Wer sich traut, reißt die Kälte vom Pferd

von Alexander Kluge

Uraufführung!!

Ein Schwarzer Krieg, eine atomare Katastrophe hat im Jahre 2011 die Erde vernichtet, in zwei längliche Trümmerklumpen auseinandergerissen. Vier Stalingrad-Veteranen, mittlerweile in Diensten der CIA stehend, gelingt der Exodus auf eine Marsstation. Sie kreisen ziellos im Weltall - eine Rückkehr zur Erde scheint ausgeschlossen - und müssen sich, versehrt wie sie sind, für den letzten Rest der Menschheit halten.

„In die Umlaufbahn einer unerforschten roten Sonne des Sektors Morgenröte eingeschossen, ohne Chance einer Rückkehr zu den übrigen Menschen, waren sie vor die Situation gestellt, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Einen anderen Gegenstand der Aneignung hatten sie nun nicht mehr.“

Aber ihr trostloser Traum von der kompletten Vernichtung der Welt ist nur die Hälfte der Wahrheit, gilt nur für den westlichen der beiden Teile. Auf dem östlichen Teil sind die Chinesen längst dabei, die Erde nach den alten Bauplänen originalgetreu wieder aufzubauen. In dieser neuen Welt am Beginn des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts sind die vier mittlerweile 180 Jahre alten Krieger als Teil eines erbaulichen Zirkusprogramms zu bestaunen. Ist ihren Erzählungen noch etwas zu entnehmen, was für den Aufbau der neuen Welt von Nutzen sein könnte? Lässt sich aus der Geschichte von Stalingrad über den chinesischen Bürgerkrieg bis in die Geheimlaboratorien der CIA, einer relativ kurzen Phase in der langen Abfolge von Eis- und Warmzeiten, aus der die Erdegeschichte besteht, etwas lernen?

Der Autor und Regisseur Kevin Rittberger (*1977) hat bereits drei Theaterabende aus Texten des Autors, Filmemachers, Gesprächskünstlers und Fernsehverbesserers Alexander Kluge (*1932) erarbeitet und dabei eine ganz eigene Form des phantastischen Theater-Essays entwickelt. Diesmal bieten Kluges „Lernprozesse mit tödlichem Ausgang“ von 1973 den erzählerischen Rahmen, in den verschiedene Texte und Erzählungen über den Kältestrom, der unsere Welt beherrscht, eingebettet sind.

„Kluge lässt in seinen Texten die Kälte selbst sprechen. Dies trägt stellenweise groteske Züge. Es strapaziert unsere Nerven. Es ist schier unerträglich. Wir sind aufgefordert, „Halt!“ zu schreien. Dabei ist es keine Provokation, denn der Text hat eine scheinbar neutrale Diktion, zeugt von einer sachlichen Ästhetik, einer grausamen Wirklichkeit, die uns nicht mit literarischen oder stilistischen Gesten zu lenken versucht (oder ist vielleicht gerade dies provokant?). Ein Autor bringt den Gegenstand zum Vorschein, indem er das Protokoll sprechen lässt und selbst nichts beurteilt. Die Kälte durchdringt selbst die Mikrofasern des Formalen.

Die Fiktion der 180-jährigen Veteranen, die die Geschichten mit sich herum tragen, dient eigentlich dazu, zwei Wünsche in ein Bild umzusetzen, nämlich a) die sprechende Kälte mit sich alleine zu lassen und b) darauf zu setzen, dass sie irgendwann zerfällt. Sie möge an sich selbst erfrieren, erstarren, zerbrechen, da die Erzählungen spröde, löchrig, leer werden. Nur so könnten wir den Zerfall beobachten. Und wir müssten sie nicht verurteilen, verdammen, erwärmen, erziehen. Es wäre das Groteske, der Kälte beim Zerfallen zuzuschauen. Es wäre passiv, weil wir es zeitlebens nicht erleben würden, aktiv, weil es mit bloßem Zuschauen nicht getan sein würde, stünde sie uns persönlich gegenüber.

Dass die Veteranen hier doch nicht einer kosmischen Kältestarre erliegen, sondern irgendwie heimgeholt werden, ist eine versöhnliche Geste. Es ist der Witz des ganzen, dass sie in einem irgendwie neu aufgelegten Zirkus als erweiterte Reitnummern präsentiert werden. Und es ist bereits der Kommentar, dass wir durch ein fiktives Auge des 22. Jahrhunderts blicken. Es wäre das chinesische Jahrhundert. Die Krieger, die aus der Kälte kommen, haben scheinbar keinen Gebrauchswert mehr, nur noch Unterhaltungswert. Wir sind dennoch gewarnt, dieses Auge nicht mit unserem zu verwechseln. Denn niemand kann wissen, ob die Kälte inzwischen eine andere Form angenommen haben, eine andere Sprache sprechen und sich über die alte Sprache bereits wieder lustig machen wird.

Das Resultat sollte nicht trüber Defätismus sondern heitere Wachsamkeit sein. (Vielleicht lässt sich die Verhängniserzählung zwar nicht beenden, weil es sicherlich noch vieles Verhängnisvolle zu erzählen gäbe. Über die Frage lässt sich aber auch lachen. Sie ist ja paradox. Wenn das Verhängnis wirklich kommt, lassen sich keine Fragen mehr stellen. Und bis es soweit kommt, können wir es aufhalten. Dann lasst sie uns aber auch anders nennen!)

Kluge bringt in seinen Texten auf der anderen Seite aber auch einen Antirealismus in Stellung. Wenn Fred Harsleben dem Kalten Krieg auszuweichen versucht und seine Nächsten in Sicherheit bringt; wenn der Genosse Wismar die Hitze des Gefechts durchschaut und ihr Abkühlung, Reflektion, Innehalten wünscht, weil die Studentenrevolte sonst putschistisch bleibt und kein neues Gemeinwesen bilden kann; wenn der Forscher Lymen das Urvertrauen einzufrieren versucht, damit es in kalten Zeiten nicht ausstirbt, suchen sie immer erneut danach, der Kälte etwas Produktives abzugewinnen.

Hier würde Kluge strategisch vorgehen und nach dem „Stroh im Eis“ suchen.“ (Kevin Rittberger)

  • premiere 29 Okt 11
  • Vorstellungsdauer ca. 1 std. 45
  • Regie Kevin Rittberger
  • Bühne Christoph Ebener
  • Kostüme Petra Winterer
  • Licht Uwe Grünewald
  • Video Meike Ebert
  • Dramaturgie Sebastian Huber
mit
  • Miguel Abrantes Ostrowski von Ungern-Sternberg
  • Felix Klare Dorfmann
  • Sierk Radzei Zwicki
  • Ulrike Willenbacher Boltzmann
  • Robert Niemann Nomade
  • Hong Mei Chinesin
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PORTRAITS WER SICH TRAUT, REISST DIE KÄLTE VOM PFERD (FOTOGALERIE)

Wer sich traut, reißt die Kälte vom Pferd Programmheft (PDF)

Wer sich traut, reißt die Kälte vom Pferd Programmheft (PDF)
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Wer sich traut, reißt die Kälte vom Pferd

Wer sich traut, reißt die Kälte vom Pferd ist ursprünglich der Titel einer 2010 bei Suhrkamp erschienenen Sammlung von Filmen und Texten von Alexander Kluge. Wenn die vier apokalyptischen Reiter, die Hunger, Pest, Krieg und Kälte symbolisieren, gemeinsam auftreten, naht das Jüngste Gericht. Einzeln, heißt es in der Überlieferung, kann ein Bauer sie vom Pferd reißen.

Wer sich traut, reißt die Kälte vom Pferd

Skizze zur Kälte

"Wann kommt die nächste Eiszeit? Und rechnen Sie mir bitte auch den nächsten Zyklus aus, also die Zwischenzeit zur übernächsten!"

Skizze zur Kälte

WER SICH TRAUT, REISST DIE KÄLTE VOM PFERD (FOTOGALERIE)

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