KÖPFE IN STÜCKEN 09: Der große Publikummer

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Viel Zeit blieb Svenja nicht. Die Umstände erbarmten sich und kamen ihr zu Hilfe: Erste Schaulustige, teils Passanten, teils aber auch Wohnungs-, Arbeits- und Namenlose, hatten den Unfall bemerkt und stiegen neugierig durch die große Lücke im Schaufenster, um sich den Schaden und das Leiden genauer anzusehen. Die reine Rolle wich zurück vor ihnen, klackerte mit dem frechen Schwenkarm, rasselte in aufkommender Territorialangst. Svenja erkannte sofort ihre winzige, flüchtige Chance: die Aussicht auf eine Drehung des Bühnenbildes. Mit letzter Kraft in Leib und Seele nutzte sie die rare Gelegenheit: "Schlech… schreckli… schleck…" krächzte sie, kaum mehr lebendig, und als sich eine alte, grell geschminkte Frau über sie beugte, die noch nie zuvor ein Unfallopfer gesehen hatte und daher unbedingt ganz genau wissen wollte, wie so etwas ausschaut, nahm sich Svenja bis zum Äußersten zusammen, fand diesmal die Worte, die sie eben noch wie mit Fusseln im Mund verfehlt hatte, und sagte so fest und deutlich sie konnte, in erfreulicherweise ausreichender Zimmerlautstärke: "Schlech… te… Szene…" Las sie da etwas wie Verstehen im Gesichtsausdruck der Frau? Hatte der rothaarige Mann mit Baseballkappe, den Svenja jetzt neben jener sah, ihren Appell gehört und begriffen? Schattenhaft ahnte sie jetzt Umrisse weiterer Menschen daneben und dahinter, hörte auch leise Stimmen. Wurde schon weitergesagt, was Svenja sich abgerungen hatte? Der Rothaarige hielt sein Smartphone über den zerstörten Körper der schwer Atmenden, auf deren Unterlippe sich Blutbläschen bildeten. Zwei junge Frauen, Teenager, drängten sich in Svenjas Gesichtsfeld. Sie sahen leicht angewidert aus, aber zugleich gut unterhalten, angenehm erregt. Svenja gönnte es ihnen – wenn der Typ mit der Kamera das Bild ins Allgemeine sendete, wenn sich Svenjas Antrag, die Sterbeszene als missratenen Inszenierungs-Ansatz zurückzuweisen und das Bühnenbild zu drehen, ins Publikum heben ließ, dann würden diese Mädchen und überhaupt alle, die sich zur Zeugenschaft des Szenenwechsels hier eingefunden hatten, bald verschwinden, als habe es sie nie gegeben, und bevor man auf solche Art ausgelöscht wird, weil man, wie es die gegenwärtige Verfasstheit des deutschen Gemeinwesens allen auferlegte, die nicht direkt für die ROLLENORDER oder die SICHERHEIT arbeiteten, anders als die spielbezogenen Kollektive bei Euripides oder Sartre gleichzeitig Publikum, Chor und Statisterie ist, soll man sich doch, fand Svenja, wenigstens noch ein paar Minuten lang wohlig gruseln dürfen. Was sie hoffte, trat wirklich ein: Per einfacher Akklamation pflichteten hunderte, dann tausende zugeschalteter Zuschauerinnen und Zuschauer der Verletzten bei, dass diese Szene sich nicht lohnte. Sofort setzten sich überzeitliche und unterräumliche, kreisbogen- und triebstockverzahnte Mechanismen in Bewegung. Svenja holte tief Luft, hielt den Atem an und schloss das gesunde Auge.

NUR HIER: DIES IST FOLGE 09 VON "KÖPFE IN STÜCKEN". DIETMAR DATH SCHREIBT FÜR UNS EINEN FORTSETZUNGSROMAN. ER SPIELT IN NAHER ZUKUNFT, IN DER AUCH DIE NÄCHSTE FOLGE ERSCHEINT: "MEHR ZEIT ALS RAUM" IM PROGRAMMHEFT ZUR INSZENIERUNG VON RAINER WERNER FASSBINDERS "IN EINEM JAHR MIT 13 MONDEN". KURZE SPANNUNGSBÖGEN, STEILE ERZÄHLKLIPPEN, DAZWISCHEN WARTEN, WARTEN, WARTEN.

Die Troerinnen Programmheft (PDF)

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Köpfe in Stücken

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

In der Spielzeit 2016/17 bitten wir Dietmar Dath, für uns einen Fortsetzungsroman zu schreiben. Unter dem Strich, mit kurzen Spannungsbögen und steilen Erzählklippen. Zu jeder Premiere erscheint eine Folge, die zwar einzeln lesbar ist, aber ebenso in einem Gesamtzusammenhang steht, der sich Folge für Folge erschließt. Es spiegeln sich darin die Stoffe und Autoren der Spielzeit, die Gegenwart wirkt auf die einzelnen Folgen ein und das Vorhaben entspringt dem Wunsch, dass die Gedanken, Widersprüche und Hoffnungen, die hinter der Entstehung eine Spielplans stehen, in eine weitere Form gegossen werden.

Köpfe in Stücken
Die Troerinnen

Die Troerinnen

von Euripides/Jean-Paul Sartre

Die Troerinnen