Totales Theater: Joël Pommerat im Portrait

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Mit "Kreise/Visionen" hat Regisseurin Tina Lanik zum ersten Mal überhaupt ein Stück des französischen Konzeptautors Joël Pommerat auf eine Münchner Bühne gebracht. Acht clownesk in lila Hosenanzügen gekleidete Darsteller entführen den Zuschauer in eine abgedrehte Welt des menschlichen Scheiterns am Ideal der Selbstverwirklichung. Warum taten sich deutsche Regisseure mit dem Stoff des Franzosen lange so schwer? Pommerat ist mit seiner Schauspieltruppe Louis Brouillard heute immerhin zu einer der zentralen Figuren der zeitgenössischen Theaterlandschaft seines Heimatlandes avanciert.

Der Weg dahin ist alles andere als leicht gewesen. In Eigenregie mit ein und derselben Schauspieltruppe Stücke zu entwickeln, erinnert an die Arbeitsweise der alten Theatergrößen wie Molière oder Shakespeare. Besonders, da Pommerats Projekten zu Beginn der Probearbeiten meist nur eine nackte Idee, geschweige denn ein ausgearbeiteter Text zugrunde liegt.

Pommerat fand erst spät und auch eher durch Zufall zum Theater. Geboren wurde er 1963 in der Kleinstadt Roanne an der Loire. Im Alter von 18 Jahren brach er die Schule ab. Der junge Pommerat zog in die Künstlermetropole Paris. Mit dem naiven Traum, Schauspieler zu werden. Schnell wollte er sich aus den Abhängigkeiten vor allem von Regisseuren lösen und begann, regelmäßig Texte zu schreiben und selbst zu inszenieren. Über die Arbeit als Autor und Regisseur schreibt er in seinem 2006 erschienenen Essay "théâtres en présence": "Ich glaube, es ist ein Fehler, diese beiden Prozesse als von Natur aus getrennt zu begreifen." Die Abhängigkeit eines Autors von einem Regisseur empfand er als "Ungerechtigkeit".

Bereits vier Jahre später, Pommerat war gerade einmal 23, wurde sein erstes Stück am Théatre Clavel in Paris in seiner Regie uraufgeführt. Während der Probearbeiten zu "Le chemin de Dakar" gründete Pommerat die Compagnie Louis Brouillard. Eine 50- bis 100-köpfige Schauspielertruppe, mit der er bis heute erfolgreich zusammenarbeiten und an die 25 Stücke inszenieren sollte.

Im Zentrum dieser Gruppe stehen etwa fünf compagnons historiques. Schauspielende wie Saadia Bentaïeb, die seit der Gründung durchgängig mit Pommerat zusammengearbeitet haben und die Truppe als "kleine Familie“ bezeichnen. Im Jahre 2004 kam dann der Durchbruch mit seinem Werk "Au Monde" am Straßburger Nationaltheater: Von Moskau bis New York tourte Pommerat mit der Compagnie Louis Brouillard auf Einladung verschiedenster internationaler Bühnen. Später sollten national renommierte Preise wie der Prix Molière und eine Werkschau seiner Arbeiten beim Theaterfestival in Avignon im Jahre 2006 folgen.

Wenn Pommerat es geschafft hat, sich innerhalb von knapp 15 Jahren von einem Laienschauspieler zu einem der gefeierten Theaterautoren und –Regisseuren Frankreichs hochzuschaukeln, dann nur, weil er seine ganz eigene Vision eines Bühnenschauspiels auf die Bühne zu bringen weiß. Pommerat entwickelt die Texte und Rollen gemeinsam mit seinen Schauspielern auf Basis von Improvisation in der gemeinsamen Arbeit. Einzelne Szenen werden ausgearbeitet, und Pommerat verbindet diese dann meist am Schreibtisch zu einem fertigen Stück. Während des Prozesses werden die Schauspieler zu Mitautoren, sich selbst bezeichnet er als "auteur de spectacle". Ein Spektakel, ein Zirkus des Lebens, bei dem Text, Lichter, Musik, Kostüm, Räume im direkten Bezug zueinander stehen. "Théâtre total", wie Pommerat es gerne nennt.

Reize, Bewegungen, Lärm: der Franzose überflutet seine Zuschauer gerne mit Eindrücken. Dabei bringt Pommerat selten die großen Dramen mit heroischen Protagonisten und niederschmetternden Schicksalsschlägen auf die Bühne. Vielmehr sind es "ordinäre", banale Personen, die selten einen Namen tragen und die der Regisseur gerne durch übernatürlich wirkende, gesellschaftliche Metaphern stolpern lässt. Wie den Adeligen in "Kreise/Visionen" der zu Beginn des ersten Weltkriegs seinem unterworfenen Dienstboten seine Liebe gesteht und mit ihm einen unmöglich erscheinenden Ausbruch wagen will. Immer wieder dreht es sich bei Pommerat um Existenzielles. Wann beginnen wir wirklich zu leben? Die namenlosen Protagonisten sind Identitätssuchende in einer rastlosen, sich schwindelnd schnell bewegenden Welt.

Pommerat sieht Kunst nicht als reinen Selbstzweck an. Er will der Gesellschaft, die ihm seine Kunst finanziell ermöglicht, etwas zurückgeben. Die einfache, publikumsbezogene Sprache, die Pommerat beispielsweise in seinem neuesten Werk "Ça ira (1) Fin de Louis" verwendet, "sollte die Französische Revolution in unserer heutige Zeit greifbarer erscheinen" lassen, erzählt Ensemblemitglied Saadia Bentaïeb in einem Interview. Seine Stücke wirken auf den Zuschauer ein, lassen die Grenzen zwischen Bühne und Realität verschwimmen. Das Pommerat‘sche Theater ist ein "Ort der Infragestellung und der Erfahrung des Menschlichen." Ein Ort, an dem man nicht davor zurückscheuen dürfe, sich zu verletzen. Weil sich diese Wunden nicht in die reale Welt versetzen lassen. "Man darf niemals Kunst und Theater verwechseln", so Pommerat in "Théâtres en présence".

KREISE / VISIONENKREISE / VISIONENLange hat es gedauert, bis es auch deutsche Regisseure gab, die sich an die sehr eigenen Texte des Franzosen gewagt haben. Pommerat spricht selbst vom "Kraftakt", seine Texte auf die Bühne zu bringen. Diese Unvollständigkeit gebe den Werken die Möglichkeit, sich Aufführung für Aufführung mit den Zuschauern weiter zu entwickeln. Es gefalle ihm, wenn nicht alles von Anfang an entschieden sei, der Text nicht alles enthüllt. Das Inszenieren ist für Pommerat eine dem Text ebenbürtige Sprache. Eine Sprache der Bilder, des Lichts, der Gestik und Geräusche. Seit nunmehr 27 Jahren entwickelt Pommerat seine ganz eigene Visionen des Theaters, einem "théâtre total".

Ob ihm die lilafarbenen Hosenanzüge in Tina Laniks Inszenierung für das Residenztheater gefallen würden? Wir können es uns schon denken.