KÖPFE IN STÜCKEN 08: Wozu der Menschenschädel sich eignet

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

Svenja hustete blutig, dann wiederholte sie: "Kümmer… dich… um… Sven". Verdreht und mit pochendem Hüftschmerz lag sie im großen Schaden, den der Unfall angerichtet hatte. Sie betrachtete die Maschine, die reine Rolle, die gekommen war, um ihr beim Sterben zu helfen, und dachte daran, dass auch fünf volle Freiheitsgrade, also erstens die Auf- und Ab-Beweglichkeit des Hauptarms dieser Apparatur, zweitens die Gelenkverbindung dieses Hauptarms mit einem ebensolchen, aber kürzeren zweiten Arm, drittens die schwenkbare Befestigung eines dritten mit diesem zweiten, viertens die Ausziehbarkeit dieses dritten und fünftens die Schwenkbarkeit des handförmigen Arbeitskopfs desselben dritten, nicht genügten, ihr die Maschine als wirkliche Hilfe zu empfehlen, die ihr die ROLLENORDER geschickt hatte und die sie jetzt nach ihrem testamentarischen Willen fragte, statt dem anderen verletzten Unfallopfer nützlich zu sein. Die Stimme aus dem Lautsprecher aber strafte die Verletzte Lügen, als der sensorische Kopf des ersten Schwenkarms sich rundblickhalber einmal um sich selbst gedreht und nach Sven gesehen hatte: "Der kämpft sich schon alleine frei. Aber Sie, Svenja, haben nur noch ein Auge, und die ganze rechte Hälfte Ihres Kopfes ist… es tut mir leid, aber ich fürchte, Sie werden nicht mehr lange leben." Svenja hatte von Leuten gehört, die unterm Schock eine Wunde, die ihnen beigebracht worden war, nicht spürten, und blinzelte verdutzt, wie um zu überprüfen, ob das wahr sein konnte, was ihr da eben mitgeteilt worden war: Konnte sie noch räumlich sehen? Ein Mannequin in blauer Lederhose, mit Schal und einem Fuchsmusterhemd, etwas schräg, aber nicht umgefallen, dahinter die Tapete – war das eine Tiefenwahrnehmung in ihrem Gesichtsfeld? Nein, es kam ihr flächig vor. Als sie verstand, dass sie jetzt wohl wirklich sterben sollte, empfand sie keinerlei Selbstmitleid. Eher fühlte es sich an, als wäre ihr ein kompliziertes, schönes und vor allem teures Ding zerbrochen: Was hätte man mit dem Schädel noch alles anfangen können, mit der ganzen Feinphysiologie, dem Lidheberchen vor dem Auge, was hätte noch für Musik durch die kleine Paukenhöhle im Ohr klingen können, direkt neben der inneren Kopfschlagader vorbei. Am Bedauerlichsten fand die Sterbende das Wissen um die unwürdigen Vorgänge, die sich hier direkt nach ihrem Tod ereignen würden, den ganzen Kram mit der Leiche, die ihre Konkurrenz mit ihrem gut entwickelten Geruchssinn sicher in wenigen Minuten gefunden haben würde, wie Käfer, die Kadaver armer Artgenossen suchten, in die sie ihre Eier ablegen konnten, damit die Larven beim Schlupf gleich Futter fänden.

NUR HIER: DIES IST FOLGE 08 VON "KÖPFE IN STÜCKEN". DIETMAR DATH SCHREIBT FÜR UNS EINEN FORTSETZUNGSROMAN. ER SPIELT IN NAHER ZUKUNFT, IN DER AUCH DIE NÄCHSTE FOLGE ERSCHEINT: "DER GROSSE PUBLIKUMMER" IM PROGRAMMHEFT ZUR INSZENIERUNGVON EURIPIDES‘ "DIE TROERINNEN". KURZE SPANNUNGSBÖGEN, STEILE ERZÄHLKLIPPEN, DAZWISCHEN WARTEN, WARTEN, WARTEN.

Jagdszenen aus Niederbayern Programmheft Auszug (PDF)

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Köpfe in Stücken

Ein Fortsetzungsroman von Dietmar Dath

In der Spielzeit 2016/17 bitten wir Dietmar Dath, für uns einen Fortsetzungsroman zu schreiben. Unter dem Strich, mit kurzen Spannungsbögen und steilen Erzählklippen. Zu jeder Premiere erscheint eine Folge, die zwar einzeln lesbar ist, aber ebenso in einem Gesamtzusammenhang steht, der sich Folge für Folge erschließt. Es spiegeln sich darin die Stoffe und Autoren der Spielzeit, die Gegenwart wirkt auf die einzelnen Folgen ein und das Vorhaben entspringt dem Wunsch, dass die Gedanken, Widersprüche und Hoffnungen, die hinter der Entstehung eine Spielplans stehen, in eine weitere Form gegossen werden.

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Jagdszenen aus Niederbayern

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von Martin Sperr

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