Was ist eigentlich das Unrecht, das Emma der Literatur angetan hat?

Dieses Unrecht besteht in einer zweifachen Verwechslung: Sie möchte die Literatur mit dem Leben identifizieren und dafür setzt sie jede Quelle der Erregung jeder anderen gleich. Aber diese Züge, die ihren Charakter und, wie man sagt, das »demokratische« Wesen definieren, sind auch diejenigen, die die Poetik ihres Erfinders definieren und weiter gefasst, die Poetik der Literatur als neues Regime der Schreibkunst. Genau das ist nämlich die Literatur: die Schreibkunst, die die Unterscheidung zwischen der Welt der Kunst und der des prosaischen Lebens dadurch verwischt, dass sie jedes Sujet jedem anderen gleichmacht. Zur Zeit der Belletristik waren die Gebiete wohl voneinander getrennt — zumindest für die Leute von Geschmack: es gab poetische oder prosaische Sujets, noble oder gewöhnliche Figuren, erhabene oder triviale Ausdrücke. Die Grenze zwischen den beiden Gebieten fasste sich in der aristotelischen Gegensätzlichkeit von Dichtung und Geschichte zusammen. Die Dichtung hatte mit Handlungen zu tun, mit der Verbindung von Handlungen, die sich ineinander verketteten, während die Geschichte nur mit dem Leben zu tun hatte, in dem die Dinge nacheinander passierten, ohne Grund, ohne organische Notwendigkeit. Diese dichterische Höherwertigkeit der Handlung über das Leben entsprach der Trennung der Menschheit in zwei Kategorien: es gab die kleine Zahl von Männern, die handelten, die sich der Verfolgung großer Ziele und Zwecke verschrieben und sich folglich den Höhen und Tiefen des Schicksals stellten, die mit diesen Unternehmungen einhergehen. Und dann gab es die Masse der Menschen — Frauen vor allem —, deren Aktivität in den Kreislauf des Lebens, seiner Erhaltung und Fortpflanzung eingeschlossen war. Als die Literatur mit Flaubert proklamierte, dass es weder schöne noch hässliche Sujets gab, vollzog sie damit nicht einfach eine Verbreiterung der Sphäre des Darstellbaren, sondern sie stellte diesen Gegensatz zwischen der Handlung und dem Leben, der unauflöslich dichterisch und gesellschaftlich war, in Frage. Es gibt keine Trennung zwischen dem Gebiet der poetischen Dinge und dem der prosaischen Dinge. Dieses neue Prinzip war nicht die Überzeugung eines Autors. Es war das Prinzip, das die Literatur als solche konstituierte, ihre eigene Würde ausmachte. Die Kunst stellte sich nicht, durch die Unabwendbarkeit der gesellschaftlichen Entwicklung, dazu zur Verfügung, nunmehr Figuren und Gefühle des Pöbels aufzunehmen. Es gibt keine noblen oder niedrigen Sujets mehr, das bedeutet: Die Reinheit der Kunst hat nichts mit ihren Sujets zu tun. Sie besteht sogar darin, dass nichts mehr das, was der Kunst angehört, von dem trennt, was dem prosaischen Leben angehört. Es ist nicht zufällig, wenn derselbe Autor prototypisch für den Realismus gehalten werden kann und für den Verfechter des »L’art pour l’art«. Aus derselben Notwendigkeit existiert nun die Kunst im Singular und mit Großbuchstaben und es gibt keine Grenze mehr, die die Kunst von dem trennt, was sie nicht ist. Deswegen prangern die Verfechter der Tradition mit gutem Recht die Komplizenschaft des Autors mit seiner Figur an. Die Gleichwertigkeit zwischen allen Sujets, die er proklamiert, die gleicherweise für den Unterschied des Stils verfügbar sind, entspricht der Gleichwertigkeit, die sich zwischen all den Gegenständen einrichtet, die fähig sind, die gesuchte Erregung zu provozieren. Die Erregung der Figur, die begierig nach Genuss ist, und die Ungerührtheit des Autors, der sich hütet, irgendein Urteil über die Taten und Gesten irgendeiner seiner Figuren zu fällen, sind die zwei Seiten einer Medaille; sie sind zwei Formen derselben Krankheit, deren Name Demokratie ist. Das ist ihr Urteil. Der Autor sieht diese Komplizenschaft ein wenig anders. Wenn er sich die Möglichkeit zuweist, jeder gewöhnlichen Sache die Eigenschaft der Kunst zu geben, kann er nicht die Rückseite der Medaille ignorieren: was für ihn gilt, gilt ebenso für Emma. Die literarische Gleichheit ist sicherlich unabhängig von jeder demokratischen Politik. Aber sie ist mit dieser Aufteilung des Sinnlichen verbunden, die den Unterschied aufhebt zwischen zwei Menschheiten, zwischen den Wesen, die für die großen Taten und raffinierten Leidenschaften bestimmt sind, und den Wesen, die dem praktischen Leben gewidmet sind. Die Verwischung der Grenzen und der Unterschiede, die die neue Macht ihrer Kunst begründet, definiert auch unerhörte Lebensmöglichkeiten für jeden Beliebigen. Unter diesen unerhörten Möglichkeiten, die sich dem Erstbesten anbieten, gibt es eben diese, auf seine Weise die Kunst und das Leben zu verschmelzen. Flaubert kann mit dem Leben einer Bauerntochter Kunst machen, sofern die Bauerntochter selbst ihr Leben in Kunst verwandeln kann und die Erfindung des Schriftstellers in eine Lebensform. Diese Möglichkeit wirft zwei Arten von Problemen auf. Es gibt natürlich die »soziale« Störung, die die zeitgenössischen Gemüter erregt: die »Deklassierung« der Söhne und Töchter des Volkes, die von der literarischen »Eitelkeit« erfasst werden, die sie ihren Lebensbedingungen entreißt. Balzac hat „Der Dorfpfarrer“ dem furchtbaren Schicksal einer Tochter eines Alteisenhändlers gewidmet, die von der Offenbarung des Buches und dem Kult des Ideals erfasst wird. Seine erste Sorge war, die gesellschaftliche Gefahr aufzuzeigen, die aus der Möglichkeit für jeden Beliebigen stammte, ein Individuum zu sein, das an allen Genüssen und besonders den Genüssen des Ideals teilhat. Wahrscheinlich hat er deshalb seine Heldin nicht getötet. Im Gegenteil, er hat sie zu einer Komplizin eines Verbrechens gemacht und somit das symbolische Verbrechen der Vermischung der Lebensbedingungen und Schicksale literarisiert. Flaubert sind diese Sorgen fremd. Er sorgt sich nur um die Kunst. Seine Sorge gilt dem Knoten, der die künstlerische Gleichheit mit dieser neuen Aufteilung des Sinnlichen verbindet, die die Freuden des Geistes jedem Beliebigen verfügbar macht. Das ist das zweite Problem, das nicht mehr die gesellschaftliche Ordnung, sondern die Kunst selbst betrifft: Wenn die Zukunft der Kunst in einer neuen Form der Ununterschiedenheit zwischen Kunst und nichtkünstlerischem Leben besteht, und wenn diese Ununterschiedenheit jedem Beliebigen verfügbar ist, was bleibt der Kunst übrig, um ihre Besonderheit zu begründen? Die neue Formel, die die Auszeichnung der Kunst begründet, bedeutet ebenso ihren Fall in die Ununterschiedenheit eines Lebens, das sich überall in die Kunst einschleicht, wie die Kunst sich überall ins Leben einschleicht. Um diese Konsequenz zu vermeiden, muss man die zwei Gleichheiten voneinander trennen und die zwei unterschiedlichen Arten, die Ununterschiedenheit von Kunst und Nicht-Kunst zu behandeln, voneinander scheiden. Es muss eine gute und eine schlechte Weise geben, die Ununterschiedenheit zu behandeln. Es ist also diese schlechte Weise, die der Autor in seiner Figur verkörpern muss. Er muss die Figur nach seinem Gegenteil konstruieren, als Anti-Künstler. Die gute Art und Weise die Ununterschiedenheit zu behandeln, die künstlerische, besteht darin, sie nur in das Buch zu legen, in das Buch als Buch. Die schlechte Art, wie es die Figur macht, besteht darin, sie in das wirkliche Leben zu verlegen. So trennt sich der Weg der Figur von dem des Künstlers. Darin besteht der »praktische« Verstand von Emma: sie behandelt die Kunst wie eine praktische Sache. Für sie bedeutet Kunst ein bestimmter Lebensstil, der alle Formen der Existenz durchdringen soll. Das ist das Prinzip der Gleichwertigkeit von Positivismus und Sentimentalität, diese Gleichwertigkeit, die den anti-künstlerischen Weg definiert. [..] Die Literatur ist für Emma vor allem ein hübsches Schreibnecessaire. Die Kunst, die sie in ihr Leben legt, besteht aus Vorhängen, Uhrarmbandanhängern, einem Paar blauer Vasen für ihren Kamin oder einer Werkzeugkiste aus Elfenbein mit einer Klinke aus vergoldetem Silber. Das ist der Fehler von Emma, ihre Verfehlung gegen die Kunst. Wir können ihm einen Namen geben: Ästhetisierung des alltäglichen Lebens.

Jacques Rancière zitiert nach dem „Flaubert Wörterbuch: Arsen bis Zucker“ herausgeben von Barbara Vinken und Cornelia Wild, Berlin 2010.
Für Neugierige in einem längeren Zusammenhang in Jacques Rancière „Politik der Literatur: Die Hinrichtung Emma Bovarys: Demokratie, Literatur und Medizin“, Wien 2008.

Madame Bovary

INHALTSANGABE

Die Idee einer Dramatisierung der neuen Übersetzung Elisabeth Edls von "Madame Bovary" stammt von Albert Ostermaier. Schreibend bleibt er zwar nah am Original, aber adaptiert nicht einfach den Roman. Das Stück enthält vieles, das es bei Flaubert nicht gibt. In der notwendigen Zuspitzung und Beschränkung für die Bühne ändert es dabei die Dramaturgie und Perspektive des Erzählens. Es wurde im Auftrag des Residenztheaters geschrieben.

Madame Bovary

MADAME BOVARY (FOTOGALERIE)

"Der Ehe- bruch ist so schal wie die Ehe, finden Sie nicht?"
Albert Oster- maier, "Madame Bovary" nach Gustave Flaubert

Madame Bovary

Madame Bovary

von Albert Ostermaier nach dem Roman von Gustave Flaubert in der Übersetzung von Elisabeth Edl

Madame Bovary