KÖPFE IN STÜCKEN 10: Mehr Zeit als Raum

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Regionen hoben sich, Kaskaden rollten aus, Vorhänge fielen. Schwindende Achsenabstände drückten Schüttwinkel zusammen. Was vormals Staat und Gesellschaft gewesen und jetzt Schauspiel geworden war, passte sich dem Ausfall einer abgelehnten Szene an. Svenja, aus der Falle befreit, in der sie mit blutgefluteter Lunge beinah an sich selbst erstickt wäre, rieselte zwischen internationalen Vergleichen, an die dieses Deutschland allseitig angrenzte, auf eine neue Auswahl besserer Bühnenwirkungen zu. Teile Norditaliens und Bezirke Schottlands rutschten unter der ehemaligen DDR hindurch wie rollende Tiefenerde vor einem großen Beben sich absenkt. Die chinesische Sonderwirtschaftszoneninsel Hainan und zwei speziell für ausländische Geschäftsleute eingerichtete Hotelzeilen in Dubai spiegeln sich fünf Minuten lang in der mainzugewandten Glasfront des Turms der Europäischen Zentralbank, dann rasteten die Infraplätze und Suprastraßen ein. Als Svenjas angehaltener Atem wieder zu fließen begann, geschah das zunächst simultan auf mehreren Teilstrecken des dramaturgischen Ablaufkontinuums. Das lag daran, dass die Drehbarkeit des Spielorts Deutschland nach den ersten schweren sozio-ökonomischen Erschütterungen der Europäischen Union entlang der Zeitachse einfacher eingerichtet worden war als zwischen den drei Standard-Raumkoordinaten. Svenja wollte sich gerade daran machen, ihre "Vorher"- von ihren "Nachher"- und dann beide von ihren "Stattdessen"-Positionen zu sondern, als sie erkannte, dass ein Fehler vorlag: Ob sie gerade auf dem Motorrad saß, am Küchenspülbecken den Abwasch erledigte oder lesend im Bett lag, an allen diesen Orten und zu allen diesen Zeiten war ein sechsundzwanzigjähriger Mann namens Peter Wohlfahrt im Begriff, sich mit ihr zu verwechseln. Svenja erkannte ihn sofort: Er war der Mensch mit dem Smartphone, der seine Aufnahme ihrer anstrengenden Sterbeszene mit unzähligen anderen geteilt und so die von ihr verlangte Abstimmung über die Notwendigkeit der Szene und die Alternative einer rekursiven Bühnendrehung ermöglicht hatte. Befangen fragte Wohlfahrt: "Wo… bin… ich?" Sie wollte ihm helfen, schon um ihn so rasch wie möglich loszuwerden – der Grund für die Verschiebung war ja nicht schwer zu erraten: Die üblichen schlampigen Materialanhäufungen und die Nichtbefolgung des Gebots, lange Bohrungen wenn möglich zu kürzen und den Zerspannungsaufwand zu reduzieren, hatten eine Teilblockade nachgeordneter Szenenverfugungen erzeugt, der Svenja nur effektiv blockadelösend begegnen konnte, indem sie den Verirrten dazu anhielt, seine Frage in einer der Situation angemesseneren Grammatik zu wiederholen, nämlich entweder als "Wer bin du?" oder "Wer bist ich?". Der so Instruierte entschied sich für die erste Version und bekam augenblicklich die erwünschte Auskunft, die freilich alles noch viel schlimmer machte.

NUR HIER: DIES IST FOLGE 10 VON "KÖPFE IN STÜCKEN". DIETMAR DATH SCHREIBT FÜR UNS EINEN FORTSETZUNGSROMAN. ER SPIELT IN NAHER ZUKUNFT, IN DER AUCH DIE NÄCHSTE FOLGE ERSCHEINT: "ABARTIGE ANTWORT" IM PROGRAMMHEFT ZUR INSZENIERUNG VON HEINER MÜLLERS "MAUSER".

In einem Jahr mit 13 Monden Programmheft Auszug (PDF)

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Köpfe in Stücken

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

In der Spielzeit 2016/17 bitten wir Dietmar Dath, für uns einen Fortsetzungsroman zu schreiben. Unter dem Strich, mit kurzen Spannungsbögen und steilen Erzählklippen. Zu jeder Premiere erscheint eine Folge, die zwar einzeln lesbar ist, aber ebenso in einem Gesamtzusammenhang steht, der sich Folge für Folge erschließt. Es spiegeln sich darin die Stoffe und Autoren der Spielzeit, die Gegenwart wirkt auf die einzelnen Folgen ein und das Vorhaben entspringt dem Wunsch, dass die Gedanken, Widersprüche und Hoffnungen, die hinter der Entstehung eine Spielplans stehen, in eine weitere Form gegossen werden.

Köpfe in Stücken
In einem Jahr mit 13 Monden

In einem Jahr mit 13 Monden

von Rainer Werner Fassbinder

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