Zerbrechliche Schönheit: Der Krieg und wir

Bild

Der Krieg ist allgegenwärtig, seine Bilder dominieren die Tageszeitungen, die Nachrichten, das Internet. Er ist omnipräsent in seiner Erscheinung als Schreckensszenario ferner Orte, eingebunden in die Dramaturgie der Berichterstattung der jeweiligen Medien. Der Krieg begleitet uns, wir sind informiert, lesen, sehen, reden über den Krieg und doch ist er uns fremd, soll uns fremd bleiben, wir distanzieren uns, denn unser Leben geht weiter – und es ist so leicht, wegzusehen, weiterzugehen und uns zu befreien von der Konfrontation des Krieges. Wir fühlen uns nicht verantwortlich für das, was dort geschieht, denn nicht nur der Krieg, sondern auch die Menschen, die er betrifft, scheinen uns fremd. Nach Judith Butler müssten wir uns jedoch fragen, ob eine Situation des Krieges wirklich so unvorstellbar ist: "Ist sie uns tatsächlich so fremd, dass wir ihre Bedeutung nicht erfassen können? Mir scheint, dass es gewisse Existenzbedingungen gibt, die wir mit diesen Individuen teilen. Schmerz gleicht uns einander an." (Judith Butler: Krieg und Affekte) Und vielleicht ist es auch das, was uns fürchtet: Der Krieg macht uns verletzlich – er lässt alle Fragen offen, konfrontiert uns mit den Abgründen des Menschlichen und wenn wir in die Tiefe gehen, müssen wir uns diesen Fragen nach Sinn, Verantwortung und Folgen des Krieges stellen. Jean-Paul Sartres "Troerinnen", seine Bearbeitung des antiken Stückes von Euripides über das Schicksal der trojanischen Frauen nach dem Krieg, stellt uns diese Fragen: Wir leiden mit den Troerinnen, den Opfern, die uns nicht fern erscheinen in ihrem Verlust und ihrer Verletzlichkeit – ihr Schmerz ist konkret.

LAURA MARIE STURTZ Inwiefern beeinflusst Dich als Videokünstler die Omnipräsenz bildlicher Vermittlung von Krieg und Gewalt im alltäglichen Leben, wenn Du Dich, wie bei den "Troerinnen" mit einer solchen Thematik beschäftigst? Wie denkst Du können uns Bilder aus dem Krieg noch berühren und außerhalb des alltäglichen Wegschauens funktionieren?

FLORIAN SCHAUMBERGER Gerade weil man sich mittlerweile über beispielsweise soziale Netzwerke permanent mit Bildern aus Krisengebieten, mit Konfliktsituationen konfrontiert sieht, die mit dem eigenen Alltag nicht zusammen gehen, bildet man diese Art von Selbstschutzmechanismus der Verdrängung. In gewissem Sinne durchaus nachvollziehbar, denn in unserem reichen und geschützten Leben in Deutschland und besonders in Städten wie München erfahren wir nicht tagtäglich Anschläge, Attentate oder politische Gewaltverbrechen auf der Straße. Ich glaube allerdings schon, dass die Leute ein großes Interesse haben an so Unvorstellbarkeiten wie Krieg und zwischenmenschlicher Brutalität, aber durch die dokumentarische, pure Form der Berichterstattung ist es schwierig, eine emotionale Verknüpfung mit diesen Themen aufzubauen. Man muss sich bei so einem Plot mit der Frage auseinandersetzen, was für eine Art von Brutalität sich überhaupt auf einer Bühne beschreiben lässt – die eben nicht auf eingespielten Schüssen oder wahrhaftigen Bildern aus Kriegsgebieten aufbaut.  

 

 

 

 

 

 

 

 

Zerbrechliche Schönheit: Junge Mädchen, dargestellt vom Münchner Mädchenchor, spielen vor einem Hintergrund aus purem Weiß – eine träumerische Szenerie alltäglichen Glücks auf einem Schulhof.

LAURA MARIE STURTZ Hast Du Dich deshalb dafür entschieden, mit den jungen Mädchen vom Chor zunächst eine andere Art von Emotionalität aufzubauen?

FLORIAN SCHAUMBERGER Die Mädchen verkörpern eine Lebendigkeit und unschuldige Naivität, die sich nur bei sehr jungen Menschen finden lässt – später werden sie im Laufe des Stückes verkauft, versklavt oder umgebracht. Da ist es eben gerade wichtig, dem Zuschauer erstmal dieses Gegenbild zu schaffen, ein Bild als Gefühl, das er kennt und zu dem er sich in Bezug setzen kann, um dann daraus den Bruch zu entwickeln, den man erzählen will: Den des Leids der Unschuldigen, die im Krieg sterben müssen. Die Realität des Stückes ist eine, in der der Krieg verloren wurde. Man sieht auf der Bühne Figuren, die nur noch persönliche Emotionalitäten verhandeln, die wissen, dass ihre Konflikte nicht mehr dahingehend gelöst werden können, ihr Schicksal politisch zum Positiven zu wenden – wir befinden uns in diesem Moment mit den Figuren in einer Ohnmacht und Hilflosigkeit. Hier funktioniert der Videoeinsatz als Knotenpunkt für Zuschauer, den persönlichen Schmerz der Protagonisten als Kontrast zur großen Rahmung des Krieges im Kleinen, Privaten zu erfahren.

LAURA MARIE STURTZ Die Videosequenzen zeigen dabei die subjektive Traumwelt Hekubas, inwiefern gestalten sich dadurch Inhalt und Ästhetik des Videomaterials?

FLORIAN SCHAUMBERGER Das Schöne ist, dass Träume auch in ihrer absurdesten Form immer unterbewusst gesteuert sind und sich auf ein Grundgefühl reduzieren lassen: Zum Beispiel auf Einsamkeit, Trauer, Angst, Eifersucht. Das Video muss dadurch nicht Bilder für den Krieg finden, sondern kann in der Inszenierung auf die Gefühlswelt einer Figur reagieren. Darüber gestaltet sich auch die innere Konfrontation Hekubas mit ihrer eigenen Schuld, und der Verantwortung des zerbrochenen Glücks. So träumt sich Hekuba beispielsweise bei der Begegnung mit Andromache und Astyanax durchaus auch in eine schöne, unbekümmerte Vergangenheit. Zugleich muss man dadurch in den Videos nicht dem Anspruch an eine realistische Darstellung gerecht werden.

Bilder einer schönen, unbekümmerten Vergangenheit: Andromache (Hanna Scheibe) mit ihrem Sohn Astyanax

LAURA MARIE STURTZ Die Brüche, die Du durch die Videosequenzen zeigst, bilden die Zerbrechlichkeit der Figuren ab, und erzählen dabei im Prinzip die große Geschichte des Krieges in den individuellen Geschichten der Figuren und ihrer Begegnung miteinander.

FLORIAN SCHAUMBERGER Wenn ich Andromache in einem Moment mit ihrem kleinen Sohn im Bett spielen sehe, bevor er in der nächsten Szene abgeführt wird, um umgebracht zu werden, weil er der Thronprinz vom besiegten Troja ist, entstehen Situationen, in die kann man sich hineinfühlen, weil sie erstmal in einem kleinen Rahmen bleiben, gleichzeitig beschreibt man damit aber auch Einzelschicksale im Kontext des Krieges.

LAURA MARIE STURTZ Welche Rolle spielt für Dich, dass es sich bei den "Troerinnen" um einen antiken Stoff handelt, dessen mythologischer Hintergrund das Ende des zehn Jahre andauernden Trojanischen Krieges ist?

FLORIAN SCHAUMBERGER Um die Komplexität der Grausamkeiten, die auf der Welt passieren, begreifen zu können, sollte man in der Erzählung des Kleinen beginnen – "Die Troerinnen" sind eine Parabel darüber, dass es im Krieg keine Gewinner gibt. Dabei ist es jedoch kein Stück, das den Krieg nur als bloße Dokumentation beschreibt, sondern vielmehr eine Erzählung von sehr nachvollziehbaren zwischenmenschlichen Vorgängen.