESPLAN

Am Ende (fast) jeder Saison stand in den vergangenen Jahren ein Wochenende mit rasch und wendig erarbeiteten Inszenierungen von jungen Regisseurinnen und Regisseuren, Assistentinnen und Assistenten sowie Regie-Studierenden der Theaterakademie August Everding auf dem Spielplan. Was MARSTALLPLAN hieß, wird jetzt zum MARSTALLJAHRESPLAN: drei Wochenenden mit jeweils zwei Premieren über die Spielzeit verteilt. Mirjam Loibl, Robert Gerloff, Matthias Rippert und Aureliusz Śmigiel haben bereits erfolgreich im Marstall gearbeitet, Blanka Rádóczy ist Absolventin der Theaterakademie August Everding und der international erfolgreiche Theater- und Opernregisseur Sam Brown ist zum ersten Mal am Residenztheater zu Gast.

Nicht man selbst sein müssen

Zum Ende machen wir noch einmal ernst: Es geht ums Spielen. Eine Tätigkeit, eine Haltung – und eine Grundsatzfrage. Dem Spieler und der Spielerin sind Authentizität und Glaubwürdigkeit, Selbstgewissheit und jene Identität fremd, die mit sich selbst im Reinen, aber arm an Möglichkeiten ist. Sie bestaunen die Zuverlässigkeit, den festen Glauben an eine planbare Zukunft, die Humorlosigkeit, die Geschlossenheit der Weltbilder, die Vergesslichkeit.

Nicht man selbst sein müssen
Der Spieler

Der Spieler

von Fjodor M. Dostojewskij

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Die Möwe

Die Möwe

von Anton Tschechow

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Der Mieter

Der Mieter

von Roland Topor

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Victory Condition

Victory Condition

von Chris Thorpe

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Endspiel

Endspiel

von Samuel Beckett

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Der nackte Wahnsinn

Der nackte Wahnsinn

von Michael Frayn

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Stille Nachbarn

Stille Nachbarn

von Azar Mortazavi

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Die Verlobung in St. Domingo

Die Verlobung in St. Domingo

von Heinrich von Kleist

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Begehren

Begehren

von Josep Maria Benet i Jornet

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Ur

Ur

von Sulayman Al Bassam

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Marat/Sade

Marat/Sade

von Peter Weiss

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Elektra 4.48 Psychose

Elektra 4.48 Psychose

von Hugo von Hofmannsthal Sarah Kane

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Bakchai (AT)

Bakchai (AT)

von Wim Vandekeybus u. a. nach Euripides

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Eine göttliche Komödie Dante/Pasolini

Eine göttliche Komödie Dante/Pasolini

von Federico Bellini

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Wolken.Heim.

Wolken.Heim.

von Elfriede Jelinek

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Der Sandmann

Der Sandmann

von E.T.A. Hoffmann

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Sinn

Sinn

von Anja Hilling

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Spielzeit 2018/2019

Hier finden Sie eine Übersicht über die Premieren und geplanten Projekte der Spielzeit 2018/19 am Residenztheater! Weitere Infos zu den einzelnen Inszenierungen finden Sie auch in unserem neuen Spielzeitheft, das ab sofort in unseren Spielstätten für Sie bereit liegt und das Sie hier herunterladen (PDF) oder hier direkt online durchblättern können.

Spielzeit 2018/2019