KÖPFE IN STÜCKEN 14: UNERLAUBTE UMTRIEBE

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Svenja drückte die Augen fest zu, um den Stresskopfschmerz einzuschüchtern, der aufkommen wollte. Dann senkte sie den Kopf und riss die Augen weit auf, um den Boden der Tatsachen direkt vor ihren Füßen deutlich genug zu erkennen. Was sich ihr als Erstes zeigte, war eine hundsrotzgewöhnliche Bahnhofsvorplatztaube mit skarabäusgrünem Hals. Sie schluckte an irgendeinem Dreck herum, die gefiederte Brust blinkte metallisch. Svenja dachte daran, wie die letzten Plastikfrischhaltetüten vom Penny-Markt vor dem Verbot ähnlich geleuchtet hatten, allerdings rot. Lichteffektgrenzen wurden da verletzt, richtig, erinnerte sich Svenja, es ist verboten, die Welt überdeutlich zu erkennen. Es war schon immer verboten. Wie hieß das bei der SICHERHEIT? Unerlaubte Umtriebe, genau. Sie hob den Blick und sah Svenjana traurig lächeln, dann knapp nicken. Das galt nicht Svenja, sondern war ein Signal für den Mann, der hinter ihr stand. Das klickende Einrasten des Handschellenverschlusses schien Svenja von weit her zu kommen, als beträfe es sie nicht. Der Moment der Dissoziation, den sie für einen Augenblick der Besinnung gehalten hatte, riss ab, als Svenjanathan nach den Polizeifesseln griff und Svenja daran rückwärts zu sich riss. Stark hielt er sie an sich gepresst. Mit der anderen Hand fasste er über ihre Schulter nach ihrer Nase und drückte sie mit Daumen und Zeigefinger zu, dass Svenja mit dem Mund nach Luft schnappen musste. Kaum tat sie das, lagen drei Finger der Frau auf Svenjas Zunge und ein Daumen beulte ihr von innen die rechte Wange aus. "Nicht zubeißen.", sagte die Frau kalt, "wenn du mir in die Hand beißt, halten wir dir Mund und Nase gleichzeitig zu, bis du’s lernst." Svenja verstand sofort, was die beiden vorhatten: Eine Involution des Körpers, der die Rolle trug, die sich das saubere Paar mit ihr teilen wollte. Griff in die tiefste Leibesinnerlichkeit der natürlichen Person und gewaltsame Anwendung einer Umkrempelfunktion, die, mit sich selbst verknüpft, Svenjas Identität ergab – ich hab das doch schon mal erlebt, nicht? Ich war fünf, dachte sie, oder sechs? Ich hatte mir ein Weidenkätzchen ins rechte Nasenloch gestopft, und musste zum Kinderarzt, der hat das entfernt, und dann kam das Krankenhaus, Mandeln, Polypen, irgend so etwas. Svenja wusste, dass sie keine Zeit für Erinnerungen hatte. Sie trat nach hinten aus, mit aller Kraft, dem Fesselhalter in die Hoden, würgte und spuckte die fremde Hand gurgelnd aus, senkte den Kopf wie ein Stier in Wut, ließ sich nach vorn fallen und rannte Svenjana um, als wäre die aus Pappe.

NUR HIER: DIES IST FOLGE 14 VON "KÖPFE IN STÜCKEN". DIETMAR DATH SCHREIBT FÜR UNS EINEN FORTSETZUNGSROMAN. ER SPIELT IN NAHER ZUKUNFT, IN DER AUCH DIE NÄCHSTE FOLGE ERSCHEINT: "VON BAHNHÖFEN UMSTELLT" IM PROGRAMMHEFT ZUR INSZENIERUNG VON JOËL POMMERATS "KREISE / VISIONEN".

KÖPFE IN STÜCKEN 15: VON BAHNHÖFEN UMSTELLT

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Kopflosigkeit brach auf dem Platz aus, der von einem guten Dutzend Bahnhöfen umstellt war, zwischen deren Mauerwerk, Beton- und Glasfronten in mittlerer bis großer Entfernung nichts als eine unüberschaubare Menge weitere Bahnhöfe auszumachen war. Ein Bettler schubste einen andern Bettler beiseite, um Svenja aus dem Weg zu springen, ein dicker Katholik bekreuzigte sich, eine Mutter stieß ihren Kinderwagen von sich, als wollte sie den Säugling als Brandopfer in Molochs Ofen schubsen.

KÖPFE IN STÜCKEN 15: VON BAHNHÖFEN UMSTELLT

RÜCKKEHR IN DIE WÜSTE INHALTSANGABE

Für den Industriellen Adrien ist der Boden unter seinen Füßen der "Mittelpunkt der Welt". Er erklärt seine Lebensphilosophie seinem Sohn Mathieu, den er hinter den Mauern des Familienbesitzes vor den fremden Gefahren verborgen hält. Doch Mathieu will die "Wüste" der französischen Provinz verlassen. Sein Cousin Edouard hat ihm von Algerien und dem Krieg erzählt. Mathieu möchte ein Held sein, sein Leben aufs Spiel setzen, "leiden ohne zu klagen, bluten". Er will nicht erben, er will sterben.

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KÖPFE IN STÜCKEN 13: EIGENZEITVERKNAPPUNG

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Die beiden Menschen, die Svenja wieder auf die Beine halfen, sahen ihr nicht nur ähnlich, sondern dabei auch noch verblüffend gut aus. Die Frau stellte sich als "Hallo, ich bin die Svenjana" vor und gab der Benommenen ein Papiertaschentuch, mit dem sie sich den Dreck von der Hand wischen konnte. Svenja dachte: Svenjana, das klingt einerseits wie ein Hörfehler für Swetlana, andererseits aber so, als wäre es eine Frage, wie eine leicht anzügliche Herausforderung: "Svenja, na?"

KÖPFE IN STÜCKEN 13: EIGENZEITVERKNAPPUNG

Köpfe in Stücken

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

In der Spielzeit 2016/17 bitten wir Dietmar Dath, für uns einen Fortsetzungsroman zu schreiben. Unter dem Strich, mit kurzen Spannungsbögen und steilen Erzählklippen. Zu jeder Premiere erscheint eine Folge, die zwar einzeln lesbar ist, aber ebenso in einem Gesamtzusammenhang steht, der sich Folge für Folge erschließt. Es spiegeln sich darin die Stoffe und Autoren der Spielzeit, die Gegenwart wirkt auf die einzelnen Folgen ein und das Vorhaben entspringt dem Wunsch, dass die Gedanken, Widersprüche und Hoffnungen, die hinter der Entstehung eine Spielplans stehen, in eine weitere Form gegossen werden.

Köpfe in Stücken
Rückkehr in die Wüste

Rückkehr in die Wüste

von Bernard-Marie Koltès

Rückkehr in die Wüste