Macht braucht Zeugen im Marstall

Alexander Graf zu Lambsdorff und Stefan Kornelius diskutieren über Europas Zukunft

Herrscht das Unrecht? Wer trifft die Entscheidungen und wie weit reichen die Befugnisse? Wer ist von wem wozu legitimiert? Dass es derzeit offensichtlich schwer fällt, auf solch grundlegende Fragen allgemeine und einhellige Antworten zu finden, ist natürlich nicht so beunruhigend, wie es ein Leben unter der Herrschaft des Unrechts oder im Kriegszustand wäre. So gut ging es uns noch nie. Trotzdem wird das Politische leichterhand infrage gestellt und mit inneren und äußeren Bedrohungen spekuliert. Wohlige Schauer scheint die Vorstellung hervorzurufen, demokratische Verfahren aushebeln und wenigstens zeitweise durch autoritäre Akte der eigenen Gruppe oder Klientel ersetzen zu können. Sou - veränität und Handlungsmacht sollen sich daran erweisen, wer (über) den Ausnahmezustand verfügt, wer ihn also ausrufen kann und damit beherrscht. Erstaunlich, wie viele Akteure innerhalb und außerhalb von Regierungsparteien, Fernsehrunden und Internetforen sich im Augenblick um diesen Posten bewerben. Ein guter Zeitpunkt, den Blick auf die Katastrophenerfahrungen zu richten, die in der Dramatik vergangener Jahrhunderte gespeichert sind.

In der Spielzeit 2016/17 führt das Residenztheater die Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung fort und lädt regelmäßig zu einer Diskussion politischer, juristischer und gesellschaftstheoretischer Fragen ein, die jeweils von einem Journalisten der SZ moderiert wird. Nachdem sich die Gesprächsreihe in der vergangenen Spielzeit dem "Feind im Inneren" widmete, richtet sie jetzt den Blick auf verschiedene Zentren der Macht – und ihre Zeugen.

7. Mai 2017, 18.00 Uhr

MACHT BRAUCHT ZEUGEN IV: Grexit - Brexit - Exitus? Wohin des Wegs, Europa?

Es gab schon bessere Zeiten für und in Europa. Einst wuchs unter dem nach Kriegsende erbauten Dach der Europäischen Union eine bunte, vielgliedrige Familie heran, baute Seitenflügel und Obergeschosse an, nahm Verwandte und Bekannte auf, gab die lästigen Türen zwischen den einzelnen Zimmern auf und ließ zwischen Euro, Schengen und Erasmusstipendium eine schöne neue Welt entstehen. Noch weiß man nicht genau, wann die Bewohner im Verborgenen begannen, die Türen wieder aus den Kellern hervorzukramen und die Gemeinschaftsküche nicht mehr aufzuräumen. Fest steht: Das Haus ist vielleicht noch nicht bankrott, aber ungemütlich geworden. Man möchte aus der Nachbarschaft fortziehen, wenn das ginge. Europa hat jetzt nicht nur viele niegelnagelneue Türen, sondern vor dem Fenster eine große Mauer und vor dieser viele Leichen. Finanzkrise, Griechenland-Krise, Flüchtlingskrise, Brexit, der Streit mit dem ewigen Bündniskandidaten Türkei, die Entfremdung zwischen Staatsbürgern und supranationaler Bürokratie – die Risse im Gebäude sind tief. Leichtes Spiel für die Abrissbirnen der Populisten? Zeit für Bestandsaufnahme, Selbstvergewisserung, Zukunftsstrategien.

Zu Gast: Alexander Graf Lambsdorff (*1966 in Köln), ist seit 2004 Europaabgeordneter und wurde 2014 zum Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments gewählt. Zuvor war er fünf Jahre stellvertretender Vorsitzender der Fraktion der Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa (ALDE). Graf Lambsdorff ist Mitglied im Ausschuss für internationalen Handel sowie stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten. Außerdem ist er Mitglied im gemischten parlamentarischen Ausschuss EU-Türkei und in der Delegation des europäischen Parlaments für die Beziehungen zu Israel. Seit 2011 ist Graf Lambsdorff Vorsitzender der FDP im Europäischen Parlament. Mit seiner Expertise als ausgebildeter Diplomat engagierte sich Graf Lambsdorff bereits mehrfach als Leiter von EU-Wahlbeobachtungsmissionen in verschiedenen Ländern Asiens und Afrikas.

Moderation: Stefan Kornelius, ist seit 2000 als Ressortleiter Außenpolitik für die außenpolitische Berichterstattung und Kommentierung  der Süddeutschen Zeitung verantwortlich. Er schreibt vor allem zu europa- und sicherheitspolitischen Themen und war als Korrespondent und Büroleiter in  Washington, Berlin und Bonn stationiert. Kornelius wurde mit mehreren Journalistenpreisen ausgezeichnet, unter anderem dem Karl-Klasen-Preis und dem Arthur-F.-Burns-Preis für Kommentierung. Zuletzt erschien von ihm die außenpolitische Biografie "Angela Merkel – die Kanzlerin und ihre Welt", die in 13 Sprachen übersetzt wurde. Er absolvierte die Henri-Nannen-Journalistenschule und studierte in Bonn und an der London School of Economics Politik, Geschichte und Öffentliches Recht.

Eintritt frei, mit Einlasskarten.

In Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung.

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