Füße sind nicht dazu da, sie in den Boden zu stecken

Rückkehr in die Wüste
Rückkehr in die Wüste

Während sich die Münchner Willkommenskultur schleichend in Luft auflöst, sich immer mehr Flüchtlingshelfer zu Wort melden, weil sie sich von Staat und Bürgern im Stich gelassen fühlen und langjährige Freundschaften, Träume und Hoffnungen wegen des deutschen Asylverfahrens in Rauch aufgehen, werden Asylunterkünfte weiter angegriffen. Den Tätern scheint egal zu sein, wie viele Menschenleben sie gefährden, es wird in Kauf genommen um "ihre Heimat" vor einer kulturellen Unterwanderung oder einer angeblich drohenden Islamisierung zu bewahren, und die Zukunft "unseres Landes" zu retten. Allein in Bayern wurden letztes Jahr 447 Straftaten gegen Geflüchtete und Asylbewerber registriert und 91 Straftaten gegen Asylunterkünfte oder geplante Asylunterkünfte begangen. Damit führt ausgerechnet unser für seinen Wohlstand und seine wirtschaftliche Stärke bekanntes Bundesland die traurige Statistik der zunehmenden rechten und ausländerfeindlichen Gewalt bundesweit an.

Die meisten Angriffe in Bayern fanden in Kleinstädten und Dörfern statt, in der Provinz also.

Auch in Bernard-Marie Koltès schwarzer Komödie "Rückkehr in die Wüste" werden in der französischen Provinz der 1960er Jahre, Ausländer und Migranten Opfer einer Angst, die sich mit dem Wandel der Welt in den Köpfen ihrer Bewohner breitmacht. Einer Angst, die von Egoismus statt Nächstenliebe, von Dekadenz an Stelle von Tugendhaftigkeit geprägt ist und mit steigender sozialer Ungleichheit zunimmt.

"Wurzeln? Was für Wurzeln? Ich bin doch kein Salat! Ich habe zwei Füße, und die sind nicht dazu da, sie in den Boden zu stecken!"

 

Koltès wuchs zu Zeiten des Algerienkrieges in der Provinzstadt Metz auf. Der grausame Unabhängigkeitskrieg beherrschte ab 1954 die Politik Frankreichs. Zu Tausenden flüchteten sich Franzosen, Algerierfranzosen und Algerier vor den Schrecken des Krieges ins französische Vaterland. Doch auch dort war man mitunter nicht vor den langen Armen der im Krieg agierenden Untergrundorganisationen sicher. Mit seinen Kameraden wurde Koltès von der Polizei in die Schule im arabischen Viertel eskortiert, weil die antiarabische OAS und die proalgerische FLN Anschläge verübten und den Algerienkrieg bis in die Tiefen der Provinz brachten. In "Rückkehr in die Wüste" verarbeitet der Autor seine frühen Kindheitserinnerungen an die Auswirkungen des Krieges in der Provinz und die Folgen für die Bewohner. Um die Hintergründe des Dramas ganz zu erfassen muss man weit zurück blicken:

Schon unter Napoleons Herrschaft wurden erste Pläne zur Eroberung Algeriens entwickelt. Nach einem politischen Fauxpas des algerischen Deys wurden diese, unter dem Vorwand der Verbreitung des christlichen Gedankenguts und der Bekämpfung der Piraterie, in Jahr 1830 unter Karl X. in die Tat umgesetzt. Der französische Vormarsch wurde als Angriff des Christentums gegen den Islam aufgefasst, woraufhin Abd el-Kader, der damailige Führer der algerischen Bevölkerung, zum Dschihad aufrief. Unter Inkaufnahme grausamster Kriegsführung gegen Aufständische und Zivilisten, riss Frankreich das Land binnen weniger Jahrzehnte an sich. Fest in der Hand der Kolonialmacht, mussten die Algerier zusehen, wie man sie zu Bürgern zweiter Klasse degradierte und man ihre Ländereien zunehmend an Siedler aus ganz Europa verteilte. Nach 100 Jahren französischer Kolonialherrschaft hatte sich die Zahl der Algerier trotz fortschreitender Verarmung und häufigen Hungersnöten von 2 auf 9 Millionen erhöht, während die Anzahl der "Pieds-noirs", wie man die Siedler und deren Nachkommen nannte, nur langsam über 1 Millionen anstieg. Mit der Zeit erstarkte der nationale Gedanke der unterdrückten algerischen Mehrheit und wurde durch die Gräueltaten der Kolonialmacht, wie zum Beispiel dem Massaker von Sétif, weiter angeheizt. Mit der  "Front de Libération Nationale" (FLN) formierte sich im Jahr 1954 eine nationale Befreiungsarmee um die Unabhängigkeit von Frankreich mit Gewalt durchzusetzen. Eine Serie von Anschlägen mit mehr als 70 Toten am 1. November des Jahres setzte den Startschuss des achtjährigen Krieges. Um die Kolonie zu halten war der französischen Regierung jedes Mittel recht, die Grausamkeiten der Armee führten jedoch zu einer Erstarkung der FLN und einer internationalen Verurteilung des Konfliktes. Zudem formierte sich eine Gruppe politischer Gegner de Gaulles und Militärangehöriger die "Organisation de l’armée secrète" (OAS), eine nationalistische Untergrundbewegung die sowohl die Unabhängigkeitsbewegung als auch den Staat bekämpfte. Die zunehmende terroristische Gewalt der OAS in Frankreich und der Druck von Seiten der Öffentlichkeit zwangen de Gaulle schließlich den Friedensprozess zu beschleunigen und dem Wahnsinn ein Ende zu setzen. Bis heute hat sich die französische Regierung nicht für die während der Kolonialzeit begangenen Verbrechen entschuldigt. Die 2012 geschlossene Freundschaftserklärung der beiden Länder und Hollandes Besuch des Kriegerdenkmals 2016 ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, dennoch wird der Konflikt im kollektiven Gedächtnis der Franzosen weiterhin verdrängt.

Vor meiner Dramaturgiehospitanz bei Amélie Niermeyers Inszenierung von "Rückkehr in die Wüste" am Residenztheater, war Koltès für mich nur ein Name der ab und an während meines Studiums der Theaterwissenschaft fiel. Ich wusste fast nichts über den Autor, seine Weltanschauung und das Werk, das er nach seinem frühen Tod hinterlassen hat. Nach der ersten Lektüre des Dramas war ich verblüfft, wie sehr die dargestellte Gesellschaft im Frankreich der 1960er Jahre, unserer heutigen ähnelt und wie präzise die beschriebenen Zustände auf die Gegenwart in Deutschland und den zunehmenden Rechtsruck in Europa zutreffen. Für Koltès stellte das Frankreich seiner Zeit eine tote Wüste dar, die sich in ihrem Stillstand selbst zu konservieren schien. Er verstand schon damals die von außen kommenden kulturellen Einflüsse der Migranten als eine Bereicherung von unschätzbarem Wert. Schon als Kind flüchtete er sich aus der konventionellen Welt seiner gutbürgerlichen Eltern in den spannenden Mikrokosmos der arabischen Cafés. Auch später blieb sein Hunger neue Kulturen und Länder zu entdecken, die Welt zu bereisen und internationale Freundschaften zu schließen, ungestillt. Sicherlich wäre er glücklich zu sehen wie sich die heutige Jugend von Backpackern in Abenteuer in fernen Ländern stürzt und sich die Menschen im digitalen Zeitalter weltweit immer mehr vernetzen. Doch Koltès war auch ein politischer Mensch, über das wachsende Desinteresse am politischen Geschehen und die abnehmende Auseinandersetzung der Jugend mit der Zukunft Europas, wäre er wahrscheinlich sehr bestürzt.

Es scheint, als hätten wir heute keine Lust mehr darauf die Fehler der Elterngeneration auszubaden. Bei der Flucht in die Ferne, oder in virtueller Realitäten verschließen wir die Augen. Doch mit den Menschen die bei uns Sicherheit suchen und vor Konflikten fliehen, in die unsere Regierungen involviert sind, werden wir mit diesem Leid plötzlich von Mensch zu Mensch konfrontiert. Erfahrungen wie unsere Urgroßeltern und Großeltern sie machen mussten und wir sie nur aus ihren Erzählungen und aus Geschichtsbüchern kennen.

Als Halbfranzose in der bayrischen Provinz aufgewachsen, als Kind zwischen zwei Nationalitäten, hatte ich schon immer Schwierigkeiten mich mit einem Land oder einer Nation zu identifizieren. Oft hatte ich gerade in den ländlichen Gegenden Bayerns mit Vorurteilen und Klischees zu kämpfen, nach der frühen Trennung meiner Eltern und der damit gescheiterten bilingualen Erziehung verlief sich der Kontakt zur französischen Seite meiner Familie zunehmend im Sand. Im Rahmen meiner Hospitanz und der Recherche zu "Rückkehr in die Wüste" und seinem visionären Autor, setzte ich mich das erste Mal seit langer Zeit wieder intensiv mit meiner Herkunft auseinander.

Mein deutscher Urgroßvater mütterlicherseits war Staffelführer der Legion Kondor, die bereits vor Ausbruch des Krieges Angriffe auf die spanische Zivilbevölkerung flog um Hitlers Beitrag zur Aufrechterhaltung des faschistischen Franco-Regimes zu leisten. Mein französischer Urgroßvater André hingegen verpflichtete sich im Alter von 16 Jahren der französischen Armee, floh mit deren Resten nach Großbritannien um anschließend seine gesamte Jugend an Seite der Allierten gegen Nazi-Deustchland zu kämpfen. Während des Afrikafeldzuges verliebte er sich in seine spätere Wahlheimat Marokko. Meine Urgroßmutter leistete als Mitglied der Résistance zivilen Widerstand gegen die deutschen Besatzer und bereitete so die Landung ihres Mannes in der Normandie mit vor. Nach Ende des Krieges entschieden sich die beiden ein neues Kapitel in der marokkanischen Stadt Fez zu beginnen, wo mein Großvater als sogenannter "Pied-Noir" geboren wurde. Als wahrer Gaullist, vom Scheitern de Gaulles in den Kolonien enttäuscht, fühlte sich mein Urgroßvater verraten und im Stich gelassen. Die Ermordung seines Bruders führte schließlich dazu, dass er sich an den Gräueltaten der OAS beteiligte. Mein Großvater distanzierte sich klar von den politischen Ansichten seines Vaters, noch heute spricht er Arabisch und pflegt den Kontakt zu den Freunden seiner Kindheit in Marokko. Später zog er in die französische Provinzstadt Lille gründete dort mit der Geburt meines Vaters seine eigene Familie. Die Einigung Europas und die aufkeimende deutsch-französische Freundschaft, führte dazu, dass sich meine Eltern kennenlernten.

Wenn Juliane Köhler als Mathilde dem Publikum entgegen schreit "Ich habe es satt, nicht an meinem Ort zu sein und nicht zu wissen, wo mein Ort ist. Aber Heimatländer gibt es nicht, nirgendwo, nein.", dann kann ich ihr nur beipflichten, denn heute fühle ich mich nicht als Deutscher, als Franzose, als Halbfranzose oder Halbdeutscher, ich fühle mich als Kind des europäischen Gedankens. Ich sehe keinen Sinn darin die eigene Heimat an einem Land oder einer Nationalität festzumachen. Heimat ist auf keiner Fahne abgebildet, sie ist nicht durch Grenzen abgesteckt, sie lässt sich nicht beanspruchen oder verteidigen, man kann Heimat nicht besitzen, und auch niemandem verwehren, sie ist flexibel, sie Verändert sich im Laufe der Zeit, sie wechselt den Ort mit dem Menschen der sie in sich trägt. Heimat spielt sich im Herzen des Einzelnen ab.

In Amélie Niermeyers Inszenierung wird der von Koltès angelegte Generationenkonflikt, Rassismus und die Dekadenz einer maroden Gesellschaft, auf feinfühlige und humorvolle Art auf die Bühne gebracht. Es ist ein Abend an dem Jung und Alt gemeinsam Lachen und Weinen können, ein Abend des Austauschs und der Versöhnung.