Phädras Eis

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Anfang März 2017 bekam die Plastikerwerkstatt des Residenztheaters den Auftrag, für die Inszenierung "Phädras Nacht" echt wirkende Eisplatten herzustellen. Der gesamte Bühnenraum ist mit Eis, echtem und nachempfundenem Material, ausgelegt.

Diese Art von Aufgabe wird den Werkstätten am Theater oft gestellt: Ein Material soll zwar nicht neu erfunden werden, aber doch soll eine Lösung für etwas gefunden werden, das vorher so noch nicht in dieser Kombination gefertigt wurde. Die Schwierigkeit, die uns als Theaterplastikern gleich ins Auge fiel, war, dass später auch echtes Eis neben dem Kunsteis auf der Bühne liegen würde. Das bedeutete, der Theaterbesucher würde das echte Eis mit den Attrappen direkt vergleichen und eventuelle Unterschiede sehen können. Für jede Vorstellung nur auf echtes Eis zurückgreifen war allerdings nicht möglich, denn so viel Eis kann nicht für jede Vorstellung produziert werden: ca. 100 Quadratmeter aufeinander geschichtete Eisplatten. Zudem hat Eis nun mal die Eigenschaft zu schmelzen, insbesondere unter dem warmen Scheinwerferlicht auf der Bühne. Es musste also eine Alternative her.

 

Wegen der geforderten Menge musste das künstliche Eis relativ schnell und rationell herzustellen sein, denn die Zeit bis zur Einrichtung der großen Bühne für die Endproben im Residenztheater war bereits knapp. Wir machten ein paar Versuche mit verschiedenen Kunststoffplatten in unterschiedlichen Dicken. Schnell war klar, dass Plexiglas (PMMA) der geeignete Werkstoff für uns ist. Bis zu einer Stärke von 25mm lässt es sich mit unseren Maschinen in amorphe Scherben schneiden, die Kleinserienfertigung konnte beginnen. Allerdings waren die Schnittkanten vom Sägen mit der Stich- bzw. der Bandsäge rau und milchig und das Plexiglas sahen aus wie Glasscherben, glatt und vollkommen durchsichtig. Wir probierten Verschiedenes, machten uns Gedanken und fanden für die Kanten schließlich eine Lösung. Mit einem Heissluftfön erhitzten wir die Kanten, sie schmolzen an und wurden dabei klar wie angetautes Eis. Später ersetzten wir die Föhne durch Gas-Handbrenner, wodurch sich die "Eiswagen" deutlich schneller füllten.

 

Zu guter Letzt half uns der Zufall. Beim Zuschneiden der Platten hatten wir zum Anzeichnen Permanentmarker benutzt, diese Striche störten nun und sollten wieder weg. Direkt nach dem Anschmelzen der Kanten griff mein Kollege zum Spiritus, um die Striche zu entfernen. Der Permanentmarker ließ sich auch problemlos Abwischen. Gleichzeitig jedoch entstanden eine nicht mehr ganz glatte, sondern leicht brüchige Oberfläche sowie eine milchige Rissstruktur mit unterschiedlich großen Verläufen, teils fein wie Blutgefäße, die wunderbar das Licht reflektierte und der Struktur von echtem Eis sehr ähnlich war. Zusätzlich wurden unsere Muster von den Theatermalern partiell mit weißem Lack besprüht.

 

 

 

Als Abschluss gab es von den Theatermalern eine streifige Oberfläche aus Klarlack, um dem glatten Acryl- und Plexiglas im Scheinwerferlicht noch mehr Struktur zu geben. Diese Muster fanden Anklang bei Regie und Bühnenbild und die darauffolgenden drei Wochen bis zur Bühneneinrichtung stellten wir auf diesem Wege 100 Quadratmeter künstliches Eis her.