Auszüge aus Interviews mit Shumona Sinha

ANGELA SCHRADER Shumona Sinha, wie haben Sie die Jahre als Dolmetscherin für die OFPRA, für die Ausländerbehörde von Paris, erlebt?

SHUMONA SINHA Diese Zeit war für mich sehr schlimm, weil ich bis dahin nicht gewusst habe, unter welchen Bedingungen Menschen aus Bangladesch, aus Indien und Pakistan in Paris leben: am Rande der Gesellschaft, im Dreck und Elend. Damit als Dolmetscherin konfrontiert zu werden nach mehr als acht Jahren, in denen ich bereits in Frankreichgelebt habe – als Studentin an der Sorbonne, als Englischlehrerin – das war für mich ein Schock. Das hat mich zutiefst erschüttert.

ANGELA SCHRADER Haben Sie Ihren Roman "Assomons les pauvres!" (deutsch: "Erschlagt die Armen!") aus dieser Erschütterung heraus geschrieben?

SHUMONA SINHA Ja, genau. Die Zeit als Dolmetscherin warschwierig. Aber solche Umstände haben auch etwas Gutes: Ich hatte viel Material, um darüberzu schreiben. Die Basis, die Geschichte und dieFiguren hatte ich in kurzer Zeit, in fünf, sechs Monaten beieinander. Danach musste ich dem Ganzen nur noch eine fiktionale Form geben.

ANGELA SCHRADER Sie haben dafür die Form des Monologs gewählt. Warum?

SHUMONA SINHA Es war für mich unmöglich, mich und die Geschichte, die ich erzähle, zu trennen. Die Erzählerin und die Autorin vermischen sich in meinem Roman. Aber ganz anders als viele Dolmetscherund Übersetzer, die auf diesem Gebiet arbeiten und das auch aushalten, hat die Erzählerin eine übertriebene Empfindsamkeit. Alles in ihremKopf ist verstärkt, die Gedanken, die Worte, Gesten, Gesichter – alles. Ich wollte, dass die Welt durch den Blick der Erzählerin verzerrt wird. Das ist für mich Literatur. Die fantastische, wunderbare und notwendige Verkehrung der Realität ins Ungewöhnliche.

ANGELA SCHRADER In diesem Sinn haben Sie mit "Erschlagt die Armen!" auch einen ungewöhnlichen Buchtitel gesetzt?

SHUMONA SINHA Ja, als der Text fertig war, bin ich auf ein Gedicht von Charles Baudelaire gestoßen. Darin verprügelt ein Dichter einen Bettler, um ihn auf Augenhöhezu zwingen. Das ist vielleicht eine provokante Handlung, aber gleichzeitig habe ich das als Appell an die Flüchtlinge aus Bangladesch gesehen: Legt euch nicht zu Füssen der Weißen, sondern steht auf. Ich habe gesehen, wie meine Landsleute ihre Misere kapitalisieren, statt sich daraus zu befreien. Das hat mich gestört. Das wollte ich ändern. Darum habe ich Baudelaires Gedicht "Erschlagt die Armen!" als Titel für mein Buch gewählt.

ANGELA SCHRADER Ist Ihr Buch eine Kampfansage an das französische Asylsystem?

SHUMONA SINHA Ich spreche nicht für alle Flüchtlinge. Ich spreche über die Situation der Flüchtlinge aus Bangladesch. Die politische Situation ist dort mafiös. Es sind die Kleinunternehmer, die Händler, die einfachen Arbeiter, die das Land verlassen. Sie haben das Recht zu gehen, aus politischem Grund. Aber sie gehen auch, weil es ihnen wirtschaftlich nicht gut geht. Mein Problem damit ist: Warum akzeptiert das französische Asylsystem diese Gründe nicht? Warum zwingt man Flüchtlinge zu lügen? Wenn sie nicht sagen, dass sie aus politischen Gründen Asyl beantragen, werden sie abgewiesen. Darum ist für mich die OFPRA eine Lügenfabrik.

ANGELA SCHRADER Was müsste man Ihrer Meinung nach tun, um das Asylsystem zu verbessern?

SHUMONA SINHA Ich sehe die Dinge aus einer humanistischen Sicht. Wenn man die Menschen retten will, muss man sie auch willkommen heißen. Man muss die Debatte öffnen und nebst politischen auch wirtschaftliche und ökologische Asylgründe anerkennen. Die Leute kommen so oder so. Sie sind da. Wo man das zu verhindern sucht, wo es Illegale gibt, ist die Mafia, ist der Schwarzmarkt da. Das muss verhindert werden.

ANGELA SCHRADER Jetzt hat die OFPRA auf Ihr Buch sehr heftig reagiert. Seit dem Erscheinen von "Erschlagt die Armen!" dürfen Sie nicht mehr für die Ausländerbehörde von Paris als Übersetzerin arbeiten. Hat Sie das nicht zornig gemacht?

SHUMONA SINHA Ich war sehr gekränkt. Ich habe mir gesagt: "Spinnen die?" Das ist Zensur. Mein Roman ist nicht einfach schwarz-weiß. Die OFPRA ist wirklich nicht die richtige Institution, die meinen Roman literarisch bewerten kann. Aber heute, mit etwas Abstand, rege ich mich darüber weniger auf. Ich finde es vor allem lächerlich.

Auszug aus einem Interview von Angela Schrader: "Im Text gibt es keine Kompromisse", Neue Züricher Zeitung, 30. Juni 2016

Erschlagt die Armen!Erschlagt die Armen!

ANNETTE KÖNIG Das Buch ist packend und ehrlich, aber auch harsch. Bestand nicht das Risiko, dass es für rechtsnationale Propaganda missbraucht würde?

SHUMONA SINHA In Frankreich gab es keine derartigen Probleme, denn 2011, als das Buch erschien, war die Situation anders, es hatte noch keine terroristischen Attacken gegeben. Hätte ich heute anders geschrieben? Vielleicht. Aber ich habe gerade meinen vierten Roman vollendet, und auch darin sage ich Dinge – etwa in Bezug auf Religionen –, die in gewissen Kreisen Anstoß erregen könnten. Da muss man klar zwischen Text und Kontext unterscheiden. Wenn man im Text ist, gibt es keine Kompromisse, nur die Wahrheit. Da kann ich nicht an Kritiker, Journalisten, Interessengruppen denken. Aber in einer politischen Situation wie der jetzigen muss ich anschließend sehr genau darauf achten, wie ich das Buch präsentiere; ich muss klarmachen, dass es vielschichtig ist und dass meine Darstellungsweise nicht durch einen Mangel an Empathie bedingt ist.

ANNETTE KÖNIG Spürt man in Frankreich derzeit mehr Feindseligkeit gegenüber Menschen anderer Herkunft?

SHUMONA SINHA Es ist eher eine Art bipolare Situation. Es gibt viele Leute, vor allem Linke, die progressiv denken. Sie sind großzügig und offen, nehmen die Worte Liberté, Egalité, Fraternité noch ernst. Sie akzeptieren Fremde, ob sie nun Akademiker oder Arbeiter, auf legalem oder illegalem Weg ins Land gekommen sind, und versuchen ihnen das Leben in Frankreich etwas zu erleichtern. Aber es gibt natürlich auch die andere Seite – den Front National mit seinen diversen Splittergruppen, und leider mittlerweile auch Republikaner, die der Ansicht sind, dass Frankreich "der weißen Rasse gehöre". Was mir aber vor allem Sorge macht, sind die Stimmen im Internet. Da gibt es so viele Fanatiker jeder Couleur, die beängstigende Hasspropaganda verbreiten – und jeder von ihnen hat eine riesige Gefolgschaft.

ANNETTE KÖNIG Die Protagonistin von "Erschlagt die Armen!" arbeitet – wie seinerzeit auch Sie – als Übersetzerin. Sie ist diejenige, die immer dazwischen steht: zwischen den Sprachen, den Kulturen, zwischen Entwurzelten und Behausten. Ist das für Sie eine Art Grundbefindlichkeit?

SHUMONA SINHA Ich denke schon. Nach den ersten ein, zwei Jahren in Paris begann der Zauber brüchig zu werden. Ich spürte, dass ich immer irgendwie im Dazwischen sein würde. Vielleicht ist auch mein geschärftes Empfinden für solche Dinge schuld daran – aber ich glaube wirklich, dass die Franzosen einem um jeden Preis ein Etikett anheften müssen. Woher kommen Sie? Wer sind Sie? Ob ich Taxi fahre oder ein Brot kaufe, immer muss ich diese Fragen beantworten – auch nach fünfzehn Jahren noch. Das Verrückte ist, dass sich das sogar unter Immigranten abspielt. Es gibt da eine Art Hierarchie. Wer aus dem Maghreb oder dem frankofonen Afrika kommt, ist schon ein "besserer“ Franzose"; Leute aus Amerika oder Norwegen sind zwar Fremde, jedoch Fremde höherer Klasse. Wenn man aber aus Indien, Sri Lanka oder Bangladesch stammt, ist man ganz weit unten.

Auszug aus einem Interview von Annette König: "Legt euch nicht zu Füssen der Weißen, sondern steht auf", Schweizer Rundfunk, 10. Juli 2016

Erschlagt die Armen! Programmheft Auszug (PDF)

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ERSCHLAGT DIE ARMEN! INHALTSANGABE

In einem Pariser Gefängnis sitzt eine junge Frau in Untersuchungshaft. Am Abend hat sie in der Métro einem Migranten, der sie zuvor angesprochen hatte, eine Weinflasche über den Kopf geschlagen. Nun wird sie vernommen und versucht, sich selbst zu erklären warum dies geschehen ist. Einige Jahre zuvor war sie als Einwanderin nach Paris gekommen, wo sie inzwischen als Dolmetscherin in einer Asylbehörde tätig ist.

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ERSCHLAGT DIE ARMEN! (FOTOGALERIE)

Erschlagt die Armen!

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von Shumona Sinha

Erschlagt die Armen!