KÖPFE IN STÜCKEN 15: VON BAHNHÖFEN UMSTELLT

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Kopflosigkeit brach auf dem Platz aus, der von einem guten Dutzend Bahnhöfen umstellt war, zwischen deren Mauerwerk, Beton- und Glasfronten in mittlerer bis großer Entfernung nichts als eine unüberschaubare Menge weitere Bahnhöfe auszumachen war. Ein Bettler schubste einen andern Bettler beiseite, um Svenja aus dem Weg zu springen, ein dicker Katholik bekreuzigte sich, eine Mutter stieß ihren Kinderwagen von sich, als wollte sie den Säugling als Brandopfer in Molochs Ofen schubsen. Ein Mann mit knallroter Krawatte, der eben noch in sein Mobiltelefon gebrüllt hatte, warf die Hände hoch, als hätte ihm das die SICHERHEIT befohlen."Weg da! Hau ab, sonst fehlste!" brüllte Svenja ihn an. Sie sprang im Lauf zur Seite und vermied es so, den Idioten umzuwerfen. Es war nicht einfach, so zu rennen, die Hände auf den Rücken gefesselt, ein Balanceproblem. Svenja schmeckte etwas Kupfernes im Mund, wohl Blut, von dem sie nicht wusste, ob es ihr eigenes war oder das der anderen Frau, weil die sich die Hand beim reflexhaften Zurückziehen an Svenjas Zähnen aufgerissen hatte. "Bleib stehen!" "Hör auf zu rennen, das ist doch sinnlos!" riefen die beiden, denen Svenja davonzulaufen versuchte, atemlos hinter ihr her, während sie der hakenschlagend Weiterhetzenden nachsetzten. Sinnlos, dachte Svenja, ja, das wäre es, wenn die additiv gefügten Architekturen, auf die sie zulief, wirklich nur Bahnhöfe sein sollten und sich in der Rasterstruktur des Baufelds um sie her nicht irgendein Durchgang fände unter all den nach einheitlichem Grundriss errichteten, nur in der Breite leicht variierten Anlangen. Mit der verzweifelten Glaubensgewissheit einer frühchristlichen Märtyrerin, die im Stadion einen Löwen vor sich hat, setzte Svenja beim Rennen all ihr Vertrauen in den Auswahlaxiomparagraphen des Kulissengesetzes der ROLLENORDER: Zu jeder baulichen Requisitenmenge, deren zusammengesetzte Teile aus Sicht- und Greifbarem bestehen, gibt es eine Auswahlfunktion, die jeder Einzelstruktur aus der Requisitenmenge eines seiner eigenen Bauteile zuordnet. Svenja hatte Glück, das Gesetz galt: Beim Stolpern zwischen zwei Bahnhöfen, ganz am Ende der Flanke des rechten, sah sie eine Doppelflügeltür, die Unbedarfte für einen Transport- und Zuliefererzugang halten mussten. Svenja aber kannte sich aus, und wusste deshalb, was das war: Ein Bühnenbauhintereingang, der die Sorte Raumordnung, die man Bahnhof nannte, mit derjenigen verband, die allen Kulissen zugrunde liegt, der Architektur des Theaters nämlich. Svenja wollte durch und auf die Rampe, um denen zu entgleiten, die mit ihr zusammen eine Person sein wollten, die sich von Publikum, Kritik und verordnetem Schwachsinn fassen ließ.

KÖPFE IN STÜCKEN 14: UNERLAUBTE UMTRIEBE

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Svenja drückte die Augen fest zu, um den Stresskopfschmerz einzuschüchtern, der aufkommen wollte. Dann senkte sie den Kopf und riss die Augen weit auf, um den Boden der Tatsachen direkt vor ihren Füßen deutlich genug zu erkennen. Was sich ihr als Erstes zeigte, war eine hundsrotzgewöhnliche Bahnhofsvorplatztaube mit skarabäusgrünem Hals.

KÖPFE IN STÜCKEN 14: UNERLAUBTE UMTRIEBE

KÖPFE IN STÜCKEN 13: EIGENZEITVERKNAPPUNG

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Die beiden Menschen, die Svenja wieder auf die Beine halfen, sahen ihr nicht nur ähnlich, sondern dabei auch noch verblüffend gut aus. Die Frau stellte sich als "Hallo, ich bin die Svenjana" vor und gab der Benommenen ein Papiertaschentuch, mit dem sie sich den Dreck von der Hand wischen konnte. Svenja dachte: Svenjana, das klingt einerseits wie ein Hörfehler für Swetlana, andererseits aber so, als wäre es eine Frage, wie eine leicht anzügliche Herausforderung: "Svenja, na?"

KÖPFE IN STÜCKEN 13: EIGENZEITVERKNAPPUNG

Köpfe in Stücken

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

In der Spielzeit 2016/17 bitten wir Dietmar Dath, für uns einen Fortsetzungsroman zu schreiben. Unter dem Strich, mit kurzen Spannungsbögen und steilen Erzählklippen. Zu jeder Premiere erscheint eine Folge, die zwar einzeln lesbar ist, aber ebenso in einem Gesamtzusammenhang steht, der sich Folge für Folge erschließt. Es spiegeln sich darin die Stoffe und Autoren der Spielzeit, die Gegenwart wirkt auf die einzelnen Folgen ein und das Vorhaben entspringt dem Wunsch, dass die Gedanken, Widersprüche und Hoffnungen, die hinter der Entstehung eine Spielplans stehen, in eine weitere Form gegossen werden.

Köpfe in Stücken
Kreise/Visionen

Kreise/Visionen

von Joël Pommerat

KREISE / VISIONEN