"Das Geheimnis des Schreibens sind für mich die Nebensachen"

Interview

Oberender: „Die schönen Tage von Aranjuez“ ist im Grunde die minimalste Konstellation, die auf der Bühne denkbar ist: Zwei Schauspieler, die auf der Bühne sitzen und sprechen, kein Ortswechsel, kein Zeitsprung, die Zeit auf der Bühne ist die reale Zeit der Begegnung, es ist eine wortgewaltige Erzählung, ein Spiel um Fragen. Wie würden Sie das Drama dieser Begegnung beschreiben?

Handke: Eigentlich ist es kein Drama, sondern ein „Sommerdialog“, wie es da steht. Aber natürlich spielt schon irgendetwas mit. Es geht schon um was. Wenn Sie Drama übersetzen in das Zeitwort: Es geht um was. Es geht schon um was zwischen den beiden. Aber ich könnte es nicht sagen. Ich habe keine Hintergedanken, wie Pinter sie in seinen Stücken hatte, immer spielen da Hinter- oder Untergedanken mit. Die habe ich nie gehabt. Wenn der Mann plötzlich was anderes erzählt, war ich beim Schreiben ungeheuer erleichtert, dass es nicht mehr um Erotik geht. Natürlich geht es dann weiter um Erotik, aber es wird nicht mehr so benannt. Und manchmal will er ablenken, manchmal bringt ihn, was sie erzählt, dazu, etwas anderes zu erzählen – man weiß es nicht, ist es Ablenken oder …

 

Oberender: Ein Angriff. Ein Spiel, man weiß ja nie, was kommt.

Handke: Es ist im Grunde nicht „gemacht“. Jedenfalls war ich froh, dass ich vom Thema immer wieder wegkonnte. Und dann war ich auch immer wieder froh, oder es war mir recht, wenn ich wieder habe zurückkommen können zur Geschichte, zu: „Was ist das – Mann und Frau? Wie geht das?“ Aber der Rhythmus hat mir entsprochen, hat dem Schreiben, der Arbeit entsprochen, oder den Sätzen, wie Sie wollen.

 

Oberender: Wie wichtig ist der Ort für so ein Stück?

Handke: Es ist schon wichtig, dass man den Ort spürt oder ahnt. Ich wollte ihn nicht genau beschreiben. Deswegen habe ich ja gesagt: Mehr Ahnung als Gegenwart, in Anspielung auf Joseph von Eichendorff, den Roman. Ich meine, es könnte auch hier sein, wo wir zwei jetzt sitzen. Es müssen ja keine Säulen, keine Kolonnaden sein, es muss ja nicht diese Art Südstaatenarchitektur sein. Es muss auch kein Schaukelstuhl sein wie im Film von John Ford. Aber vielleicht, nicht? Es ist ja den Schauspielern und dem Regisseur überlassen, was die wegtun und dazutun. Es ist im Grunde eine scharfe Skizze, was ich mache. Skizziert, ja. Aber ich bin andererseits auch kein Textflächenhersteller. Das ist jetzt wahrscheinlich meine altmodische Seite, dass ich schon etwas durcherzählen möchte, durchskizzieren möchte, schon Figuren andeuten möchte. Und die kann man, aber muss man ja nicht ausmalen. Man kann sie ergänzen, ein bisschen, nicht ganz ergänzen. Wobei das ein Widerspruch wäre, „ganz ergänzen“, das ist ein, wie sagt man, Pleonasmus, glaube ich.

 

In: Die Arbeit des Zuschauers. Peter Handke und das Theater (hrsg. von Klaus Kastberger und Katharina Pektor) Jung und Jung. Österreichisches Theatermuseum, 2013.

 

DIE SCHÖNEN TAGE VON ARANJUEZ (FOTOGALERIE)

Spiele das Spiel

Dramatisches Gedicht

Spiele das Spiel. Gefährde die Arbeit noch mehr. Sei nicht die Hauptperson. Such die Gegenüberstellung. Aber sei absichtslos. Vermeide die Hintergedanken. Verschweige nichts.

Spiele das Spiel

"Noli me tangere"

Auszüge von Jean-Luc Nancy

„Berühre mich nicht, halte mich nicht fest, versuche weder zu halten noch zurückzuhalten, sage jeder Anhängerschaft ab, denke an keine Vertrautheit, an keine Sicherheit. Glaube nicht, es gäbe eine Versicherung. Glaube nicht, auf keine Weise. Aber bleibe in diesem Nicht- Glauben standhaft. Bleib ihm treu. Bleib meinem Fortgang treu. Bleib dem allein treu, was in meinem Fortgang bleibt.“

"Noli me tangere"

Früchte tragen. Versuch über das A und O

Zum Stück "Die schönen Tage von Aranjuez"

„Und wieder ein Sommer. Und wieder ein schöner Sommertag. Und wieder eine Frau und ein Mann an einem Tisch im Freien, unter dem Himmel.“ So beginnt Peter Handkes letztes Stück, vorgeblich kein Drama, sondern ein Sommerdialog zwischen Mann und Frau. Sie braucht und fordert seine Fragen, möchte indes nicht bedrängt werden. Erzählen, so frei wie möglich. Dabei gibt es offensichtlich Abmachungen und „Spielregeln“.

Früchte tragen. Versuch über das A und O
Die schönen Tage von Aranjuez

Die schönen Tage von Aranjuez

von Peter Handke

Die schönen Tage von Aranjuez

Die schönen Tage von Aranjuez Programmheft PDF

Die schönen Tage von Aranjuez Programmheft PDF
Bild

Die schönen Tage von Aranjuez

von Peter Handke / Regie Daniela Löffner

„Und wieder ein Sommer. Und wieder ein schöner Sommertag. Und wieder eine Frau und ein Mann an einem Tisch im Freien, unter dem Himmel. Ein Garten. Eine Terrasse. Unsichtbare, nur hörbare Bäume, mehr Ahnung als Gegenwart, in einem sachten Sommerwind, welcher, von Zeit zu Zeit, die Szenerie rhythmisiert.

Die schönen Tage von Aranjuez