"Man muss die Toten ausgraben, wieder und wieder"

Heiner Müllers "Zement" und die Erinnerung an eine vergessene Revolution

Am 8. April ist endlich wieder "Zement" von Heiner Müller in der Regie von Dimiter Gotscheff, zugleich die letzte Arbeit des Theaterregisseurs vor seinem Tod, im Residenztheater zu sehen. Die Inszenierung eröffnete 2014 das 51. Berliner Theatertreffen. Es spielen u. a. Bibiana Beglau, Sebastian Blomberg und Valery Tscheplanowa.

Müllers sprachgewaltiges Drama über Gleb Tschumalows Kampf um den Aufbau eines Zementwerkes und der Liebe zu seiner Frau Dascha zeichnet ein leidenschaftliches Gefecht der verletzlichen Körper mit den alten und neuen revolutionären Ideen. Heiner Müller beschreibt vor dem Hintergrund des nachrevolutionären Sowjetrusslands die neuen Beziehungen zwischen Männer und Frauen, die Kämpfe zwischen Revolutionsbefürwortern und Revolutionsgegnern, bürgerlicher Intelligenz und Arbeitern. "Zement" erzählt die Geschichte einer Utopie, die in den Zeiten des Hungers und der wirtschaftlichen Zwänge, sowie unter der Macht des stalinistischen Apparates in Sowjetrussland aufgegeben worden ist. So wird der Prozess des Wiederaufbaus des Zementwerkes zur großen poetischen Metapher für den Enthusiasmus und die Schöpferkraft des einzelnen Menschen und der Gemeinschaft. Doch Heiner Müller verschweigt auch die Fehler und die Opfer nicht. 

"Wir stecken bis zum Hals im Kapitalismus
Und Morgen wird gemacht aus Jetzt und Hier."

In seiner Münchner Inszenierung gelingt es Dimiter Gotscheff gemeinsam mit seinem Bühnenbildner Ezio Touffolutti und dem Musiker Sandy Lopicic, diese großen historischen Vorgänge in poetische Bilder und musikalische Szenen umzusetzen. Das Spiel schafft aus der historischen Distanz Momente unmittelbarer Gegenwärtigkeit und zeichnet den Weg der Kraft aber auch der Verführbarkeit des Volkes im nachrevolutionären Sowjetrussland.

 

Heiner Müller am Resi

Der April steht im Zeichen von Heiner Müller mit dem Gastspiel "Der Auftrag" vom Schauspiel Hannover, der Wiederaufnahme von "Zement" im Residenztheater, Oliver Frljićs Premiere "Mauser" im Marstall + der Buchpremiere "Für alle reicht es nicht".

Heiner Müller am Resi
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"Zement" eröffnet das 51. Berliner Theatertreffen

Mit der Aufführung von "Zement" beginnt das diesjährige Theatertreffen am Freitag, 2. Mai 2014. "Zement" von Heiner Müller ist Dimiter Gotscheffs letzte Regiearbeit und die fünfte Inszenierung des im Oktober 2013 verstorbenen Regisseurs, die zum Theatertreffen eingeladen wurde. Die Premiere am Münchner Residenztheater war am 5. Mai 2013. Mit einem eigenen "Focus Gotscheff" ehrt das Theatertreffen die Arbeit dieses großen Theatermanns. Die Juryentscheidung für Dimiter Gotscheffs letzte Regiearbeit "Zement" nimmt das Festival zum Anlass, die Theaterarbeit des Regisseurs in den Mittelpunkt zu rücken.

"Zement" eröffnet das 51. Berliner Theatertreffen
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Zement

Zement

von Heiner Müller

Zement
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"ZEMENT"-PROBEN (FOTOGALERIE)

Zement

von Heiner Müller / Regie Dimiter Gotscheff

Der Schlosser und Bolschewik Tschumalow kehrt aus dem Krieg zurück und traut seinen Augen nicht: Das Zementwerk verrottet, die Arbeiter verscherbeln fürs eigene Überleben, was nicht niet- und nagelfest ist, die Frauen haben ihre Kinder in die Heime gebracht...

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