Hundert Jahre Geschichte der Familie Serpenoise

Eine fiktive Familiengeschichte von Bernard-Marie Koltès

Im Jahre 1867 wird César Serpenoise als achtes Kind einer Familie von Bergleuten in einer Arbeitersiedlung geboren, die samt Häusern, Läden, Kirche, Straßen, Türen, Betten, Geschirr, Wäsche und sogar mit allen nächtlichen Träumen der müden Arbeiter restlos den Rozérieulles-Stahlwerken gehört. Ein paar Monate vor Césars Geburt hatte sich sein Vater an dem Tag, an dem sein ältester Sohn zum Militärdienst einrückte, mit einer Kugel in den Kopf das Leben genommen. Seine Leiche wurde an einem namenlosen Grab auf dem Friedhof der Siedlung entdeckt. Mit vierzehn beginnt César wie seine Brüder die Arbeit im Bergwerk. Aufgrund seiner schwachen Gesundheit weist man ihm nach einiger Zeit eine Arbeit über Tage zu. Durch seinen Eifer und seine schnelle Auffassungsgabe fällt er zunächst einem Vorarbeiter auf; dieser erwähnt ihn gegenüber dem Pfarrer der Siedlung, der ihm abends Latein und Rechnen beibringt. Nachdem er mit 18 zum Buchhalter befördert wurde, entwickelt er geschickte Ideen zur Neuorganisation der Aktenverwaltung und wird sechs Jahre später Chefprokurist der Rozérieulles-Stahlwerke. Der alte Rozérieulles liebte seine Arbeiter, und seine Arbeiter liebten ihn; er kannte aberhunderte beim Vornamen, er drückte ihnen die Hand und täuschte sich nie in der Zahl ihrer Kinder; die Arbeiter freuten sich bei den Hochzeiten und Taufen der Familie Rozérieulles und weinten bei ihren Beerdigungen. Darum entschloss man sich trotz der Fortschritte der Fördertechnik im Verwaltungsrat der Familie nicht dazu, einen Teil der Belegschaft zu entlassen. Und vor allem hatte gegen Ende des Jahrhunderts eine ungeheure, eine unerklärliche Müdigkeit von der ganzen Familie, vom Oberhaupt bis zum Jüngsten, Besitz ergriffen. Niemand dachte mehr an Innovationen, man führte die Geschäfte so, wie ein einsamer alter Mann sich sein Abendessen macht. Nach einigen Jahren befanden sich die einst blühenden Rozérieulles-Stahlwerke in einer beklagenswerten Situation.

Im Jahre 1900 ernennt der alte Rozérieulles César Serpenoise zum Generaldirektor und stirbt. Der Rest der Familie, die ihren Ehrgeiz mit ihrem Vater dahinsterben sieht, tritt die Macht und alle Entscheidungsbefugnis an César ab. Dieser kauft ein großes Haus im bürgerlichen Stadtviertel.

Im Jahr 1908 verkauft die Familie Rozérieulles alle ihre Aktien und setzt sich zur Ruhe; César kauft den Großteil auf. Er nimmt Entlassungen vor, reorganisiert und investiert. Die Rozérieulles-Stahlwerke heißen jetzt Serpenoise-Stahlwerke. Im selben Jahr heiratet César in aller Stille eine unbekannte Büglerin, die er im Haus eingesperrt hält; drei Monate später bringt sie Mathilde zur Welt. Zur selben Stunde wird in einem anderen Bürgerhaus desselben Viertels Marie Rozérieulles geboren. Im Jahre 1910 bringt die eingesperrte Büglerin Adrien zur Welt und stirbt kurze Zeit später, ohne dass ein Arzt  außer zur Ausstellung des Totenscheins  an ihr Krankenbett gerufen worden wäre. 1911: César wird zum Bürgermeister der Stadt gewählt. Er ist vierundvierzig Jahre alt. 1916: Geburt von Marthe Rozérieulles. Da César, wie sich herausstellte, die Geschicke der Stadt ebenso gut lenkt wie die der Fabrik, beschließt der Stadtrat im Jahre 1930, die Hauptstraße der Stadt nach ihm zu benennen. Mathilde war als Kind und als junges Mädchen düster, verschlossen und so gut wie stumm. Ihr lauter  und wilder Bruder machte sich lange Jahre einen Spaß daraus, sie zu ärgern, aber da sie keinerlei Reaktion zeigte, wurde er es schließlich leid, und sie lebten nebeneinander her, ohne sich zu sehen, außer zu den Mahlzeiten, bei denen sie sich abwechselnd schweigend anschauten.

Im Herbst 1930 ging Mathilde eines Abends im Garten spazieren, wo sie gewöhnlich Marie Rozérieulles traf, um leise mit ihr zu plaudern. An diesem Abend kam Marie nicht. Als es finster geworden war, überfiel Mathilde plötzlich eine unerklärliche Benommenheit, so dass sie sich kaum auf den Beinen halten konnte. Mit halb geschlossenen Augen ging sie zu einem Baum und legte sich nieder, um sogleich in tiefen Schlaf zu sinken. Am Morgen fand ihr Bruder sie schlafend; er rief den Hausdiener, der sie mit schwerem Fieber zu Bett brachte und sie einige Tage lang pflegte.

Nach etlichen Monaten wurde ihr Bauch immer runder, bis César schließlich begriff, welch ein Skandal auf das Haus zukam. Er sperrte seine Tochter unter Madame Queuleus Obhut in ihr Zimmer ein. Zwei Monate vor der Zeit kam Edouard aus dem Bauch seiner Mutter, und Madame Queuleu kümmerte sich um alles. Mathilde wurde streng bestraft; sie wurde von ihrem Vater dazu verurteilt, ein Jahr lang bei Tisch auf den Knien zu essen. Ihr Bruder schaute sie bei den Mahlzeiten immer noch an, aber Mathilde hob die Augen nicht mehr zu ihm auf. Marie, die sich sorgte, weil sie ihre Freundin nicht mehr sah, versuchte vergeblich, Zutritt in das Haus Serpenoise zu erhalten: stets wurde sie abschlägig beschieden. Daraufhin versuchte sie, auf andere Weise zu ihrer Freundin zu gelangen: energisch, unermüdlich, vorbehaltlos machte sie Adrien den Hof, so dass dieser sie in seiner Verblüffung über so viel Nachdruck nach einigen Monaten schließlich heiratete; daraufhin erhielt Marie Zugang zum Zimmer und zum Geheimnis ihrer Freundin. Im folgenden Jahr brachte Marie Mathieu zur Welt. 1933 gelang es Mathilde, durchs Fenster aus ihrem Zimmer zu entwischen, um im Garten spazieren zu gehen. Wieder schlief sie ein, und als sie kurz darauf merkte, dass sie abermals schwanger war, plante sie mit Maries Hilfe ihre Flucht aus der Stadt. Sie stahl Geld aus dem Safe ihres Vaters und nahm ein Schiff nach Algerien, wo im folgenden Jahr Fatima zur Welt kam. Im Jahr der Befreiung verlangte César auf seinem Totenbett, seine beiden Kinder zu sehen, um das Erbe aufzuteilen: Mathilde kehrte mit Edouard und Fatima zurück. César teilte sein Vermögen in zwei Teile, in das Haus und in die Fabrik, und wider Erwarten ließ er Mathilde die Wahl. Ebenfalls wider Erwarten entschied sich Mathilde für das Haus; und kaum war César gestorben, verlangte sie den Auszug ihres Bruders und ihres Neffen. Zu ihrem ohnehin schon schlechten Ruf wurde Mathilde bezichtigt, mit Deutschen geschlafen zu haben. Sie wurde kahlgeschoren und dazu gezwungen, von neuem mit ihren Kindern nach Algerien zu fliehen; das Haus überließ sie gegen eine geringe Miete Adrien. Im selben Jahr starb Marie Serpenoise unter ungeklärten Umständen in ihrem Bett.

Im November 1960 erhielt Adrien Serpenoise ein Telegramm von seiner Schwester, in dem sie für die folgende Woche ihre Rückkehr ankündigte.1961, nach Mathildes und Adriens Abreise, wurde Mathieu mit den allerletzten Einberufenen nach Algerien geschickt. Nach einem ausgiebigen Zechgelage in einem Bordell setzte er sich selbst an das Steuer des Jeeps, der ihn und seine Kameraden in die Garnison zurückbringen sollte, und da er nicht fahren konnte, stürzte er in eine Schlucht und kam mit seinem Kameraden um, als der Wagen ausbrannte. Fatima ging zu Fuß durch Frankreich, fuhr mit dem Schiff über das Mittelmeer, ging barfuß durch Algerien, ging in die Wüste, wo sie als Asketin lebte. Sie magerte ab, bis sie aussah wie ein Kaktus, und vertrocknete. Ihre Haut, ihr Fleisch und ihre Knochen vertrockneten über alles Maß, zerfielen zu Staub und wurden Sand, der vom Wind bis an die Grenzen Malis getrieben wurde. Edouard ward selbstredend nicht mehr gesehen. Mathilde und Adrien verkauften alles, Haus und Fabrik, über einen Notar. Sie bereisten die europäischen Großstädte, aber es gefiel ihnen nicht eine. Sie fuhren nach Rio de Janeiro, auf die Bahamas, nach Las Vegas. Schließlich ließen sie sich in einer Kleinstadt in Arizona nieder, die ausschließlich von alten Leuten gegründet, gebaut, verwaltet und organisiert war. Sie hatten Schwierigkeiten, aufgenommen zu werden, aber sie gaben sich für älter aus, als sie waren. Nach einiger Zeit hatte Adrien bereits die Leitung der Stadt übernommen, und sie verbrachten beide lange Abende am Swimmingpool, um sich über die unheilbare Greisenhaftigkeit ihrer Schicksalsgenossen lustig zu machen. An einem allzu feuchten Abend im Jahr 1967, als sie zu laut lachten, bekam Adrien einen Erstickungsanfall und starb in seinem Liegestuhl. Mathilde schaut ihn lange an, bis ihr vor Müdigkeit die Augen zufielen. Dann stand sie auf, ging langsam in die glühend heiße Nacht und legte sich unter eine Palme. Durch ihre halbgeschlossenen Lider sah sie hoch oben am stillen, roten Himmel langsam eine Wolke von Fallschirmspringern herabschweben. Die großen weißen Fallschirme kamen näher, aber bevor sie so niedrig waren, dass sie die Männer hätte erkennen können, die daran hingen, schlossen sich ihre Augen und sie hörte auf zu atmen.

Bernard-Marie Koltès schrieb diese fiktive Familiengeschichte der Serpenoises als Material für die Schauspieler der Uraufführung von "Rückkehr in die Wüste" am Thalia Theater Hamburg 1988 .

RÜCKKEHR IN DIE WÜSTE (Fotogalerie)

"Schau dir meine Füße an, Mathieu: Da hast du den Mittel-punkt der Welt" "Rück-kehr in die Wüste"

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Rückkehr in die Wüste

Rückkehr in die Wüste

von Bernard-Marie Koltès

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