Über Heimat und Flucht - Hinter den Kulissen von Servus Salãm

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2015 sind circa eine Million Menschen aus Syrien, Albanien, Serbien, Irak oder dem Kosovo nach Deutschland geflohen. Davon kamen 21 300 nach München. Doch das sind nur Zahlen. Die einzelnen Schicksale oder gar den Menschen, der sich hinter dem Wort "Flüchtling" verbirgt, kennen wir meistens nicht. So ging es auch elf "alteingesessenen Münchnern" die dem Aufruf des JUNGEN RESI folgten und sich im vergangenen September für ein gemeinsames Theaterprojekt mit jugendlichen Flüchtlingen meldeten. 

Viele unserer Vorfahren haben Krieg erlebt, mussten fliehen oder wurden verfolgt. Doch heute kümmert uns das kaum. Wir sind zu beschäftigt, um uns der alten Geschichten anzunehmen, da sie uns selten direkt betreffen. Regisseurin Uta Plate hat in ihrem neusten Projekt zwei Randgruppen der Gesellschaft zusammengeführt: Alteingesessene Münchner begegnen jungen Geflüchteten. 10 Wochen lang treffen sie sich um ein gemeinsames Theaterstück zu erarbeiten. Die Teilnehmer nehmen dabei keine neuen Rollen an. Jeder performt sich selbst. Entstanden ist das Stück aus gemeinsamen Gesprächen, in denen jeder seine eigenen Geschichte, Wünsche, Hoffnungen und Ängste frei äußern konnte. Ängste und Hoffnungen, die wir nur noch theoretisch begreifen können. Zwar kennen wir die neusten politischen Entwicklungen, sind aufgebracht und verständnislos über die vielen Kriege und Gewaltakte, von denen uns berichtet wird. Doch wirklich nachempfinden können wir es nicht. Was es bedeutet verfolgt zu werden, nicht zu wissen, ob man selbst mit seiner Familie den nächsten Morgen erlebt oder das Gefühl der vollkommenen Fremde und Ungewissheit. Doch die Münchner Senioren konnten es. Manche haben selbst Flucht erlebt und kennen das Gefühl an einem Ort neu zu sein, sich erst einleben zu müssen und nicht zu wissen, ob man jemals ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft würde. Auch diejenigen ohne Fluchterfahrung kennen das Gefühl sich in einer Gesellschaft fremd zu fühlen, denn Heimat ist nicht nur der Ort an dem man lebt, sondern vor allem die Menschen mit denen man zusammen ist. In der gemeinsamen Arbeit wurden viele Parallelen herausgearbeitet, von denen wohl kein Teilnehmer zu Beginn gedacht hätte, dass es sie gibt. Renates und Salis Geschichte zum Beispiel: Renate ist mit 82 Jahren die älteste Teilnehmerin. In einem rührenden Dialog erzählt sie der 21-Jährigen Sali von ihrer Flucht aus Tschechien nach dem Zweiten Weltkrieg. Sali hingegen erzählt von ihrer. Sie ist aus Syrien nach Deutschland geflohen. Ort und Zeit liegen weit auseinander, doch die gemeinsame Fluchterfahrung verbindet. Und das merkt man allen Beteiligten an, egal ob "mit Fluchterfahrung" oder "ohne Fluchterfahrung". Gemeinsam lachen und scherzen sie in den Pausen. "Es war oft schwer, sie aus den gemeinsamen Pausen wieder auf die Bühne zu holen", erzählt Uta Plate. Den großen Altersunterschied merkt man der Gruppe nach zehn Wochen Probe nicht mehr an. Wie junge Schüler blühen die Senioren auf. Sie haben Spaß im Dialog mit dem Münchner Neuzuwachs. Es entstehen Freundschaften auch über das Projekt hinaus. So unterstützt einer der Senioren ein junges syrisches Mädchen und ihre Schwester, die nicht beim Projekt dabei ist, bei der Verlängerung ihres Asylaufenthalts, damit die beiden in Deutschland bleiben können. Auch den Jugendlichen bedeutet das Projekt viel. Neben Schule und Arbeit wird bis spät in die Nacht geprobt. Für manche ist das besonders schwer. Einer der Jugendlichen arbeitet jeden Tag von 2.30 Uhr bis 10 Uhr morgens in einer Bäckerei. Trotz der Anstrengungen, die sich daraus ergeben, will er mitmachen. Auch die 21-Jährige Sali wollte trotz großer Sprachschwierigkeiten am Projekt teilnehmen. Zu Beginn der Proben konnte sie noch kein Wort Deutsch sprechen. Heute steht sie auf der Bühne und erzählt ihre Geschichte.

Gemeinsamkeiten verbinden. Auch wenn diese furchtbar sind. Das spürt man auf und hinter der Bühne. Was hier passiert, ist mehr als Theater! Eine Gemeinschaft wurde geschaffen, eine Gemeinschaft zwischen zwei Gruppen von denen niemand gedacht hätte, wie und ob sie überhaupt miteinander harmonieren. Doch das tun sie. Während sich das Premierenpublikum auf den Heimweg macht, tanzen die Senioren und die Jugendlichen immer noch gemeinsam im Marstall Café. Das Projekt hat sie verbunden und den einen ein Stück Heimat aus der Fremde, den anderen aus der Vergangenheit zurückgebracht.