KÖPFE IN STÜCKEN 12: WEITERDREHEN WELTABWÄRTS

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Die Schreie des jungen Mannes, den sie gezwungen hatte, sein Leben in ihres rutschen zu lassen, ignorierte Svenja, so gut sie konnte, da sie sich konzentrieren musste, weil sie wusste, dass sie nicht einfach geradeaus laufen durfte, sonst würde sie, so nah an der überschriebenen Szene, ins schlechte Sterben zurückfallen. Ihr kraftvolles, wütend verzweifeltes Rennen war eine Art verkehrter Anlauf zu einem Sprung, der schon hinter ihr lag. Als sie den Haupteingang des Bahnhofs passiert hatte, begann sie, sich zu drehen, um ihre Flucht zu vollenden. Einmal um sich selbst, leichter Schwindel stellte sich ein, aber sie wusste, dass sie sich um mehr als 720° drehen musste, um vor dem Handlungsbogen, aus dem sie gesprungen war, wirklich sicher zu sein – sie kannte die Translationssymmetrie, die über die Anordnung der Szenen in jedem einzelnen von Menschen in Deutschland im Laufe ihres Lebens bewusst oder unbewusst aufgeführten Stück wachte, und wusste, dass das, was sie regierte, eine diskrete, eine in Päckchen unterteilte, nicht stetige Sorte Symmetrie war, bei deren Navigation alles darauf ankam, dass die Inhaberin oder der Inhaber der Rolle die jeweilige Verschiebung einer Handlung oder einer Sinneinheit im Dialog gemäß einem festen Translationsvektor richtig einschätzte, auch wenn es sich letztlich bei Sprüngen wie ihrem nur scheinbar um eine räumliche, in Wahrheit aber um eine zeitliche Anpassung handelte. Sie trat fest mit dem linken Bein auf, um sich nicht weiter zu drehen als nötig, und strauchelte natürlich, weil sie sich im hintersten Hintergrund ihres Bewusstseins immer noch für die Verletzte bei einem Autounfall hielt, der ihr beide Identitätssupplemente, Sven und Svenjamin, weggenommen hatte, so dass sie eine Art endomorphen Verlustschmerz am Rand ihres Selbstbilds flackern sah, der sie schließlich zur Seite kippen und gegen die Außenmauer des Bahnhofs prallen ließ. Der Boden schien sich unter ihr weiterzudrehen, sie griff nach etwas, das ihr Halt geben konnte, kriegte aber nur den oberen Rand eines eingedellten, an der Delle rußschwarzen Mülleimers aus Metall zu fassen. Der Rand war feuchtklebrig, Svenja zog die Hand angewidert zurück. Da fiel der Eimer, endgültig abgerissen, ihr auf den Oberschenkel des abgeknickten rechten Beins. Stinkender Müll ergoss sich über ihren Rücken und ihre linke Schulter: ein Becher Milkshake von McDonalds, eine zerknüllte Klatschzeitschrift, eine leere Haarspraydose und ein leeres Ritex-Kondomfolienpäckchen. Svenja fluchte: "Scheiß… dummer Scheiß… alles." Zwei Leute lachten, neben ihr, dann reichten sie ihr die Hände: "Na, das war ja mal ein Auftritt. Willkommen in deiner Zukunft, Svenja!"

NUR HIER: DIES IST FOLGE 12 VON "KÖPFE IN STÜCKEN". DIETMAR DATH SCHREIBT FÜR UNS EINEN FORTSETZUNGSROMAN. ER SPIELT IN NAHER ZUKUNFT, IN DER AUCH DIE NÄCHSTE FOLGE ERSCHEINT: "EIGENZEITVERKNAPPUNG" IM PROGRAMMHEFT ZUR INSZENIERUNG VON ALBERT OSTERMAIERS "PHÄDRAS NACHT". KURZE SPANNUNGSBÖGEN, STEILE ERZÄHLKLIPPEN, DAZWISCHEN WARTEN, WARTEN, WARTEN. ZUMINDEST DIE VERGANGENHEIT IST NACHZUHOLEN UNTER: WWW.RESIDENZTHEATER.DE/KOEPFE-IN-STUECKEN 

KÖPFE IN STÜCKEN 13: EIGENZEITVERKNAPPUNG

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Die beiden Menschen, die Svenja wieder auf die Beine halfen, sahen ihr nicht nur ähnlich, sondern dabei auch noch verblüffend gut aus. Die Frau stellte sich als "Hallo, ich bin die Svenjana" vor und gab der Benommenen ein Papiertaschentuch, mit dem sie sich den Dreck von der Hand wischen konnte. Svenja dachte: Svenjana, das klingt einerseits wie ein Hörfehler für Swetlana, andererseits aber so, als wäre es eine Frage, wie eine leicht anzügliche Herausforderung: "Svenja, na?"

KÖPFE IN STÜCKEN 13: EIGENZEITVERKNAPPUNG

Insgeheim Lohengrin Programmheft Auszug (PDF)

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Phädras Nacht Programmheft Auszug (PDF)

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KÖPFE IN STÜCKEN 11: Abartige Antwort

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Die Worte schmeckten nach fauligem Hibiskus, aber andere hätten ihr nicht das Leben gerettet, also unterdrückte Svenja den Würgereflex, als sie sagte: "Du bist ein Teil meiner Vergangenheit, den ich vergessen und verleugnen wollte." Es klang fast so kalt kalkuliert, wie es war, und wenn Svenja sich selbst als Beobachterin von außen in dieser Lage hätte zuhören können, wäre sie vielleicht beeindruckt gewesen von der Selbstbeherrschung, mit der sie alle Skrupel beiseite ließ, die sie daran hätten hindern können, einen eigentlich Unbeteiligten in ihr Drama zu zerren.

KÖPFE IN STÜCKEN 11: Abartige Antwort

Köpfe in Stücken

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

In der Spielzeit 2016/17 bitten wir Dietmar Dath, für uns einen Fortsetzungsroman zu schreiben. Unter dem Strich, mit kurzen Spannungsbögen und steilen Erzählklippen. Zu jeder Premiere erscheint eine Folge, die zwar einzeln lesbar ist, aber ebenso in einem Gesamtzusammenhang steht, der sich Folge für Folge erschließt. Es spiegeln sich darin die Stoffe und Autoren der Spielzeit, die Gegenwart wirkt auf die einzelnen Folgen ein und das Vorhaben entspringt dem Wunsch, dass die Gedanken, Widersprüche und Hoffnungen, die hinter der Entstehung eine Spielplans stehen, in eine weitere Form gegossen werden.

Köpfe in Stücken
Insgeheim Lohengrin

Insgeheim Lohengrin

von Richard Wagner, Alvis Hermanis, Götz Leineweber, Wolfram Rupperti, Charlotte Schwab, Ulrike Willenbacher, Paul Wolff-Plottegg und Manfred Zapatka

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